Die Frage nach seinem Alter ist ihm nicht so angenehm. "Zehn Jahre jünger sein, das wär´s." Das sagt Bei Ling mit einer gewissen Koketterie, die man ihm gern als das übliche, harmlose Spiel der Eitelkeit abnähme. Aber dann rechnet man zurück und entdeckt den bitterernsten Kern der Sache: Vor zehn Jahren lebte Bei Ling noch in China, seiner Heimat. Dann kam der alles verändernde Schnitt. Seit dem Sommer 2000 ist der Lyriker und Verleger ein chinesischer Exilant. Und er weiß, dass er ein relativ privilegierter Exilant ist.
Die inzwischen verstorbene Susan Sontag hat sich damals für seine Freilassung eingesetzt; nicht ohne Stolz weist Bei Ling im Gespräch, das wir in der Frankfurter Rundschau führen, auf die Freundschaft mit der berühmten amerikanischen Intellektuellen hin. Beim Verteilen von Schriften seines Verlags "Tendenzen" war er im August 2000 in Peking auf offener Straße verhaftet worden, hätte Susan Sontag nicht ihre Kontakte zu der damaligen Außenministerin Madeleine Albright aktiviert, säße er womöglich immer noch hinter Gittern.
Als Roland Barthes 1974 nach China reiste, sei er sehr vorsichtig gewesen, "weil er schwul war"; das habe Susan Sontag ihm erzählt. Heute, ergänzt Bei Ling, bringe man Homosexuelle nicht mehr um. Aber im Gefängnis ergehe es ihnen schlimm. "Die Polizei hasst sie immer noch." Da wir gerade beim Thema sind: Die Todesstrafe stehe weiterhin hoch im Kurs.
Bei Lings Tonfall nimmt eine zynische Strenge an: "Die Todesstrafe wird in China niemals zu existieren aufhören, man meint sie als Abschreckungssystem zu benötigen." Ob denn nicht wenigstens darüber diskutiert würde? "Wir sind keine Demokratie."
Wir. Das "Wir" verrät, dass Bei Ling innerlich noch in China zu Hause ist. Äußerlich lebt er in Boston, hat großzügige Stipendien erhalten, hat in Harvard chinesische Literatur unterrichtet und reist regelmäßig nach Taiwan, wo sein Verlag ansässig ist. Seine Schwester, eine Naturwissenschaftlerin, lebt ebenfalls in den USA.
Seine Eltern, frühere Universitätsdozenten, die während der Großen Kulturrevolution auf die Felder und in die Fabriken geschickt worden waren, haben ihn schon zweimal besucht. Kein Problem mit dem Visum? "Nein. Sie sind Naturwissenschaftler, außerdem im Ruhestand. Sie sind keine Intellektuellen."
Dabei stellt sich heraus, dass Bei Ling, der u.a. Walter Benjamin, Roland Barthes, Wole Soyinka und Vaclav Havel publiziert, den Begriff "Dissident" nicht mag. "Das Wort ist mir zu groß. Ich bin Schriftsteller, Literat." Seit seiner Ausweisung ist er nie mehr in Peking gewesen; lediglich für die Region Shenzhen hatte er einmal ein Visum bekommen, um dort zu unterrichten.
Mit am Tisch sitzt Fung On Lui, ein Hongkong-Chinese, der vor knapp 30 Jahren nach West-Berlin gekommen ist, um Germanistik zu studieren; heute arbeitet er in Frankfurt. Es trifft sich, dass sowohl Bei Ling als auch Fung On Lui sich für Paul Celan erwärmen; der eine als Verleger, der andere als Philologe und Übersetzer.
Als die Rede auf diesen Dichter deutscher Sprache kommt, dessen Heimat niemals Deutschland hieß, nimmt Beil Lings Stimme eine lebhafte Färbung an. Er entspannt sich und wirkt froh, die leidige, wenn auch notwendige Diskussion über das offizielle China, über das brutale Zensursystem der Volksrepublik (das er zuvor detailliert geschildert hat) und über die - wie er sich ausdrückt - "auf mangelnder Erfahrung mit der Supermacht beruhenden Ungeschicklichkeiten" der Frankfurter Buchmesse-Leitung einmal hinter sich lassen zu können.
Lings Gedichte, die auf Deutsch leider nicht vorliegen, erscheinen in seinem eigenen Verlag Tendenzen. Über die Auflage, um die 3000 Exemplare, darf man staunen: Wer sind die Leser? "Es kommt darauf an, ob wir die Bücher in der Volksrepublik veröffentlichen dürfen oder nicht. Celan dürfen wir veröffentlichen, Havel nicht." Ansonsten leben die Leser im demokratischen Taiwan, in Hongkong, wo immer noch eine gewisse Freiheit des Ausdrucks herrsche, und natürlich im Exil.
Auch wenn es "eine kleine Gemeinde" sei, so beklage er das nicht. "Ich selbst komme aus der Tradition der Underground-Literatur." Niemals sei er Mitglied im chinesischen PEN geworden, und wie die meisten Underground-Literaten habe er nie vom Schreiben leben können. Dagegen bezieht ein Erfolgsschriftsteller wie Mo Yan ("Das rote Kornfeld") eine Pension vom chinesischen Militär. Er war lange Offizier.
Am Morgen nach unserem Gespräch wird Bei Ling nach Boston zurückfliegen. Nach Frankfurt war er gekommen zu jenem viel diskutierten Symposion, bei dem es zum Eklat kam. Hat die Buchmesse-Leitung Fehler gemacht? Gegen die offizielle Delegation mit der allmächtigen Zensurbehörde GAPP im Hintergrund könne man nichts ausrichten, ist Bei Ling überzeugt. "Die wollen ihre Macht demonstrieren." Deshalb, resümiert er diplomatisch, mache er niemandem einen Vorwurf. Allerdings sei die Buchmesse jetzt verpflichtet, dafür zu sorgen, dass "die ganze Vielfalt der chinesischen Literatur" präsent sein werde in Frankfurt.
Wird er selbst wiederkommen zur Buchmesse? Er will es, unbedingt sogar. Nicht im Publikum möchte er diesmal sitzen wie bei dem Symposion, sondern auf dem Podium. Und mit einem "Offiziellen" will er vor aller Augen diskutieren. Aber noch wartet er auf eine Einladung.