Die Rhetorik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Zusammenhang mit der gesetzlichen Regelung des Urheberrechts hat sich in den vergangenen Monaten noch einmal deutlich verschärft. Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder (auf der Seite der Guten) lässt angesichts der Bedrohung durch Google (die Bösen) keine Gelegenheit aus, die Bundesregierung öffentlich aufzufordern, für die Wahrung der Autorenrechte einzutreten. Das ist, gerade angesichts des Beispiels der Musikbranche, die zu spät und dann auch noch falsch auf die umwälzenden Konsumgewohnheiten des Internets reagiert hat, seine Pflicht, auch wenn es hin und wieder etwas Enervierendes hat.
Den Enthusiasmus rund um das E-Book, der seit rund einem Jahr zumindest die Medien ergriffen hat - immer wieder ist die Rede von der elektronischen Zukunft des Buches - will auch der Börsenverein für sich nutzen: "libreka!" heißt das von der Börsenvereins-Tochter MVB (Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH) verantwortete Internet-Portal, das Download-Plattform für E-Books, Volltextsuche und Internet-Buchhandlung zugleich sein soll.
Die Last des Ansturms
MVB-Geschäftsführer Ronald Schild präsentierte während der Frankfurter Buchmesse mit großem Optimismus den überarbeiteten Auftritt von "libreka!" samt neuem Lesegerät. Die legale digitale Zukunft, so die Botschaft, könne beginnen. Erste Zweifel daran kamen auf, als "libreka!" während des so genannten "Download-Days", an dem Herta Müllers Roman "Atemschaukel" kostenlos herunter geladen werden konnte, unter der Last des Ansturms zusammenbrach.
Nun kursiert seit einigen Tagen im Internet (wo sonst?) ein anonymes Papier, das in der Branche für Aufregung sorgt: "libreka - ungeschminkt" heißt das vierseitige Dokument, das geradezu vernichtende Vorwürfe gegen die Download-Plattform und den MVB ins Feld führt: Etwa eine Million Euro pro Jahr, so der Vorwurf, pumpe der Börsenverein auf Kosten seiner Mitglieder in den "hirntoten Komapatienten" "libreka!"; im Monat September seien ganze 32 E-Books über das Internet an Endkunden verkauft worden.
Die Anschuldigungen des anonymen Schreibens, das, so steht zu vermuten, nicht von einem branchenfernen Verfasser stammen kann, sind drastisch: Noch nicht einmal die eigene Haustechnik habe der MVB im Griff; "libreka!" weise enorme technische Mängel und Sicherheitslücken auf; naiv und ohne Kompetenz im Endkundengeschäft sei der MVB.
Dessen Geschäftsführer Ronald Schild hat nun angekündigt, sich juristische Schritte gegen die Verfasser des Papiers vorzubehalten. Zu den anonymen Vorwürfen will er ebenso wenig Stellung nehmen wie zu Verkaufszahlen.
Schild baut auf eine dynamische Entwicklung des E-Book-Marktes in Deutschland, stellt jedoch klar, dass der MVB dafür Sorge getragen habe, "dass die Plattform in jeder Entwicklungsstufe wirtschaftlich betrieben werden kann" und auch gegenwärtig bereits profitabel arbeite. Schild ist sicher: "libreka! schreibt seine Erfolgsgeschichte vor allem, weil die Plattform ein Projekt der gesamten Branche ist." Bis heute ist von dieser vermeintlichen Erfolgsgeschichte bestenfalls der Prolog geschrieben.