Warum kommt es angesichts der Ölpest von Deep Water Horizon, einer der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte der USA, nicht zum Sturm auf die ökologische Bastille von Big Oil? Warum wird den dringendsten Problemen unserer Zeit - den ökologischen Krisen und dem Klimawandel - nicht mit derselben Energie, demselben Idealismus und vorwärtsstrebenden demokratischen Geist begegnet wie vergangenen Tragödien der Armut, der Tyrannei und des Krieges? Oder wird man Deep Water Horizon eines Tages als des ökologischen Roten Oktobers des big oil-Kapitalismus gedenken? Der Zustand der Ölindustrie erinnert an das Ancient Regime kurz vor dem Zusammenbruch.
Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat mehrere Wahrheiten. Es gibt die Schlamperei und Gleichgültigkeit des Unternehmens BP. Aber auch das Versagen der staatlichen Überwacher. Was bislang als wirtschaftsfördernde Politik belobigt wurde, wird nun als "Komplizenschaft mit Schurken" getadelt. Angesichts der schauerlichen Bilder vom austretenden Öl werden überall auf den kulturellen Bühnen antike Dramen ökologisch gewendet aufgeführt. Da gibt es Drachen und Drachentöter, Odysseen, Götter und Dämonen, nur dass die jetzt auf technische Formeln hören und die Gesichter des BP-Chefs Hayward und des US-Präsidenten Obama tragen.
Der Soziologe Ulrich Beck, geboren 1944, unterrichtet in München, London und Harvard.
Auf FR-online.de schreibt Beck regelmäßig, was ihm im Vormonat auffiel - in den Medien und in der Wirklichkeit an Zahlen und Ideen. Global und lokal. Lesen Sie alle Beiträge hier.(Bild: dpa)
Die USA verfügen über 2 Prozent der globalen Ölreserven.
Der Ölkonsum der USA beträgt dagegen 20 Prozent der weltweiten Reserven.
Quelle: Obamas Rede vom 15. Juni
Der BP-Chef gibt den reuigen Sünder und spricht von einer "nie dagewesenen Kombination von Pannen". Bei einer Anhörung im US-Repräsentantenhaus hält ihm ein demokratischer Abgeordneter die lange Liste von BP-Katastrophen vor und deckt damit eine weitere Wahrheit auf: Nach wie vor sind Hunderte, ja Tausende Ölplattformen allein in dieser Region, aber auch weltweit in Betrieb, für die die anderen big oils - Exxon, Shell usw. - verantwortlich zeichnen.
Jetzt allein auf BP einzuprügeln, ist billig. Deep Water Horizon ist das Symbol des schleichenden Niedergangs eines Weltexperimentes, eines Wachstumsmodells, das auf der Ausbeutung fossiler Ressourcen beruht und angesichts der ökologischen Krisen und des Klimawandels nun das Selbstvertrauen der Menschheit auf eine nicht reparable Weise erschüttert. Und die Pointe ist: Keiner kann sagen, er habe es nicht gewusst.
Seit 200 Jahren betreiben Feuer und Dampf Maschinen und Motoren. Ihre Erfindung ist der Ausgangspunkt des materiellen Wohlstands und seine Basis bis heute. Inzwischen allerdings ist eine ganze Generation mit dem Wissen aufgewachsen, dass eine Industrie, die auf fossilen Brennstoffen, zumal Öl beruht, mit ihrem Siegeszug über den Erdball angesichts der Endlichkeit der Öl-Ressourcen ihre eigenen Grundlagen verfeuert.
Schon vor mehr als hundert Jahren hat Max Weber dieses Ende des Öl-Kapitalismus in dem Bild "bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist" vorweggenommen. Derweil arbeitet diese fossil befeuerte Ökonomie wacker auf ihren eigenen Untergang hin, als gäbe es keine Alternative dazu. Das allerdings verspottet den common sense. Warum sollte eine Welt, der die Sonne kostenlos und unerschöpflich täglich ein Vielfaches ihres Energieverbrauchs spendet, sehenden Auges Ölwolken aus 1500 Meter Tiefe, die alles Leben ersticken, in Kauf nehmen?
Tatsächlich sind hier die vielbeschworene Innovationskraft des Kapitals und die Utopie-Begeisterung der Ingenieurkunst gefordert. "Schwerter zu Pflugscharen" hieß die Devise der Friedensbewegung. Die der ökologischen Bewegung heißt: Wüsten in Sonnenenergiequellen verwandeln!
Doch während das Öl sprudelt, kommt die Wahrheit scheibchenweise zutage. Wir haben, gesteht der Sünder Hayward, die Komplikationen unterschätzt, die Ölbohrungen in 1500 Metern Tiefe hervorrufen können. Niemand verfügt über die sicherheitstechnischen Mittel, um so einen Gau zu verhindern oder zu beantworten. Es ist gar nicht das Versagen, sondern es sind die Siege, die die Risiken, die damit eingegangen werden, unkontrollierbar machen. Die Ingenieure sind immer mutiger geworden auf der Suche nach Erdöl, sie haben tiefer und tiefer gebohrt und die potenziell tödlichen Nebenfolgen ihrer Erfolge für kontrollierbar gehalten (ähnlich wie die Finanzjongleure und mathematischen Ökonomen die toxischen Kredite). Die deprimierende Wahrheit ist: Das "Restrisiko" der Tiefenbohrungen beruht auf Nichtwissen.
Sollte die Sicherheitstechnologie versagen, würde es BP zufolge zwei bis vier Jahre dauern, bis die Gesamtmenge des Öls ins Meer geflossen ist. Nicht nur Tod bringendes Öl - Tag für Tag 60000 Fass -, sondern auch Tag für Tag weltweit vom Öl-Tod kündende Bilder: das wäre das Ende des big-oil-Kapitalismus. Und der Politik, die diese Zombie-Industrie am Leben erhält.
Angesichts dieser sich abzeichnenden Langzeit-Katastrophe, die die Sicherheit der amerikanischen Bevölkerung wie auch sein politisches Überleben bedrohen, erklärt US-Präsident Obama dem schwarzen Feind aus der Tiefe den "Krieg". Auch er hat jetzt seinen Krieg am Golf - von Mexiko.
Tatsächlich führt die Ölkatastrophe die größte Militär- und Wirtschaftsmacht der Welt als "failed state" vor. Und Obama droht, zum "failed President" zu werden. Darin spiegelt sich das Versagen des militärischen Denkens in der Weltrisikogesellschaft, in der die größten Gefahren für die Menschen nicht mehr von außen, von feindlichen Staaten, sondern von innen, von so genannten "ungesehenen Nebenfolgen" des Handelns in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik kommen. Treuhänder werden zu Verdächtigen, zu Tätern. Sie gelten nicht mehr als Risikomanager, sondern als Quelle der Gefahr.