Um es kurz zu machen: Herr Sarrazin deklassiert seinen Beitrag indem er die, in der Tat beunruhigenden, sozialen Fakten mit einem chauvinistischem Vokabular, einem unwissenschaftlichem Intelligenzbegriff und einem latent genetischem Rassismus verbindet. Ist Intelligenz vererbbar? Ja, zumindest anteilig. Bekommen „Unterschichtfrauen“ (ein grauenvoller Begriff) mehr Kinder als Frauen der Oberschicht? Ja. Folgt daraus, dass unser Land immer dümmer wird? Wahrscheinlich, allerdings nicht aufgrund der Dominanz eines negativen Genpools.
Erstens ist die Spannweite der statistischen Intelligenzunterschiede weit weniger dramatisch als Herr Sarrazin glauben macht und zweitens ist Intelligenz die Folge aus Anlage und Förderung. Ein Vertreter der statistisch „Dummen“ ist bei entsprechendem Fleiß durchaus in der Lage, Leistungen zu erbringen, die dem „Klugen“ leichter fallen. Der Anstieg der Abiturabschlüsse spricht hier für sich. Wenn die wachsende Unterschicht und mit ihr die gesamte Gesellschaft immer dümmer wird, so ist dies nicht das Werk defizitärer Gene, sondern einer hartnäckigen und expandierenden Bildungsferne.
Das erschütternde an den Aussagen von Herrn Sarrazin ist, dass er den eigentlichen Helden der Problematik Knüppel zwischen die Beine wirft. Diese Helden heißen Kevin oder Ayshe. Kevin, der nicht aufgrund, sondern trotz seines familiären Hintergrundes einen Realschulabschluss anstrebt und Ayshe, die für die Bildung ihrer Kinder putzte und kämpfte und nun gefragt wird, ob sie sich nicht wenigstens ein bisschen über das Abitur ihrer Tochter freut.
Aber auch viele von Sarrazins Kritikern und Heerscharen von selbsternannten Verteidigern der Toleranz versündigen sich an Kevin und Ayshe. Sie verteidigen eine Kuschelsozialpädagogik, die allein auf Einsicht und freiwillige Mitarbeit setzt, obwohl schon ein Blick auf Kevins Zähne genügt, um unterlassende Hilfeleistung zu diagnostizieren. Und Ayshe? Ayshe erhält Lob und freundliche Worte, Widerstände im eigenen Kulturkreis muss sie allerdings ohne Hilfe überwinden. Wer hingegen diese Unterstützung zur Pflicht erklärt, der hat mit Anfeindungen einflussreicher Toleranz-Apostel zu rechnen.
Gesetze zur Beschneidung
Das Phänomen ist gleichermaßen beglückend wie beschämend. Die leidenschaftlichsten Verteidiger der Aufklärung entstammen Kulturen und Regionen, die nicht zur Wiege derselben gerechnet werden können. Sie heißen Ali, Kelek oder Rushdie, treten entschlossen für Menschenrechte, Rechtstaat, Meinungs- und Pressefreiheit ein und werden dafür beschimpft, verfolgt und mit dem Tode bedroht.
Beglückend ist dieses Phänomen, weil es den universalistischen Anspruch der Aufklärung unterstreicht. Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung mögen erstmals in Europa formuliert worden sein, dies macht sie jedoch nicht zu europäischen Exklusivitäten. Der Vorwurf des Eurozentrismus versäumt in diesem Punkt zwischen der historischen Genese und dem Geltungsanspruch zu unterscheiden.
Scham bewirkt die Erkenntnis, wie wenig Unterstützung dieser Personenkreis erfährt. In der Tat ist hier eine beunruhigende Entwicklung zu verzeichnen. Als vor 21 Jahren die Fatwa gegen Salman Rushdie ausgesprochen wurde, schien die Solidarität der aufgeklärten Welt noch belastbar. Mit der gebotenen Empörung wurde das Todesurteil von höchster politischer Ebene zurückgewiesen, Aufenthaltsrecht und Schutzangebote wurden formuliert, die Satanischen Verse wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, gedruckt und nicht selten nur aus prinzipiellen Überlegungen gekauft und gelesen.
Bereits 17 Jahre später hatte sich das Bild dramatisch gewandelt. 2006 überschlugen sich europäische Staatsoberhäupter und Verleger mit Entschuldigungen und Bekundungen des Bedauerns als dänische Karikaturisten es wagten das Recht auf Pressefreiheit zu nutzen. In vorauseilender Unterwerfung wurden in zahlreichen europäischen Ländern sogar Gesetze zur Beschneidung der Religionskritik auf den Weg gebracht. Dass diese schließlich scheiterten, könnte nur eine Atempause im Prozess der Selbstauflösung der europäischen Rechtstaaten sein. Man stelle sich vor, nach den ersten Anfeindungen und Drohungen, wäre stattdessen in ganz Europa die dänische Flagge gehisst worden und sämtliche Presseorgane hätten die entsprechenden Karikaturen abgedruckt. Diese Alternative mag aus Gründen der Diplomatie und der Pietät nicht eben wünschenswert sein, dass sie jedoch vollkommen außerhalb des Möglichen, ja des Vorstellbaren lag, zeigt wie es um die europäische Verteidigung der Aufklärung bestellt ist.
Heroische Einzelpersonen wie Ali, Kelek oder Rushdie haben nicht nur Gewaltakte und mangelnde Solidarität zu fürchten, sie müssen auch der Versuchung widerstehen, in die Pauschalurteile eines Herrn Sarrazin zu verfallen. Wie immer sie sich entscheiden, die Anfeindungen von Sozialromantikern und postmodernen Kulturrelativisten sind ihnen sicher.
2007 versuchte Pascal Bruckner, ein Vertreter der französischen Nouvelle Philosophie, die Selbstgefälligkeit der Political Correctness zu erschüttern. Seine These vom „Rassismus der Antirassisten“ entlarvt die negative Dialektik multikultureller Toleranz. Die erste Ebene bezeichnet Bruckner als das Paradoxon des Multikulturalismus. Dieser gewährt allen Gemeinschaften die gleiche Behandlung, nicht aber den Menschen, aus denen sie sich zusammensetzen, denn er verweigert ihnen die Freiheit, sich von ihren eigenen Traditionen loszusagen.
Auf der zweiten Ebene offenbart sich ein Kulturchauvinismus, der sich durchaus mit der Rassentrennung der US-amerikanischen Südstaaten oder der Apartheit in Südafrika messen kann. Wer heute behautet, „die Muslime“ seien noch nicht so weit, um ihnen die Errungenschaften der Moderne wie Emanzipation oder Meinungsfreiheit zuzumuten, unterscheidet sich wenig von jenen Stimmen, die damals den Schwarzen die Reife absprachen, das Wahlrecht auszuüben.
Man kann sich des unguten Gefühles nicht erwehren, dass Bruckner eine unbequeme Wahrheit formuliert. Wesenskern des Rassismus ist die Reduktion des Individuums auf seine Zugehörigkeit zu einer Rasse oder Kulturgemeinschaft. Es kann zwischen Verfolgungs- und Unterlassungsrassismus unterschieden werden. Die jüngste Geschichte hat die grauenhaftesten Erscheinungsformen von aktivem Verfolgungsrassismus hervorgebracht. Während des Holocaust wurden jüdische Menschen nicht aufgrund persönlicher, individueller Eigenschaften, sondern allein aufgrund ihrer tatsächlichen oder angeblichen Zugehörigkeit zum Judentum in ihren Menschenrechten verletzt. Die Faustregel des Verfolgungsrassismus lautet: Wir verletzen deine Menschenrechte, weil du einer bestimmten Gruppe angehörst.