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Walhalla: Ein abgeschlossenes Sammelgebiet

Heinrich Heine zieht als Büste ein in die Walhalla – nun soll es genug sein: Fast zehn Jahre lang stürmten die Freunde Heinrich Heines gegen die Tür der Walhalla, der vom Bayernkönig 1842 eröffneten Ruhmeshalle „Teutscher Zunge“ über Donaustauf bei Regensburg. Edmund Stoiber hielt sie fest verschlossen...

Dass Heine nach links blickt, ist das Äußerste an Subversion, was hier geboten wird.
Dass Heine nach links blickt, ist das Äußerste an Subversion, was hier geboten wird.
Foto: Armin Weigel/dpa

Die Eindringlinge versuchen in die Wohnung zu kommen. Sie rennen gegen die Tür an. Bald wird sie nachgeben. In jeder Komödie ist das der Moment, da – meist – eine Frau die Tür öffnet. Die unerwünschten Gäste stürzen überrascht ins Zimmer, fallen übereinander und stellen vorerst kein Problem mehr dar.

Heinrich Heines Gedichte waren so beliebt, dass selbst die Nazis einige davon in den Lesebüchern stehen ließen. Meine Mutter erzählte, dass sie die „Loreley“ auswendig lernen musste. Natürlich inklusive der Zeile: „Verfasser unbekannt“. Heinrich Heine war der deutsche Dichter von Liebe, Freiheit und Vernunft.

Fast zehn Jahre lang stürmten die Freunde Heinrich Heines gegen die Tür der Walhalla, der vom Bayernkönig 1842 eröffneten Ruhmeshalle „Teutscher Zunge“ über Donaustauf bei Regensburg. Edmund Stoiber hielt sie fest verschlossen. Heinrich Heine, die süßeste Spottdrossel deutscher Sprache, war ihm wohl nicht würdig neben Hermann, dem Römerbesieger, Goethe und all den anderen zu stehen.

Aber dann fand auch in dieser Komödie sich eine kluge Frau, die wusste, wie man ein Problem einfach los wird. Horst Seehofer übernahm diese Rolle. Er öffnete die Tür. Heine stürzte herein, und jetzt nimmt er Platz neben einer leicht geschürzten Victoria von Christian Daniel Rauch. Der Büste von Bert Gerresheim wurde im vorhinein bescheinigt, sie sei hier einmalig, sie breche mit Konventionen. Vielleicht tut sie das. Aber der viel beschriebene Riss, der durch sie gehen soll, ist leicht zu übersehen, und dass Heine nach links sieht, ist das Äußerste an Subversion. Horst Seehofer hatte Mittwoch um elf allen Grund zu bester Laune. Das war seine Veranstaltung.

Wie triste war der Auftritt am Vortag in Garmisch-Partenkirchen gewesen! Lebende bayerische Bauern sind doch etwas anderes als ein vor mehr als 150 Jahren verstorbener jüdischen Poet aus den preußischen Rheinprovinzen. Als Ludwig die Walhalla eröffnete, da hatte er darauf geachtet, dass Deutsche aus allen Ständen dabei waren. Ausdrücklich sollten auch Frauen aufgenommen werden. Es gab Katholiken und Protestanten. Aber: „Nur Luther, der Dickkopf fehlt in Walhall,/ Und es feiert ihn nicht der Wallhall-Wisch;/ In Naturaliensammlungen fehlt/ Oft unter den Fischen der Walfisch.“

Luther kam erst im Herbst 1847 – vermutet man, genau überliefert ist es nicht – hinzu. Es dauerte bis 1990 bis Albert Einstein als erster Jude in dieses Pantheon der großen Deutschen aufgenommen wurde. 2008 kam die konvertierte Edith Stein hinzu, und nun also Heinrich Heine, der das Christentum als Eintrittskarte zur europäischen Kultur und nicht etwa aus Glaubensüberzeugung angenommen hatte.

In seiner Festrede sprach der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Dieter Borchmeyer, davon, dass Orte wie die Walhalla und die hier propagierten Werte wie Ruhm, Ehre und nationaler Stolz heute nur mit viel Ironie erträglich seien. Er hat recht. Die Walhalla ist ein wunderbares Denkmal eines Nationalstolzes, der dazu diente, eine Nation zu schaffen. Der Marmorboden ist zweifarbig. Konzentriert man sich auf den weißen Marmor, erkennt man das Eiserne Kreuz, jene Auszeichnung, die geschaffen wurde, damit in den Befreiungskriegen auch die einfachen Soldaten dekoriert werden konnten.

Der ganze Bau ist voller Anspielungen auf germanisch-deutsche Geschichte, auf die Idee, dass die Deutschen die Hellenen der Neuzeit seien. Alles Hokuspokus. Wunderbar anzusehen, aber nicht zu retten für die Gegenwart, geschweige denn für die Zukunft.

Als die Walhalla erbaut wurde, waren Büsten ein Massenmedium. In Schlössern, Stadtparks und Alleen standen sie zu Hunderten. An ihnen bildete sich der Blick für Physiognomien. Man sah über das Gleiche an ihnen hinweg

und versenkte sich in sie, um sich zu wundern, dass Blücher nicht aussah wie ein Haudegen oder sich zu freuen, dass man in Johann Gottfried Schadows Klopstock-Büste etwas erkannte, was an den Dichter der Empfindsamkeit erinnern konnte.

Heute erschlägt den von filmischen Großaufnahmen, von bewegten Bildern verwöhnten Betrachter die marmorne Eintönigkeit. Er findet den Anblick toll. Verrückt also, wendet sich um und sieht begeistert auf die Donau hinab. Den Blick in die Landschaft genießt er ganz wie Ludwig I. es tat. Die Büsten grausen ihn. Wie sie Heine schon grausten. Der war und ist uns näher als Walhalla.

Nach Heine ist nur noch für drei Büsten Platz. Es sei denn, man änderte die Aufstellung von Grund auf. Das aber bitte auf keinen Fall! Man betrachte die Ruhmeshalle Walhalla als Museum. Man schließe die Sammlung. Walhalla ist das Museum eines vergangenen, glücklicherweise vergangenen judenfreien Nationalbewusstseins. Man sehe sie sich an als das Dokument einer glücklich überwundenen Vergangenheit. Das Deutschland der Walhalla ist ein abgeschlossenes Sammelgebiet.

Autor:  Arno Widmann
Datum:  28 | 7 | 2010
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