These 8
Ein Mangel an Gemeinsamkeiten mit kongenialen „Eine andere Welt ist möglich“-Bewegungen treibt Wikileaks dazu, mit zunehmend spektakulären – und immer riskanteren – Enthüllungen nach öffentlicher Aufmerksamkeit zu streben. Auf diese Weise schart die Organisation einen Kreis oft hochenthusiastischer, aber meist passiver Unterstützer um sich. Assange selbst hat gesagt, dass Wikileaks sich entschieden von der „egozentrischen“ Blogosphäre und Sozialen Medien entfernt hat und mittlerweile nur noch mit professionellen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten zusammenarbeitet.
Folgt man der Art und Menge der Wikileaks-Enthüllungen von ihren Anfängen bis zum heutigen Tag, so fühlt man sich auf schaurige Weise an ein Feuerwerk erinnert – mit großem Finale wie am jüngsten Tag. Das wirft ernsthafte Zweifel auf an der Zukunftsfähigkeit von Wikileaks selbst, möglicherweise auch dem Wikileaks-Modell. Wikileaks operiert in lächerlich geringer Größe (mit im Kern wahrscheinlich weniger als einem Dutzend Menschen). Während die Größe und der Sachverstand von Wikileaks’ technischem Service schon durch seine schiere Existenz belegt wird, ist die Berufung auf einige hundert – oder noch mehr – ehrenamtliche Analysten und Experten nicht zu verifizieren und scheint wenig glaubwürdig. Hier liegt Wikileaks’ Achillesferse – nicht nur im Hinblick auf Risiken oder Nachhaltigkeit, sondern auch politisch gesehen.
These 9
Wikileaks’ interne Organisationsstrukturen sind frappierend intransparent. Sich moralisch im Recht zu fühlen, hilft da nicht wirklich weiter. Da Wikileaks weder ein politisches Kollektiv ist noch eine Nichtregierungsorganisation im juristischen Sinne, eine Firma oder Teil einer sozialen Bewegung, müssen wir zuallererst diskutieren, mit was für einer Art von Organisation wir es hier eigentlich zu tun haben. Ist Wikileaks ein virtuelles Projekt?
Immerhin existiert es in Form einer (zur Verfügung gestellten) Website mit einem Domain-Namen. Das ist die Quintessenz. Aber hat Wikileaks ein Ziel, das über die persönlichen Ambitionen seiner/seines Gründer/s hinausreicht? Ist Wikileaks reproduzierbar, und werden wir den Aufstieg nationaler oder lokaler Zweige erleben, die den Namen Wikileaks beibehalten? Nach welchen Spielregeln werden sie operieren? Oder sollten wir Wikileaks lieber als Konzept sehen, das sich von Kontext zu Kontext bewegt und sich dabei, wie ein Mem (Gedankeneinheit, die sich durch Kommunikation vervielfältigt), in Zeit und Raum verwandelt?
These 10
Möglicherweise wird Wikileaks sich selbst organisieren mit einer eigenen Version des IETF-Slogans (Internet Engineering Task Force), demzufolge es nur eines groben Konsenses bedarf, damit die Dinge laufen. Projekte wie Wikipedia und Indymedia haben dieses Problem auf ihre eigene Weise gelöst, wenngleich nicht ohne Krisen und spaltende Konflikte.
Eine Kritik wie die hier geäußerte, ist nicht darauf gerichtet, Wikileaks in ein traditionelles Format zu zwingen. Im Gegenteil: sie will erkunden, inwieweit Wikileaks (und seine künftigen Klone, Partner, Avatare und kongenialen Familienangehörigen) als Modell dienen könnten für eine neue Form von Organisation und Zusammenarbeit. Der Begriff „organisiertes Netzwerk“ ist für derartige Formate bereits geprägt worden. Ein anderer Terminus wäre „taktische Medien“ oder allgemeiner „Internetaktivismus“. Wir können vor der Herausforderung, uns mit den neuen (post-repräsentationalen) Netzwerken auseinanderzusetzen, nicht davonlaufen.
These 11
Die weit verbreitete Kritik am Personenkult um Julian Assange, den dieser selbst begründet hat, verlangt nach Alternativen. Wäre es nicht besser, Wikileaks als anonymes Kollektiv zu betreiben oder als „selbstorganisiertes Netzwerk“? Viele Netzaktivisten würden sich gleich eine Fülle solcher Web-Auftritte wünschen. Es gibt sogar schon eine Gruppe um den ehemaligen Assange-Wegbegleiter Daniel Domscheit-Berg, die an einem Wikileaks-Klon bastelt.
Diejenigen, die sich wünschen, Wikileaks-Projekte würden im Netz wuchern, übersehen allerdings, wie viel Expertenwissen nötig ist, um eine solche Seite erfolgreich zu betreiben. Paradoxerweise ist ein hohes Maß an Geheimhaltung nötig, wenn es um diese Art des Öffentlichmachens geht. Entgegen Wikipedias Philosophie der Teamarbeit ist Wikileaks eine geschlossene Gesellschaft, die mit Hilfe einer unbekannten Zahl anonymer Mitarbeiter betrieben wird. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass das Knowhow, um ein Unterfangen wie Wikileaks zu stemmen, alles andere als transparent ist. Anonym erhaltene Dokumente müssen weiter anonymisiert werden, bevor sie online gestellt werden können. Sie müssen überarbeitet werden, bevor sie an die Server der internationalen Medien und einflussreichen Qualitätszeitungen herausgegeben werden können.
Wikileaks hat sich in den letzten Jahren großes Vertrauen erarbeitet. Newcomer werden um diesen zeitraubenden Prozess nicht umhinkommen, denn das Wikileaks-Prinzip ist eben nicht das des Hackens (hinein in staatliche oder Unternehmensnetzwerke), sondern das, Insidern dieser Organisationen die Möglichkeit zu geben, sensible Daten zu kopieren und sie an die öffentliche Sphäre weiterzuleiten und dabei gleichzeitig anonym zu bleiben.
Ehe wir also nach ein, zehn oder mehr Wikileaks-Seiten im Netz rufen, sollten wir uns klar machen, dass die Beteiligten Risiken eingehen. Als allererstes steht der Schutz der Whistleblower, also der „undichten Stellen“ auf der Agenda. Ein weiterer Punkt ist der Schutz derjenigen, die in den weitergereichten Dokumenten genannt werden. In Hinblick auf die Afghanistan-Dokumente muss man fragen, wie viele „Kollateralschäden“ Wikileaks verkraften kann. Aus diesem Grund ist das Aufbereiten (und das Auslassen) der Daten ein wesentliches Element der Veröffentlichung. Nicht nur OPSEC, Betriebssicherheit, sondern auch OPETHICS, Betriebsethik. Sollte der Akt der Veröffentlichung diesen beiden Maßgaben nicht folgen, besteht die Gefahr, dass die journalistische – und auch politische – Revolution in den Kinderschuhen stecken bleibt und dort endet.
These 12
Wir glauben nicht, dass es wesentlich ist, sich für oder gegen Wikileaks auszusprechen. Wikileaks existiert und wird auch weiterhin existieren – bis es sich selbst abgeschafft hat oder von seinen Gegnern zerstört worden ist. Uns geht es vielmehr darum, ganz nüchtern zu ermitteln, was Wikileaks tun kann, tun könnte und vielleicht sogar tun sollte, und darüber hinaus den Versuch zu wagen, einmal zu formulieren, wie „wir“ mit dem Phänomen Wikileaks umgehen, uns in Bezug zu ihm setzen können. Allen seinen Schwächen und allen widrigen Umständen zum Trotz hat Wikileaks der Sache der Transparenz, der Demokratie und der Offenheit einen wertvollen Dienst erwiesen. Und auch wenn wir uns manchmal wünschten, Wikileaks wäre anders, müssen wir feststellen: Gäbe es Wikileaks nicht, dann müsste es dringend erfunden werden. Wir müssen davon ausgehen, dass immer mehr sensibles Material veröffentlicht wird.
Übersetzung: Marie-Sophie Adeoso, Natalie Soondrum, Christian Schlüter