kalaydo.de Anzeigen

Jahrestag 9/11: Der Abstieg Amerikas

Nach fast einem Jahrzehnt im Krieg hat sich die Supermacht militärisch und finanziell verausgabt. Zurückgeblieben ist eine geschwächte und gelähmte Gesellschaft.

Provozierte eine tiefe Spaltung der Nation: George W. Bush.
Provozierte eine tiefe Spaltung der Nation: George W. Bush.
Foto: REUTERS

Im Augenblick des vermeintlichen Sieges gönnt US-Präsident George W. Bush sich und der Weltöffentlichkeit eine Schau nach Macho-Art. Am 1. Mai 2003 lässt er sich an Bord einer Militärmaschine auf den Flugzeugträger USS Abraham Lincoln fliegen, der nach der Rückkehr aus dem Irak-Krieg 50 Kilometer von der kalifornischen Küste entfernt durch den Pazifik stampft.

Bush, noch im Habitus eines Kampfpiloten, lässt sich mit lächelnden Seeleuten fotografieren, zieht sich dann um und verkündet im präsidialen Nadelstreif samt roter Krawatte, dass der Sieg über das Böse gelungen sei. „Mission accomplished“ (Mission erfüllt) steht auf einem Banner am Turm der Abraham Lincoln. Mission accomplished – so hieß schon 1943 ein Film aus der US-Kriegspropaganda-Maschine. Darin wurden die Leistungen von B 17-Flugzeugen im Bombenkrieg gegen Deutschland gepriesen.

Bush sieht sich auf Höhepunkt der Macht

2003 ist Bush der Hauptdarsteller in einem neuen Propagandafilm. Saddam Hussein erledigt, das erste Land von der „Achse des Bösen“ gestoßen – die US-Regierung sieht sich auf dem Höhepunkt ihrer Macht und ihres Einflusses auf der Welt angekommen. Doch der Krieg im Irak sollte erst nach dem fröhlichen Auftritt auf der Abraham Lincoln so richtig beginnen. Und so waren die Bilder des siegestrunkenen Präsidenten nur ein weiterer Beleg für die Hybris der USA, für ihren Weg nach unten, für den Niedergang einer Supermacht.

Seit bald einem Jahrzehnt befinden sich die USA nun im permanenten Kriegszustand. Im selbst gewählten Kriegszustand. Weder hat das Eingreifen in Afghanistan als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September die weltweite Terrorgefahr beseitigen oder die Taliban vertreiben können, noch hat der Angriff auf den Irak den von Neo-Konservativen behaupteten Domino-Effekt gezeigt und die arabisch-islamische Welt demokratisiert.

Irrtum und Lüge

Der Afghanistan-Krieg beruhte auf der falschen Annahme, des Terrors so Herr werden zu können. Der Irak-Krieg fußte auf der Lüge, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze. Die Regierenden im Land der Freiheit ließen Schuldige wie Unschuldige verschleppen, demütigen, foltern. Im Namen des Kriegs gegen den Terror wurde das Unrecht hoffähig gemacht, solange es nur gegen mutmaßliche Terroristen angewandt wurde. Guantanamo, das alle Menschenrechte verhöhnende Gefängnislager, ist nicht das einzige Beispiel dafür, aber vielleicht das eindringlichste. Spätestens hier haben die Vereinigten Staaten ihren moralischen Anspruch verspielt, als weltweite Vorkämpfer für Menschenrechte und Menschenwürde aufzutreten.

Zehn Jahre nach 9/11 wenden sich Wissenschaftler wie der US-Historiker Melvyn P. Leffler zwar gegen die These, dass die Anschläge von New York und Washington die Außenpolitik der USA grundlegend verändert hätten. Leffler schreibt in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Foreign Affairs: „Das Streben nach Vorrangstellung und militärischer Überlegenheit, die Bereitschaft, proaktiv und unilateral zu handeln, und der Fokus auf Demokratie und freie Märkte – all das sind seit langem Merkmale der Politik der USA.“

Es mag stimmen, dass sich die Kriege in Korea und in Vietnam im Grundsatz nicht von den Kriegen in Afghanistan und Irak unterscheiden. Doch die Dimension ist eine andere. Und der Charakter der Waffengänge. Noch nie in ihrer Geschichte waren die USA in zwei Kriege dieses Maßstabs gleichzeitig verwickelt. Kriege, die nicht zu gewinnen sind. Und nie zuvor haben die USA sich auf Kreuzzüge begeben, wie die ideologische Begründung Bushs für seine aggressive Politik lautete. Kreuzzüge, die sich ironischer Weise auch gegen selbst ernannte Gotteskrieger wandten.

Fast alles umsonst

Das afghanische Debakel wird nicht beendet sein, wenn die USA und ihre Verbündeten Ende des Jahres 2014 ihre Kampftruppen – wie derzeit geplant – abgezogen haben werden. Eher droht ein Bürgerkrieg auszubrechen als eine Phase der Ruhe. Auch der Irak wird auf absehbare Zeit ein instabiles Land bleiben. Der Krieg hat Saddam Hussein vertrieben, das war angesichts der militärischen Überlegenheit der USA aber ohnehin klar. Doch der Krieg hat keine neue Ordnung geschaffen. Und auch das war schon 2003 klar.

Jenseits der Tatsache, dass die USA keinen dieser Kriege militärisch gewonnen haben: Sie haben nicht einmal ansatzweise positive Wirkung gezeigt. Sie waren nicht nur nutzlos in dem Sinne, dass sie kein Nation Building bewirkt haben. Sie waren außerordentlich schädlich. Zehntausende zivile Opfer sind in beiden Ländern zu beklagen, die Infrastruktur Iraks ist weitgehend zerstört, das Leben der Menschen weiter schwer beeinträchtigt.

Seite 2: Warum China von Amerikas Untergang profitiert

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Damir Fras und Holger Schmale
Datum:  1 | 9 | 2011
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
11. September: So berichtete die FR damals
Überreste des World Trade Centers
Leitartikel vom 13.9.2001 
Zeitleiste

Der Tag, der die Welt veränderte: Die Ereignisse vom 11. September 2001 in Videos.

 Mehr...

Zeitgeschichte
Überreste des World Trade Centers

Historische Reden, die ersten Artikel der FR zum Terrorakt und neue Entwicklungen am Ground Zero.