Ein Unternehmen eines freien Landes, das sich auf den Informationsfluss spezialisiert hat, wird eine Zensur aus strikt ideologischen Gründen nie zulassen. So dachte ich einst. Dann belehrte mich der Google-Konzern, der den politischen Filter der chinesischen Behörden bis vor kurzem akzeptierte, eines Besseren. Und nun ernüchtert mich das Gebaren von DHL, des weltweit führenden Logistikkonzerns der Deutschen Post, in meinem Land, in Kuba, vollends.
Eine Auswahl der Texte, die ich in den vergangenen drei Jahren auf meinem Blog "Generación Y" veröffentlichte, ist in Buchform erschienen, zunächst in einem italienischen Verlag, vor drei Wochen auch auf deutsch und gleich danach, was mich am meisten freute, endlich auch auf spanisch, in der Originalsprache, bei einem argentinischen Verlag - unter dem Titel "Cuba Libre". Es sind Texte über die sonderbaren und absonderlichen Seiten des kubanischen Alltags, die die offiziellen Medien Kubas in der Regel verschweigen, und von denen auch in den Werbebroschüren der Tourismus-Konzerne nur selten die Rede ist.
Yoani Sánchez (35) ist die einflussreichste Bloggerin Kubas. Ihr Blog "Generación Y" (www.desdecuba.com/generaciony), auf den monatlich millionenfach zugegriffen wird, erscheint in 17 Sprachen.
Die Literaturwissenschaftlerin, die in Havanna wohnt, berichtet im Internet von der Mangelwirtschaft, von der Verlogenheit der Macht, vom Alltag im kubanischen Absurdistan.
Yoani Sánchez, Cuba Libre, Heyne, München 2010, 256 S., 16,95 Euro. (fr)
Der argentinische Verlag war sehr optimistisch. Da die Regierung von Raúl Castro mir nicht erlaubte, zur Vorstellung des Buches nach Buenos Aires zu reisen, beschloss er, mir ein Paket mit zehn Exemplaren des Buches nach Kuba zu schicken. Im Klappentext stehen da auf rot-schwarzem Hintergrund zwei Zitate: eines von Barack Obama, der meinen Blog lobt, und eines des Rekonvaleszenten Fidel Castro, der mich beschimpft.
Wem aber soll man eine solch delikate Sendung an die auf der Insel festsitzende Autorin anvertrauen? "Wir schicken das Paket mit DHL", flötete eine Stimme mit dem typischen Akzent von Buenos Aires am Telefon, "das ist zwar der teuerste Weg, aber auch der sicherste."
Vier Tage späte ging ich ins geräumige Büro von DHL in Miramar, einem Nobelviertel von Havanna. Dort empfing mich unter einem Plakat, das die Qualitäten des deutschen Konzerns pries, eine Angestellte des rund um den Globus agierenden Paketdienstes. Sie sagte mir, meine Sendung sei bei der Zollbehörde - die sich in demselben Gebäude befindet - "zurückbehalten" worden.
24 Stunden später - ich hatte mehrere Male telefonisch auf Klärung des Sachverhalts bestanden - erklärte mir eine Frau mit dem Namen Aniuska, dass die Spezialisten den Inhalt des Pakets analysieren würden. Es vergingen weitere zwei Tage, bis mir dieselbe Dame - ohne sich auch nur im geringsten zu entschuldigen - das endgültige Urteil verkündete: "Ihr Paket wurde beschlagnahmt."
Ich habe sie nicht beleidigt, ich habe sie auch nicht angeschrien. Ich habe nur klargestellt, dass es sich nicht um Beschlagnahme handele, sondern um Diebstahl an mir als Empfängerin und an den arglosen Argentiniern, die für die Dienstleistung bezahlt hatten.
Ich versuche mir die Szene vorzustellen: Die "Spezialisten" wägen Für und Wider ab. Darf das Buch auf die Insel, in meine Hände gelangen? Vielleicht suchen sie im Buch nach irgendeiner obszönen Zeichnung, die die öffentliche Moral verletzt. Vergeblich. Es sind nur Bilder von Hausmauern, mit politischen Parolen verziert, von ausgeschlachteten Innereien eines verlassenen Automobils und von kubanischen Flaggen über einem Markt, auf dem man in nationaler Währung nichts kaufen kann. Letzeres mag in der Tat obszön scheinen. Aber es ist nicht meine Schuld.
Oder suchten vielleicht Doktoren der Grammatik in "Cuba Libre" nach Druckfehlern? Oder handelte es sich um Militärspezialisten, die zwischen den Zeilen meiner Aufzeichnungen nach verschlüsselten Informationen über die Wirtschaft oder geheime Dokumente der Staatssicherheit suchten? Da fanden sie gewiss nichts, nicht einmal das Rezept für einen Guarapo, des ausgestorbenen Nationalgetränks, das man aus frisch gepresstem Zuckerrohr gewann.
Diejenigen, die verhindert haben, dass eine spanische Version meiner Texte zu Hunderten von Freunden gelangen konnte, tragen vermutlich Uniformen. Von Disziplin halten sie viel. Gelesen haben sie wohl eher wenig. Wahrscheinlich wussten sie ohnehin schon alles. Mein Telefon wird abgehört.
Vielleicht warnte man sie auch davor, die Texte zu lesen. Welchen Risiken setzt DHL die Fracht aus, die man ihr anvertraut? DHL müsste in all seinen Büros auf der ganzen Welt darauf hinweisen, dass man im Verkehr mit Kuba für die Unversehrtheit des Pakets nicht garantieren könne, weil hier ein ideologischer Filter gute von schlechter Post trennt.
Ein Buch zu schreiben ist ein bisschen wie ein Kind auf die Welt bringen. Sorgfältig eingewickelt in den gelb-roten Karton des renommierten internationalen Paketdienstes mit seinem Strichcode und seinen unauslöschbaren Stempeln, ist mein Baby von Händen aufgehalten worden, die nur den Applaus akzeptieren. "Cuba Libre" ist in Havanna gefangen.
Übersetzung aus dem Spanischen: Thomas Schmid