Es wirkt wie eine Posse, hat aber einen ernsten Kern: Offensichtlich beflügelt von der hitzigen Debatte um „Das Amt“, fühlte sich ein ehemaliger Angehöriger der SS kürzlich ermutigt, gegen Verlag und Autoren einen Prozess anzustrengen. Felix Gaerte, inzwischen 92 Jahre alt, war in den 50er Jahren unter Angabe falscher Personalien in den diplomatischen Dienst der Bundesrepublik gelangt und bis zum Generalkonsul aufgestiegen, obwohl man im Auswärtigen Amt von seiner SS-Vergangenheit wusste.
Vor der Medienkammer des Landgerichts Hamburg suchte er nun – vergeblich – unser Buch verbieten zu lassen sowie Schmerzensgeld in fünfstelliger Höhe und eine Entschuldigung der Historikerkommission zu erstreiten. Und Rudolf von Ribbentrop, Sohn des NS-Außenministers, beklagte sich unlängst, wir hätten seinen Vater zu Unrecht mit dem Holocaust in Zusammenhang gebracht.
Das Buch „Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“ (Karl Blessing Verlag), im Oktober 2010 veröffentlicht, nahm einer Institution den Nimbus. Dazu zählte die Legende, das Auswärtige Amt sei im Dritten Reich ein „Hort des Widerstands“ gewesen.
Seitdem wird das Werk der Historiker Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann heftig diskutiert. In ihrem Beitrag für die FR gehen sie auf jüngste Vorwürfe ein. fr
Um nicht missverstanden zu werden: Solche Absurditäten können und sollen die sachbezogene Diskussion über unser Buch nicht in Misskredit bringen. Wohl aber muss es gestattet sein, auf die Folgen einer Auseinandersetzung hinzuweisen, in der manche Beiträge mit Vokabeln operieren und zu Bewertungen gelangen – „Geschichtspornographie“ –, wie sie in wissenschaftsbezogenen Kontroversen ihresgleichen suchen und wie sie eben auch Reaktionen à la Gaerte und Ribbentrop ermöglichen.
Vergleich des Buchs mit der Wehrmachtsausstellung
Vor diesem Hintergrund liest man mit Erschrecken, dass nun auch die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ), einst das führende zeithistorische Fachorgan in Deutschland und noch immer auflagenstark, in der Kritik an „Das Amt“ einen Ton anschlagen, wie er in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zuletzt im Historikerstreit vor 25 Jahren gebräuchlich war.
Johannes Hürter, Mitarbeiter des Münchener Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), vergleicht „Das Amt“ und die Debatte darüber in seinen „kritischen Bemerkungen“ – die angepriesen werden, als handele es sich um die erste Äußerung eines „Experten“ überhaupt –, mit der Wehrmachtsausstellung von 1995, und das ist negativ gemeint. Richtig ist: Auch der Wehrmachtsausstellung kam in der Auseinandersetzung der deutschen Gesellschaft mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen eine wichtige Funktion zu, weil erst sie in der breiten Öffentlichkeit die Legende von der „sauberen Wehrmacht“ zerstörte. Ähnliches gelang unserem Buch mit Blick auf den Mythos vom Auswärtigen Amt als „Hort des Widerstands“: Wiewohl von der Wissenschaft seit langem widerlegt, wirkte er doch immer noch nach.
Doch die Parallele endet nicht an diesem Punkt. Johannes Hürter und Horst Möller, der vor ein paar Tagen aus dem Amt geschiedene langjährige IfZ-Direktor, der in der FAZ Ton und Richtung der Buchbesprechung seines Mitarbeiters schon vorgegeben hatte, sehen das IfZ offenkundig in der Rolle einer geschichtspolitischen Revisions- und Kontrollinstanz.
Das freilich macht aus der Not eine Tugend, denn die Münchener Einrichtung, nach dem Zweiten Weltkrieg als „Deutsches Institut für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit“ gegründet, war in Möllers Amtszeit seit 1992 an den wichtigen Debatten über die NS-Geschichte entweder nur als Zaungast oder mit lediglich nachholendem, reaktivem Elan beteiligt. Statt ein sich dynamisch entwickelndes Forschungsfeld mit zu definieren oder auf ihm initiativ zu werden, reagierte das IfZ auf Anstöße von außen.
Kritik: Mangel an "Differenzierung"
Genau so verhält es sich auch jetzt mit Blick auf die Geschichte des Auswärtigen Amts: Spätestens seit den 90er Jahren wäre Zeit und Anlass gewesen, eine systematische Analyse auf den Weg zu bringen, denn seit dieser Zeit ediert das IfZ im Auftrag des AA die „Akten zur auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“; Institutsdirektor Möller fungiert sogar als Hauptherausgeber. Doch zu einem solchen Projekt, das die von Hürter in unserem Buch vermisste Geschichte der NS-Außenpolitik hätte integrieren können, ist es nicht gekommen. Das mag einen Teil der Schärfe gegenüber einer Initiative erklären, die dann, 2005, aus der Politik kam – noch dazu von einem grünen Außenminister – und die nicht auf den exklusiven Kreis der sich gleichsam offiziell für zuständig haltenden Historiker begrenzt werden konnte. Oder sollen womöglich durch Möllers Vorwurf einer skandalösen Verschwendung von Steuergeldern andere Ministerien oder Behörden abgeschreckt werden, ihre Geschichte aufarbeiten zu lassen?
Zu der Schärfe von Hürters Angriff gegen den „Bericht einer bestellten Historikerkommission“ gehört der Vorwurf, wir hätten „Etikettenschwindel“ betrieben, die Öffentlichkeit getäuscht und uns einen Verstoß „gegen die gute wissenschaftliche Praxis“ zuschulden kommen lassen. Wir hätten uns als Autoren ausgegeben, wo wir doch nur Herausgeber seien. Tatsächlich haben wir sehr genau angegeben, wer zu welchen Abschnitten des Werkes beigetragen hat. Die Kapitel sind über drei Jahre hinweg in intensiver Teamarbeit entstanden – jedes Kommissionsmitglied arbeitete mit einem kleinen Forscherteam – und dann von der Kommission zu einem Gesamttext verarbeitet worden. Zu behaupten, die Kommission habe die Arbeit „mit Ausnahme der Einleitung und des Nachworts“ ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern überlassen, ist falsch, beleidigend und schwerlich geeignet, „die Debatte auf eine sachliche Ebene zu bringen“, wie es der VfZ-Artikel beansprucht.
Der Vorwurf des „Etikettenschwindels“ fällt freilich auf Rezensent Hürter zurück. Denn was die Vierteljahrshefte als wissenschaftliche Überprüfung der Ergebnisse der Historikerkommission ankündigen, ist bestenfalls eine halbe Besprechung. Ihr Autor beschränkt sich nämlich auf die ersten 300 von 879 Seiten unseres Buches. Hürter bespricht die Kapitel über die NS-Zeit, erklärt sich aber selbst für inkompetent, den umfangreicheren zweiten Teil unserer Darstellung zu würdigen, der die Geschichte des AA nach 1945 und seinen Umgang mit der NS-Vergangenheit behandelt.
Was aber ist von einer Rezension zu halten, die vor dem zentralen Argument unserer Darstellung, dem Konnex zwischen dem Verhalten des AA bis Kriegsende und der sofort danach einsetzenden Legendenbildung mit allen ihren Weiterungen, kapituliert? Und was von einer Urteilsbildung, die sich am Ende dann doch auf das ganze Buch bezieht? Wer nur die erste Hälfte eines monographisch angelegten Buches rezensiert, manipuliert seine Leser.
Die Besprechung in den Vierteljahrsheften nimmt ein Argument wieder auf, das in der Kritik an unserem Werk seit seinem Erscheinen immer wieder auftauchte: Es mangele der Darstellung an „Differenzierung“. Kaum ein Absatz kommt ohne dieses Zauberwort aus. In der Tat gibt es, insbesondere zu dem von Hürter behandelten ersten Teil unserer Studie, einen guten und hinreichend differenzierten Forschungsstand. Dazu gehören, wie wir selbst dargelegt haben, die älteren Arbeiten von Browning oder Döscher ebenso wie jüngere Spezialuntersuchungen etwa von Lambauer oder Weitkamp. Doch der Hinweis auf „den“ Forschungstand – als sei dieser objektiv definierbar – darf die Möglichkeiten unterschiedlicher Interpretation in einer Gesamtdarstellung nicht blockieren. Begriffe wie „abwegig“, „bodenlos“ oder schlicht „falsch“ sind in einer ernsthaften Diskussion wissenschaftlicher Einordnungen und Bewertungen fehl am Platze.
Schlimme Unterstellung
Die Kommission hat die existierende Forschung zur Kenntnis genommen, sie durch eigene Archivforschung ergänzt und ist dann, auf dieser Basis, zu ihrer Synthese gelangt. Es liegt in der Natur einer solchen Synthese, dass sie Akzente setzt. Uns war es um ein lesbares Buch zu tun – nicht um eine weitere Aktenedition, wenngleich auch eine solche, nicht zuletzt im Blick auf die Beteiligung des Amtes an Judenverfolgung und Judenmord, noch viel Neues zu präsentieren hätte.
Zu fragen ist ferner, wo denn die von dem Wehrmachtsexperten Hürter verlangte „Differenzierung“ einen institutionengeschichtlichen analytischen Mehrwert gehabt hätte? Welches Beispiel eines anders denkenden oder anders handelnden Diplomaten könnte zeigen, was mit „Differenzierung“ um ihrer selbst Willen aufs Ganze gesehen gewonnen wäre? Hürters gesamte Kritik durchzieht ein auffälliges Muster: Er gibt der Kommission in ihrer überwölbenden Thesenbildung Recht, fordert dann aber mehr Nuancen und Zwischentöne. Die sind uns wie jedem Historiker sehr wohl bekannt, aber eine Gesamtdarstellung muss auch zu Bewertungen jenseits des Einzelfalls gelangen. Im Übrigen haben wir unseren Auftrag seinerzeit interpretiert, um ihn für die Forschung produktiv zu machen: Wir fanden es wichtig und richtig – und sehen uns durch die Reaktionen in dieser Entscheidung nur bestätigt –, einen Schwerpunkt unserer Analyse auf die Rolle des nationalsozialistischen Auswärtigen Amtes bei der Verfolgung und Ermordung der Juden zu legen.
Auch für eine Institutionengeschichte ist das doch die zentrale Frage, und wer unser Buch dafür kritisiert, dass es die Geschichte des Auswärtigen Amts im Nationalsozialismus „weitgehend auf die Mitwirkung am Holocaust reduziert“ – so Hürter –, der sollte sich überlegen, wessen Geschäft er damit befördert.
Eine zielgerichtete Entwicklung von der Entrechtung der Juden seit 1933 zum Genozid haben wir nirgends behauptet, aber es gehört auch zur Geschichtsschreibung, Kausalitäten und Entwicklungsdynamiken zu identifizieren. Das tut unser Buch mit Blick auf den Weg zum Holocaust. Es fragt nach der Rolle des Auswärtigen Amtes in diesem Prozess; danach, ob das Amt als Institution die sich radikalisierende Politik lediglich mit vollzog, ob es sich ihr entgegen stemmte oder ob es sie – im Rahmen der Handlungsmöglichkeiten des AA – mit vorantrieb. Die Antwort, die unsere Darstellung auf diese Frage gibt, ist eindeutig.
Es ist eine schlimme Unterstellung zu behaupten, unsere Darstellung der Beteiligung des Auswärtigen Amtes an der Politik der „Endlösung“ laufe Gefahr, „die Initiative, die Verantwortung und das Wirken der Haupttäter zu relativieren“. In der Logik der Geschichte einer Institution liegt notwendigerweise die Konzentration auf deren Tätigkeit und deren Personal. Wir haben weder eine Geschichte des Holocaust geschrieben noch eine des Zweiten Weltkriegs. Das war nicht die Aufgabe der Kommission. Wer daraus einen Vorwurf zu konstruieren versucht und insinuiert, die Kommission habe die Bedeutung Hitlers und der SS relativiert, der muss sich selbst fragen lassen, welches Ziel sein Ceterum censeo der „Differenzierung“ verfolgt.