Verstörung auf beiden Seiten: Man kann es immer noch nicht glauben, dass dieser alte Mann, der jahrzehntelang so sehr und auch so schön für das Verletzliche im Menschen eingetreten ist, der sein Leben den Kindern und vielleicht noch mehr dem Kindlichen gewidmet hat, dass der große Pädagoge Hartmut von Hentig ebenso lange dem Missbrauch von Kindern zusah oder die Augen vor diesem Missbrauch mit einer Hartnäckigkeit verschlossen hat, die sich ebenfalls wie Mittäterschaft anfühlt. Er, der so viel Emphase für das Zarte hatte, wäre in Wirklichkeit da, wo es drauf ankommt, vollkommen fühllos gewesen. Kann das wirklich sein?
Hartmut von Hentig, heute 84, stand sozusagen für das Beste an der Nachkriegspädagogik. Man spricht bei ihm nicht umsonst gern vom Doyen der deutschen Pädagogik. Und dieser Mann soll nun in intimem Kontakt mit der finsteren Welt des Kindesmissbrauchs stehen? Es ist eines der am schwersten verständlichen und beunruhigendsten Kapitel in der anderen Geschichte der Odenwaldschule und der Reformschulbewegung, die jetzt mehr und mehr öffentlich wird.
Auch mit blühender Vorstellungskraft bringt man das nur schwer zusammen. Hier erleben zwei Welten eine Art Kurzschluss, zwei Welten, von denen man dachte, dass sie weiter auseinander sind als Rohan und Mittelerde.
Hartmut von Hentig ist ganz offenbar ebenfalls tiefgreifend verstört. Er beschäftigt sich intensiv mit den Vorwürfen gegen sich und gegen Gerold Becker, den er nun nicht seinen Lebensgefährten, sondern nur noch Freund nennen will. Das Einzige, was von dieser Beschäftigung nach außen drang, ist ein gewundener Artikel, den Hentig vergangene Woche in der "Zeit" veröffentlicht hat.
Ein bedeutend ehrlicher Brief
Einen langen und bedeutend ehrlicheren Brief, in dem Hentig sich zu rechtfertigen sucht und seine Version des für ihn verhängnisvollen Gesprächs mit einem Reporter der "Süddeutschen Zeitung" aufgeschrieben hat, will er dagegen nicht veröffentlicht sehen - so ein Bekannter Hentigs, der es gern gesehen hätte, wenn dieser Brief für die Öffentlichkeit zugänglich wäre.
Fatal für Hentig in der SZ war weniger - wie er meint - die Überschrift, in der es hieß: "Hentig aber leugnet, verdrängt und bagatellisiert." Fatal war, dass er sich damals zu der Äußerung hinreißen ließ, dass allenfalls ein Schüler Becker verführt haben könne. Darauf - und auf der Behauptung Adrian Koerfers, er wisse, dass Hentig mit Becker und einem Freund von ihm, damals Schüler, übernachtet habe - beruhen alle Vorwürfe gegen Hentig.
Es stellt sich also die einfache Frage: Ist Hentig grenzenlos naiv oder rechtfertigt er den Missbrauch? Um seine eigene Position zu verstehen, bleibt man auf die Zeilen der "Zeit" angewiesen. Nun ist dieser Artikel leider das Papier nicht wert, auf das er gedruckt wurde. Der einzige wirklich interessante Satz in dem einseitigen Text - es handelt sich quasi um eine Kürzestversion des Briefes, in dem Hentig seine Sicht des Gesprächs mit der SZ schildet - lautet: "Die mir bei den etwa zwölf Besuchen im Laufe der Jahre 1968 bis zu Beckers Abschied von der OSO 1985 erkennbaren ,Umgangsformen´ habe ich samt den jeweiligen Situationen geschildert; meine nach Bekanntwerden der Vorwürfe an Becker gerichteten Fragen ergaben Aussagen, die mich vielleicht hätten beunruhigen können (Wecken der Schüler durch freundliche Berührung), aber nicht an meiner Überzeugung zweifeln ließen, dass Becker nichts (also auch solche Gesten nicht) gegen den Willen eines Schülers ausgeübt habe."
Es ist ein Satz, der alles erklären möchte und nichts sagt. Die Überzeugungskraft solcher Sätze liegt bei null. Aber man sollte dieses Statement trotzdem aufmerksam lesen. Unter dem Strich bestätigt Hentig nämlich exakt, was der Kernvorwurf gegen ihn ist. Es war und ist nie die Frage, ob Becker etwas gegen den Willen der Schüler gemacht hat, es war und ist die Frage, ob er sie missbraucht hat. Und das liegt, zumindest nach deutschen Gesetzen, nicht im Ermessen des Schülers, das hängt mit guten Gründen nicht vom Willen eines Schülers ab.
Er versteht nicht, worum es geht
Wie kann es zu einer solch fundamentalen Verwirrung kommen? Um Hentig etwas besser zu verstehen, muss man sich auf seinen Stil einlassen. Der Satz ist, wie der gesamte von innen her vernagelte Text in der "Zeit", lang und gewunden. Der verschraubte Stil macht deutlich, dass da jemand alles erklären möchte - und nichts zu sagen hat. Er fühlt sich missverstanden, dabei versteht er nicht, worum es geht. Der Vorwurf gegen ihn lautet, dass er schwerem Missbrauch zugesehen habe. Seine Antwort ist, dass die "freundlichen Berührungen" nicht gegen den Willen der Kinder stattgefunden haben.
Hentig kann die Dinge offenbar nicht, oder nicht mehr, auseinander halten. Das ist das Schockierende: Was er nicht auseinander bekommt, liegt exakt in dem Bereich, den man für seine Kernkompetenz hielt. Was er nicht als Gebiet, auf dem es zu differenzieren gilt, begreifen kann, ist das Feld der Nähe. Er ist nicht in der Lage, etwas ganz Einfaches zu tun. Er kann nicht zwischen "freundlicher Berührung" und Sex unterscheiden.
Hentig scheint zu denken, dass Berührungen von den Opfern und der Öffentlichkeit mit Sex gleichgesetzt worden sind und werden. Dass es in Wirklichkeit nicht immer einfach ist, die Grenze zwischen Berührung und Sex bestehen zu lassen, bedeutet nicht, dass die Grenze an sich unklar wäre. Sie dürfte jedem, auch jedem Kind, einleuchten. Allein Hentig scheint das nicht zu verstehen. Deswegen noch einmal: Es geht und ging überhaupt nie um "freundliche Berührungen".