kalaydo.de Anzeigen

Washingtoner Erklärung: "Von Jemand gekauft, ders gestohlen"

Der Fall George Grosz ist ein gutes Beispiel dafür, wie skrupellos die Nazis Kunstraub betrieben haben. Er ist aber auch exemplarisch dafür, wie schwierig sich Provenienzforschung gestaltet. Von Harry Nutt

Der Maler George Grosz in seinem Atelier im us-amerikanischen Exil am Silverstertag 1944 bei der Arbeit an Cain or Hitler in Hell.
Der Maler George Grosz in seinem Atelier im us-amerikanischen Exil am Silverstertag 1944 bei der Arbeit an "Cain or Hitler in Hell".
Foto: Getty Images

Am 8. Januar 1953 schrieb der Maler George Grosz in einem Brief aus New York nach Berlin: "Modern Museum stellte ein mir gestohlenes Bild aus (bin machtlos dagegen) sie habens von Jemand gekauft, ders gestohlen." Bei dem Bild handelte es sich um das berühmte Porträt des Schriftstellers Max Hermann-Neiße, das noch heute im Museum of Modern Art in New York hängt.

Die Hintergründe der infamen Beraubung des von den Nazis verfolgten Malers George Grosz hat dessen Nachlassverwalter Ralph Jentsch hinreichend in dem Buch "Alfred Flechtheim - George Grosz: Zwei deutsche Schicksale" (Weidle Verlag) recherchiert.

Zwei weitere Grosz-Gemälde, "Pompe funèbre" (1925) und "Stillleben mit Okarina und Muschel" "1931", hängen heute in der Kunsthalle Bremen. Sie gehören zu den Bildern, deren Herausgabe nun von den Erben von George Grosz gefordert wird, um sie möglicherweise an ein eigens in Berlin entstehendes George-Grosz-Museum zu geben.

Der Fall Grosz ist ein prägnantes Beispiel dafür, wie skrupellos die Nazis Kunstraub betrieben und organisiert haben. Er ist aber auch exemplarisch dafür, wie schwierig sich Provenienzforschung gestaltet.

Jentschs Recherche über die Grosz-Bilder ist beeindruckend, aber nicht neu. Die Bremer Kunsthalle hat die Gemälde, die 1937 in Amsterdam versteigert worden waren, in den 70er Jahren erworben. Jentsch hatte die Kunsthalle Bremen bereits vor fünf Jahren zur Rückgabe aufgefordert, die Ansprüche dann jedoch wieder zurückgestellt, nachdem die Kunsthalle eigene Forschungen angestellt hat.

So stellt es sich jedenfalls Wulf Herzogenrath dar, dem Direktor der Bremer Kunsthalle. Neue Informationen über die Bremer Grosz-Bilder liegen ihm nicht vor. "Mir scheint das alles doch nicht seriös genug, sondern mehr auf die Stimmung zu gehen", sagte Herzogenrath nun gegenüber Deutschlandradio Kultur.

Und die Stimmung tendiert zu schärfer geführten Rechtsstreitigkeiten. Nach dem Urteil des Berliner Landgerichts zur Plakatsammlung des jüdischen Sammlers Hans Sachs (siehe FR vom 12. Februar) nehmen die Zweifel zu, dass einvernehmliche Lösungen im Sinn der Washingtoner Erklärung gesucht und gefunden werden.

Zehn Jahre nach der zwischenstaatlichen Verständigung über "gerechte und faire Lösungen" ist das Vertrauen in die praktische Umsetzung der Washingtoner Grundsätze eher wieder geschrumpft. Die Zahl der öffentlich ausgetragenen Streitfälle und die Spekulationen über deren Motive dürften indes zunehmen.

Autor:  HARRY NUTT
Datum:  24 | 3 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.