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Von Hentig und der Missbrauch: "Freundliche Berührungen"

Und noch ein Missverständnis: Dass Kinder eine eigene Würde haben, dass es schön ist, die Selbstverantwortung der Kinder zu fördern, bedeutet noch lange nicht, dass Kinder beim Sex mit Erwachsenen irgendeine Selbstverantwortung haben.

Missbrauch kommt in seiner Gedankenwelt nicht vor

Weil Hentig so überhaupt keinen Begriff davon hat, worum es geht, findet man auch nirgendwo eine Auseinandersetzung von ihm mit sexuellem Missbrauch. Missbrauch kommt in seiner Gedankenwelt überhaupt nicht vor. Etwas anderes als "freundliche Berührung" mag und kann er sich nicht vorstellen. Eine solche Haltung bei einem Pädagogen naiv zu nennen, wäre eine Verharmlosung. Sie ist gefährlich. Naivität und Verdrängung gehen bei Hentig eine fatale Mischung ein und sind nicht mehr zu unterscheiden.

Seit sich Hentig auf diese Weise desavouiert, seit er sich so in den Missbrauchsdiskussion an der Odenwaldschule (und anderswo) verwickelt sieht, sieht sich auch die gesamte Reformpädagogik in Frage gestellt. Darauf geht der Reformpädagoge im zweiten Teil des "Zeit"-Textes ein und distanziert sich gleich von der gesamten Reformpädagogik, auf die er sich nie berufen habe!

Aber auch das ist ein Kurzschluss: Nur weil es Menschen gibt, die körperlichen Kontakt und Sex nicht auseinander halten können, ist doch eine Pädagogik nicht falsch, die weiß, dass Nähe zum Kind eine Voraussetzung seines Gedeihens ist. Nur weil es solche Verdränger wie Hentig gibt, ist es doch nicht verkehrt, sich bei der Ausbildung an den spezifisch kindlichen Bedürfnissen zu orientieren.

Anstatt sich mit Fragen auseinander zu setzen, die sein Lebenswerk betreffen, schimpft Hentig lieber auf den Journalismus, dem er "pornografische Berichterstattung" vorwirft. Nun darf Hentig die Medien so viel beschimpfen wie er will, er darf sie auch pornographisch nennen und hat damit in einem gewissen, sehr allgemeinen Sinn sogar Recht. Aber im vorliegenden Fall, da es um Aufdeckung einzelner Verbrechen und eines großen kulturellen Zusammenhangs geht, bei dem die Medien alles in allem eine erstaunlich konstruktive Rolle spielen, ist er absurd.

Er distanziert sich und merkt es nicht einmal

Genauso wie er auf einmal nichts mehr mit der Reformpädagogik zu tun haben will, glaubt Hentig auch mit den Taten seines Freundes Gerold Becker nichts zu tun zu haben. Darauf zielt die rhetorische Frage, mit der er seinen Zeit-Artikel überschrieben hat: "Was habe ich damit zu tun?" Ich habe nichts davon gewusst, was also soll die Aufregung? Dass das eine deutliche Distanzierung von Gerold Becker darstellt, ist eigentlich erfreulich, nur bemerkt Hentig das gar nicht.

Am Ende seines Textes schreibt er, wie um sich selbst Lügen zu strafen: "Mein Freund bleibt mein Freund." Das hört sich heroisch, sehr tapfer und vor allem sehr würdevoll an. Die Pose macht deutlich: Hentigs Gedankenwelt kreist im Kern um eine altmodische Vorstellung von Würde und Ehre. Auch die von ihm bemühte "Selbstverantwortung" des Kindes scheint seine Wurzel in dieser etwas verschwiemelt-heroischen Ehre zu haben. In der Welt der Ehrenmänner, so ehrenvoll sie sonst auch gewesen sein mögen, kam die Vorstellung vom Missbrauch übrigens ebenfalls nicht vor.

Als seine Vorbilder lässt Hentig Rousseau und Sokrates gelten. Beide sind relativ fern, der Bezug unkonkret. Über ihren Umgang mit Kindern wissen wir wenig Gesichertes. Hentig liebt Bezüge zur antiken Mythologie, antike Herleitungen, er sieht sich gern als Bewohner der "Polis". Ganz egal, welche Rolle nun die Päderasten im alten Griechenland gespielt haben, dieser Glaube, ein Bürger der griechischen Geisteswelt sein zu können, hat doch etwas Weltfremdes und Selbstgerechtes.

Für das Weltfremde mag es eine Entschuldigung geben. Von Hentig hat sich öffentlich nie zu seiner Homosexualität bekannt, auch nicht in seiner tausendseitigen Autobiografie. Seine Sprache kommt aus einer Welt, als man zu Ausdrücken wie "Nihil humanum", "Nichts Menschliches, das einem fremd ist", greifen musste, um überhaupt andeutungsweise von sich reden zu können.

Keine Entschuldigung gibt es dagegen für die Selbstgerechtigkeit, in die sich Hentig mit seiner heroischen Altherrenpose hineinsteigert: - nicht der schlimmste, aber der unangenehmste Zug an seinen Ausführungen. Rückblickend bekommt da auch der Titel seiner Autobiografie "Mein Leben - bedacht und bejaht" einen unschönen, selbstzufriedenen Beigeschmack. Die scheinbare Ehrenhaftigkeit, mit der sich Hentig für Becker ins Zeug wirft, ist Verständnis am falschen Ort. Man kann um seinen Freund trauern, man kann ihm beistehen, ohne ihn schönzureden.

Hentig ist ein feiner Herr. Fragen des Stils sind für ihn immer von besonderer Bedeutung gewesen, wie sein vornehmes Auftreten mit Anzug und Fliege in der Vergangenheit deutlich gemacht hat. Nun erweist er sich als Mann von vollkommener Stilunsicherheit.

Bleibt die Frage, ob es sich bei Hentig um einen traurigen Einzelfall handelt, oder ob sich da vor unseren Augen gerade eine ganze Gedanken- und Gefühlswelt demontiert. Wir wollen nicht hoffen, dass der unglaubliche Text, mit dem sich Adolf Muschg zu Wort gemeldet hat, als die erste Äußerung der neuen Berliner Suhrkamp-Kultur zu verstehen ist. Sicher aber war es die Äußerung eines Freundes von Hentig: Muschg hatte den Missbrauch mit den Worten gerechtfertigt, Eros sei immer Grenzüberschreitung, es sei nur die Frage, ob mit Einverständnis oder ohne. Das kam aus dem gleichen Geist wie Hentigs Einlassungen.

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Autor:  Peter Michalzik
Datum:  30 | 3 | 2010
Seiten:  1 2
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