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Spannungsfeld von Freiheit und Gleichheit: Wo beginnt die Unterdrückung?

Über die Schwierigkeit, eine Balance zwischen Freiheit und Gleichheit zu finden. Ein historischer Überblick.

        

Überbetonung der  Gleichheit: Russische Soldatinnen nach der   Oktoberrevolution 1917.
Überbetonung der Gleichheit: Russische Soldatinnen nach der Oktoberrevolution 1917.
Foto: Getty Images

In den Epochenjahren 1989 bis 1991 haben nicht nur die USA über die UdSSR, der demokratische Westen über den despotischen Osten gesiegt, sondern auch das System der Freiheit über das der Gleichheit. Bezüglich des real existierenden Sozialismus war der Mangel an Freiheit unübersehbar und ein wesentlicher Grund seines Zusammenbruchs. Doch wie sieht es umgekehrt aus, gibt es nicht auch einen unaufhebbaren Mangel an Gleichheit im Kapitalismus? Das liberale Verständnis sieht zwar in der individuellen Freiheit der Menschen die zentrale Voraussetzung ihrer Gleichheit: Menschen seien darin gleich, dass sie frei sind. Doch bereits Rousseau wies in seinem „Discours sur l’inégalité“ darauf hin, dass die unbegrenzte Entfaltung individueller Freiheit zu Ungleichheiten führt, die das Bürgerideal der politisch Gleichen zur abstrakten und wirkungslosen Norm werden lassen können.

Robbespieres Despotie

Gibt es überhaupt einen grundlegenden Gegensatz zwischen Freiheit und Gleichheit oder sind beide weitgehend identisch, sind Menschen gleich, wenn sie frei sind?

Die Antwort auf diese Frage hängt vom verwendeten Begriff der Freiheit ab, davon, ob Freiheit mehr ist als die „Unabhängigkeit von eines anderen nötigender Willkür“ (Kant). Dieses zunächst nur abstrakt erscheinende Problem entfaltet seine politische Dynamik unter dem Aspekt der Umkehrung der Freiheit, dem Umschlag in Unterdrückung, wie sich bereits in der Französischen Revolution zeigte. Führt die Befreiung von Unterdrückung möglicherweise in neue Unterdrückung? Oder gibt es einen Unterschied zwischen Befreiung und Freiheit?

Hannah Arendt hat die Unterschiedlichkeit beider Begriffe von Freiheit vielleicht am deutlichsten mit der Befreiung von Herrschaft einerseits und der Freiheit im positiven Sinne andererseits charakterisiert. In den Revolutionen der Neuzeit sei es immer um beides gegangen, um Befreiung und Freiheit. Dies sei auch notwendig gewesen, da die Befreiung die Voraussetzung der Freiheit ist.

Die Schwierigkeit, zwischen beiden zu unterscheiden, bedeute jedoch nicht, dass man beide gleich setzen dürfe. Arendt macht ihren Unterschied an Robbespieres Despotie der Freiheit während der Französischen Revolution deutlich, der prinzipiell immer möglichen Umkehrung der Befreiung in eine neue Despotie im Namen der Freiheit.

Die letztendliche Verwandlung der Menschenrechte in die Rechte der Sansculotten sei der Wendepunkt der Französischen und aller ihr folgenden Revolutionen gewesen.

Ist der Sozialismus am Mangel von Freiheit und der Überbetonung der Gleichheit zugrunde gegangen, so heißt das noch lange nicht, dass aus dieser historisch begrenzten Erfahrung ein allgemeiner Primat der Freiheit vor der Gleichheit abgeleitet werden kann. Nicht nur gibt es historische Gegenbeispiele, die einem solchen Primat widersprechen würden. Der Primat der Freiheit über die Gleichheit führt darüber hinaus ebenso notwendigerweise zur Vernachlässigung der menschlichen Gleichheit, wie das umgekehrt der Fall ist. Die Konsequenz aus dem Zusammenbruch des Sozialismus sollte denn auch eher sein, dass Freiheit und Gleichheit sich wechselseitig begrenzen und ergänzen.

Auch John Rawls breit diskutierte Theorie der Gerechtigkeit sieht die (relative) Gleichheit als Korrektiv unbegrenzter Freiheit wie die (relative) Ungleichheit als ebensolches Korrektiv absoluter Gleichheit an. Vor diesem Hintergrund kann das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit wie folgt beschrieben werden: Freiheit und Gleichheit sind beide unveräußerliche menschliche Grundrechte, ohne dass es einen Primat eines der beiden vor dem anderen geben kann.

Ein neuer Anfang

Sie sind komplementär, weil Gleichheit erst Freiheit ermöglicht wie umgekehrt die Freiheit, einen neuen Anfang zu setzen (Arendt), die letztendliche Grundlage der menschlichen Gleichheit ist. Freiheit und Gleichheit sind jedoch weiterhin einander entgegengesetzt: Freiheit bedeutet Ungleichheit als Möglichkeit, sich von anderen abzugrenzen, zu differenzieren, sich zu entwickeln. Dieses Verständnis von Freiheit ist gebunden an die Grenze, an der die Differenzierung so weit geht, dass sie die Freiheit von anderen Menschen beschränkt und in Unfreiheit für andere übergeht.

Ein Beispiel für die Umkehrung eines ursprünglich emanzipatorischen Ansatzes in eine neue Unterdrückung durch die Verabsolutierung entweder von Freiheit oder Gleichheit gibt schon der Kommunismus. Marx und Engels betonten in ihren frühen Schriften die weltrevolutionäre Rolle des Kapitalismus in seiner Umwälzung aller bestehenden ungleichen und unfreien sozialen und ökonomischen Verhältnisse und dessen befreiende Wirkung gegenüber traditionellen Gesellschaften. Das Proletariat und der Kommunismus sollten in ihren Augen diese Entwicklung nur fortsetzen und zu einer Befreiung aller Menschen führen.

Im Laufe der historischen Entwicklung führte dieser Ansatz jedoch zu einer Verabsolutierung der Gleichheit der Menschen, was die Umkehrung des ursprünglichen Anliegens in sein Gegenteil zur Folge hatte: die Unterdrückung der Freiheit im Namen der Gleichheit.

Weitere historische Beispiele dieser Umkehrung des Kampfes für Freiheit finden sich insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg. Ausnahmslos alle Kämpfe für Demokratie endeten in Europa entweder in neuen Diktaturen oder Bürgerkriegen. Nicht zuletzt angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen in Nordafrika stellt sich daher die Frage, wie zu verhindern ist, dass die legitimen Kämpfe gegen Diktaturen in Bürgerkriege und neue Diktaturen münden.

Das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit spielt auch in der Wirtschaftstheorie eine große Rolle. Die Klassiker der politischen Ökonomie haben den Kapitalismus keineswegs als Mittel zum Zweck oder gar privater Bereicherung angesehen, sondern als Mittel zur Hebung des allgemeinen Wohlstandes sowie der Freiheit aller.

Würde und Selbstbestimmung

Insbesondere bei Adam Smith folgten dessen ökonomische Lehren seinen zuvor entwickelten moralphilosophischen Ansichten. Von Smith bis Friedrich August von Hayek, von David Ricardo bis Milton Friedman verstanden die großen Befürworter des Kapitalismus ihren Kampf um den freien Markt als Teil ihres leidenschaftlichen Eintretens für die Würde und das Selbstbestimmungsrecht der einzelnen. Freiheit war für sie der Zweck, Kapitalismus das Mittel, nicht umgekehrt.

Ricardo, dem nicht zuletzt Karl Marx seine wichtigsten zeitgenössischen Einsichten in die Nationalökonomie verdankte, war ein enger Freund von James Mill, Vorläufer und Vater des Freiheitsphilosophen John Stuart Mill. Ganz in dessen Geiste stellte Hayek in seinem Hauptwerk „Die Verfassung der Freiheit“ klar, dass das Argument wirtschaftlicher Effizienz hinter der Wahrung der Rechte der Person zurückzustehen habe. Wenn eine wirtschaftliche Maßnahme eine Steigerung der Produktivität verspreche, aber nur auf Kosten eines gravierenden Eingriffs in die Autonomie des einzelnen zu verwirklichen sei, müsse sie verworfen werden.

Den Theoretikern des „Manchester-Kapitalismus“ wie David Hume, Adam Smith und John Stuart Mill lag also die soziale Gerechtigkeit durchaus am Herzen, doch definierten sie diese anders als sozialistische oder religiös motivierte Gesellschaftstheoretiker: Nicht soziale Ungleichheit war in ihren Augen als solche ungerecht. Ungerecht sei vielmehr, wenn bestimmte Gruppen der Gesellschaft am sozialen Aufstieg gehindert werden. Dies ändert nichts daran, dass auch sie prinzipiell eine Balance von Freiheit und Gleichheit intendierten.

Heute hat sich die Problematik für die Marktwirtschaft jedoch auf die Frage zugespitzt, inwieweit die moralischen Intentionen der Klassiker der politischen Ökonomie mit einem grundlegenden Prinzip des Kapitalismus zu vereinbaren sind, der Freiheit über unbegrenztes Privateigentum zu verfügen. Diese Freiheit verstößt zunächst nicht gegen die Freiheit von anderen, über ihr eigenes Privateigentum zu verfügen, aber gegen die menschliche Gleichheit. Dies führte in der historischen Entwicklung dazu, dass heute viele transnationale Konzerne über Kapital verfügen, das größer ist als das Bruttoinlandsprodukt der Mehrzahl der gegenwärtigen Staaten.

Wir müssen umdenken

Damit stößt die Freiheit der Nationalstaaten und die demokratische Selbstbestimmung an ihre Grenzen, da sie in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht immer weniger über sich selbst bestimmen können. Die Finanzkrise hat uns diesbezüglich gelehrt, dass die Freiheit weniger Spekulanten die Lebensbedingungen von Millionen Menschen wesentlich einschränken kann. Die Freiheit unbegrenzten Privateigentums verstößt daher zunächst nur gegen die menschliche Gleichheit, doch anschließend auch gegen die persönliche Freiheit, weil die Lebensbedingungen und Lebenschancen ungleich verteilt sind.

Diese Umkehrungen der Freiheit in der historischen Entwicklung zeigen, dass wir neu denken müssen. Meine Freiheit wird nicht allein durch die Freiheit anderer begrenzt, wie dies noch Kant meinte, sondern durch die genauso wie die menschliche Freiheit unabdingbare Gleichheit der Menschen.

Eine Verabsolutierung oder auch nur ein Primat eine der beiden Seiten des Spannungsfeldes von Freiheit und Gleichheit führt notwendigerweise zur Vernachlässigung der anderen Seite. War der Sozialismus am Mangel an Freiheit und der Überbetonung der Gleichheit zugrunde gegangen, zeigen die jüngsten ökonomischen Entwicklungen, dass es auch keinen Primat der Freiheit über die Gleichheit geben darf. Es gilt weltweit, eine tragfähige und ausgeglichene Balance beider Seiten zu finden.

Andreas Herberg-Rothe ist Privatdozent am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt Universität zu Berlin. Sein neues Buch „Clausewitz: The state and war“ erscheint im Frühjahr im Frans Steiner Verlag , Stuttgart.

Autor:  Andreas Herberg-Rothe
Datum:  23 | 5 | 2011
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