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Weltinnenpolitik Juni 2010: Sturm auf die ökologische Bastille

Was will der "Drachentöter", der "Oberbefehlshaber" denn tun? Seine U-Boot-Flotte losschicken, um das Öl-Leck zu torpedieren? Truppen gegen das BP-Management "und seine Hintermänner" in Marsch setzen? Soll nun, ähnlich wie George Bush jr. im "Krieg gegen den Terror" vermutete Ursprungsstaaten (wie Afghanistan und Irak) für die transnational operierenden Terrornetzwerke verantwortlich gemacht hatte, Obamas "Krieg gegen das ausströmende Öl" Großbritannien als vermutetes Ursprungsland für die katastrophale "Attacke" und "Belagerung" der amerikanischen Küste und Bevölkerung verantwortlich machen?

Barack Obama vergisst in der Tat nie, das Adjektiv "britisch" zu betonen, wenn er vom Energiekonzern spricht - so als ob britische Truppen erneut wie 1814 vor Washington stünden, um das Weiße Haus niederzubrennen.

Dabei hat "BP" längst das Globalisierungsschicksal ereilt. Ähnlich wie das Markenzeichen "made in Germany" Produkte umfasst, die alles andere als made in Germany sind, so ist "British Petroleum" nicht britisch. Denn der Konzern hat 1998 mit dem US-Ölgiganten Amoco fusioniert und bei dieser Gelegenheit im Sinne des vorwegeilenden ökologischen Gehorsams das Adjektiv "british" verbannt und durch das grüne Hoffnungswörtchen "beyond" ersetzt, so dass von da ab das Kürzel BP für "Beyond Petroleum" steht - jenseits des Öls. Ist da vielleicht die weise Voraussicht ihres katastrophalen Zusammenbruchs zum Paten der Namensumtaufe geworden? Mit BP beginnt die Zukunft ohne Öl!

Spätestens hier wird erkennbar, dass Weltinnenpolitik eine neue Art organisierter Unverantwortlichkeit ermöglicht. Wer glaubt, "British" Petroleum (BP) in flagranti ertappt zu haben, muss lernen, dass es sich dabei um einen Konzern handelt, der auch Amerikanern gehört, dessen Bohrinsel von Koreanern gebaut worden ist, und der die Steuern an das Eidgenössische Finanzamt-Department in Bern überweist. ("BP" steht also auch für "Bern Petroleum"!)

Das gelegentlich zu gründende Museum der Weltrisikogesellschaft füllt sich immer mehr mit Symbolen für die unfreiwillige Ironie der Jahrhundertfehler: In den 1950er Jahren galt als Antwort auf die Atomwaffenexplosion der Rat: "Duck and cover!" Um Dich vor der atomaren Verseuchung zu schützen, suche Deckung unter dem Tisch oder halte die Aktentasche über den Kopf! Wie die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl als Versagen eines "kommunistischen" Reaktors abgetan wurde, wird deep water horizon nun als "britische" Katastrophe auf die neuen Freund-Feinde abgewälzt (im Sinne einer Umkehrung der amerikanisch-britischen special relationship). Der oberste Befehlshaber der größten Militärmacht der Welt braucht - nach seinen eigenen Worten - "einen Arsch, in den er treten kann".

Die Sicherheitstechnologie der Ingenieure gleicht wieder einmal mehr der vielzitierten Fahrradbremse am Interkontinental-Flugzeug. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gab es nach deutschem Verwaltungsrecht nicht, weil kraft der Definitionsmacht des Gesetzes nur deutsche Kernkraftwerke deutsche Katastrophen verursachen können. Das amerikanische Recht sieht bei Ölkatastrophen eine oberste Entschädigungsgrenze von fünf Millionen Dollar vor. Obama hat den Täter-Konzern - zunächst - zu 20 Milliarden Dollar verdonnert. Dieser gibt nun aber in den Daumenschrauben der Weltöffentlichkeit zu, dass das Desaster allein ökonomisch wahrscheinlich gut das Doppelte kosten wird.

Eine endlich realistisch gewordene Politik, die diese "Jahrhundertfehler" überwinden will, muss auch den veränderten globalen Machtverhältnissen Rechnung tragen. China, Indien, Brasilien und afrikanische Länder werden keinem internationalen Ansatz zustimmen, der ihrem nachholenden Wirtschaftsaufstieg Grenzen setzen will - zu Recht! Nachdem der Wohlstand der Nachkriegszeit im Westen die Grundlage für die Entstehung von Umweltbewusstsein geschaffen hat, muss die Grundlage für das Umweltbewusstsein heute die Grundlage für Wohlstand in den sich entwickelnden Ländern schaffen: Diese Länder werden genau in dem Maße zu einer nachhaltigen Politik finden, in dem die reichen Länder in ihre Entwicklung investieren und sich selbst eine neue Vision von Reichtum und Wachstum in der Begegnung mit den globalen Anderen zu eigen machen.

Steht Umweltpolitik für den globalen Ablasshandel um CO2- Sünden, an denen die Gegensätze der Welt aufbrechen und so vorhersehbar zum Scheitern und Wieder-Scheitern von Klimakonferenzen führen? Oder vielmehr für den Mut, eine Sonnenenergie-Moderne zu erfinden und in die Welt zu setzen, für die Wohlstand keine ökologische Sünde ist?

Im technokratisch-stählernen Gehäuse der Umweltpolitik werden CO2 -Missionen zum Maß aller Dinge. Wie viel CO2 produziert eine elektrische Zahnbürste im Unterschied zur herkömmlichen (94,5 Gramm versus 0 Gramm)? Wie viel erzeugt ein elektrischer Wecker im Unterschied zum mechanischen (22,26 Gramm versus 0 Gramm)? In der christlichen Erlösungsvorstellung fließen im Paradies Milch und Honig, auf Erden aber führt der Milchgenuss direkt zum Umwelttod. Der "Klimakiller" Kuh erzeugt täglich ein paar Liter Methangas, das Äquivalent von fast einem Kilogramm CO2 pro Liter Milch.

Obama versprach feierlich der Nation und der Welt: "Es ist an der Zeit, saubere Energien einzuführen." So könnte also der Sturm auf die "Bastille Petroleum" (BP) beginnen. Am Golf von Mexiko schlägt vielleicht eine entscheidende Stunde der amerikanischen Geschichte. Obama könnte der Zukunft seinen Stempel aufdrücken und in der Tat das neue Zeitalter "Beyond Petroleum" (BP) - nach dem Erdöl - einläuten.

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Autor:  Ulrich Beck
Datum:  2 | 7 | 2010
Seiten:  1 2
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