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Der Erste Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg begann am 28. Juli 1914. Die FR rekonstruiert die Verläufe in den Krieg, die Verantwortung und Schuld.

27. Juni 2014

Erster Weltkrieg: So viel Versagen

 Von 
Verduns „Beinhaus“, in dem die Knochen von 130 000 nicht identifizierten Deutschen und Franzosen aus der Schlacht um Fort Douaumont 1916 ruhen.  Foto: REUTERS

Wer innehält, kann wachsen. Die Deutschen aber laufen vor sich selbst weg. Und nicht erst seit 1914. Sie haben sich selbst dazu verdammt, sich nicht zu erinnern - und damit als Nation alle Fehler ständig zu wiederholen.

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Wer will daran schon erinnert werden? Acht Millionen Tote im ersten Waffengang, 60 Millionen im zweiten, drei Genozide (die Juden Europas, die Herero in Deutsch-Südwest-, der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika), Bürgerkriege, Aufstände, Vertreibungen in der ganzen Welt, Verheerungen ganzer Kulturen, ein Kalter Krieg und Millionen und Abermillionen von Menschen, geknechtet, entrechtet und verfolgt von Unrechtsregimen … Praktisch nichts, was seit 1814 (ja, noch mal 100 Jahre drauf, das Ende der Napoleonade) in Europa und in der Welt geschehen ist, blieb unbeeinflusst von preußischer, dann deutscher Großmannssucht, von germanischen Parvenus, die glaubten, kleinjungenhafte, dreiste Poltrigkeit ohne jedes Rückgrat, ohne Anstand und Verantwortungsbewusstsein würde ihnen am Ende den besten Part im Konzert der Nationen sichern – oder auch den einzigen. Kaiser Wilhelm II. (Krüppel an Körper wie Seele) wollte der höchste Exponent dieser Raserei nach Weltgeltung sein, Adolf Hitler (der vollkommene seelische Krüppel) wurde der höchste Exponent – und der erbärmlichste.

Will man sich das ständig in Erinnerung rufen?

Man könnte Verständnis haben für die introvertierte Vervollkommnung des Biedermeier unter Angela Merkel. Man könnte auch heulen vor so viel Versagen. Vor so viel Feigheit.

Es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Deutschen, zu erinnern. Das sind sie der Welt und damit auch sich selbst schuldig. Warum? Weil es nicht um „Schuld“ geht. Schon lange nicht mehr. Weil es gut ist, zu erinnern. Weil es unausweichlich, gar lebenswichtig ist. Ein Blick in die Wortgeschichte liefert eigentlich schon die ganze Begründung: „Erinnerung“, das ist „inne werden lassen“. Ein geradezu transzendentaler Akt, der die Wahrnehmung des Äußeren zu etwas der Person Eigenem, ihr Innewohnendem macht.

Wir machen das jeden Tag, jede Stunde und Minute; deshalb fahren Menschen in Urlaub, suchen Freunde, gehen ins Kino, beginnen Beziehungen, kriegen Kinder: um neue Erfahrungen zu machen und diese zu all dem zu packen, was sie selbst ausmacht. Das alles erinnert man sodann, um sich seiner selbst zu versichern, seine Identität zu bestätigen und zu entwickeln. Niemand kann sich dagegen wehren. Das hört erst auf, wenn man tot ist. Vermutlich.

Kommunikatives Gedächtnis - erinnern ist wichtig

Aber ist es dann notwendig, deutsche Historie, all das Schäbige und Beschämende zu erinnern – gerade, wenn man selbst doch gar nichts mehr damit zu tun haben kann, 100 Jahre danach? Dann erst recht. Die Kulturwissenschaft (die heute wohl wichtigste akademische Disziplin der Menschheit) spricht vom „kommunikativen Gedächtnis“ – ein Konzept, das Aleida und Jan Assmann geprägt haben. Dieses Gedächtnis währt 80 bis 100 Jahre, ein Zeitfenster, in dem uns Zeitzeugen ihre Erfahrungen selbst vermitteln.

Ein Zeitfenster, das sich nun rapide schließt. Kein aktiver Teilnehmer des Ersten Weltkriegs lebt noch, die Menschen, denen die Überlebenden des Krieges erzählten, die Schmerz, Trauer und Verlust direkt empfinden oder nachempfinden konnten, werden uns bald verlassen. Gehen die Zeugnisse einer Zeit verloren, auch die vermittelten, dann geht der Menschheit ein Stück von ihr selbst verloren. Unwiederbringlich. Die Briten, Franzosen, Amerikaner und Italiener haben das verstanden – nicht unbedingt individuell, aber als Nationen oder Kulturen sehr wohl – und haben erinnert, tun es weiterhin.

Die Deutschen aber haben verdrängt. Und tun es noch. Das, was die Mitscherlichs 1967 so richtig als „die Unfähigkeit zu trauern“ identifizierten (zur maßlosen Wut vieler Deutscher), begann aber nicht erst nach Hitler, Holocaust und Zweitem Weltkrieg, sondern schon viel früher. War 1918 bereits zur Reife gekommen und angelegt noch viel früher in den psychotischen nationalistischen Fantastereien, die Heinrich Mann erst 1918 in „Der Untertan“ entlarven konnte. Zu spät, aber immerhin.

Wollte Weltgeltung: Wilhelm II.  Foto: M. Schick

Zu spät … Es ist nicht so, dass es keine Chancen für Deutschland gegeben hätte, seines politischen Versagens zu gedenken, sich dessen zu erinnern und historisch darüber hinaus zu wachsen: die Weimarer Republik, die Revolte von 1968, das Kulturschaffen nach den Weltkriegen, das Ende des Kalten Krieges 1989 … Chancen genug, alle vertan. Die Deutschen versagten konsequent bei jeder Gelegenheit, die sie hätte aufholen lassen können zu ihren Nachbarn. Das konsequente bewusstseinslose Versagen ist das herausragende Charakteristikum der deutschen Kultur (der Gesamtheit alltäglicher wie nicht alltäglicher Handlungen).

Ein in Flandern in Gefangenschaft geratener deutscher Militärarzt wurde von einem britischen Offizier befragt, wann seiner Meinung nach der Krieg zu Ende sein würde – ein britischer Zyniker hatte anhand der in den ersten Grabenschlachten „gewonnenen“ paar Quadratmeter Schlamm errechnet, sie würden 180 Jahre bis zum Rhein brauchen. Der Deutsche antwortete: „Ich sehe kein Ende … Es ist der Selbstmord der Nationen.“

Seine Worte sind verständlich aus der Trostlosigkeit der Fronterfahrung heraus, in historischer Perspektive aber waren es nicht Nationen – die deutsche allein beging Selbstmord, einen bis aufs Unerträglichste hinausgezögerten: Er endete am 8. Mai 1945. Selbst das mit der Morbidität so heftig flirtende Österreich-Ungarn machte sich eher erleichtert 1918 an die Wiedergeburt als eine auf den Kern reduzierte Republik.

Das sich rapide abwickelnde Wilhelminische Kaiserreich aber entschied schon vor seiner Demontage – einmal mehr –, eine Mut erfordernde Realität für eine bösartige feige Fiktion zu ignorieren: Nicht militärische Unfähigkeit, politische Perspektivlosigkeit, wirtschaftlicher Egoismus und schiere menschliche Erschöpfung (an den Fronten wie in der Heimat) besorgten die Niederlage des doch ausnahmslos siegreichen Deutschen Reiches. Nein, man wurde ehrlos gemeuchelt, der Dolchstoß der sozialdemokratischen, jüdischen, pazifistischen Heimat in den ungedeckten Rücken der Heldenarmee. Die Generäle sprachen sich so frei von ihrem zweifelsfreien Versagen, die Landser durften sich dafür – der Soldateska des Dreißigjährigen Krieges gleich – an der Zivilbevölkerung im Bürgerkrieg bis 1924 schadlos halten … Spätestens 1969 entlarvte Sebastian Haffner in „Die verratene Revolution – Deutschland 1918/19“ die Schändlichkeit der Militärs und ihrer spießbürgerlichen und nationalistischen Hofnarren. Und das Versagen der intellektuellen Kräfte Deutschlands.

Deutsche laufen weiter vor sich weg

Europa – eher der Westen – wählte andere Wege, trauerte, überwand die Trauer, erinnert. Das funktionierte nicht sofort. Die USA versündigten sich an Vietnam, bevor sie verstanden, die Italiener ließen sich vom Faschismus missbrauchen, die Franzosen zersprengten wegen zweier Kolonialkriege (Indochina, Algerien) beinahe Frankreich selbst, bevor sie sich besannen.

Der US-Ardennen-Veteran und Literaturwissenschaftler Paul Fussell schreibt, um zu verstehen, was der Erste Weltkrieg für die Briten bedeutet, brauche man nur am Remembrance Sunday (der dem Datum des Waffenstillstands 11. November nächste Sonntag) in London vorm „Cenotaph“, dem Mahnmal für alle Toten aller Kriege zu stehen und „den zwei Minuten Stille zu lauschen“.

Eine Nation hält inne – eine ganze Kultur, nimmt man den weltumspannenden Commonwealth – und erinnert sich. Jeder Einzelne für sich und alle zusammen. Die Deutschen aber halten nicht inne – wider alles eigene bessere Wissen, wider alle Hilfe und Toleranz von außen –, sie schweigen nicht, sie schreien und laufen weiter vor sich weg. Und laufen dabei doch nur immer auf der Stelle. Dazu verdammt, niemals voranzukommen und deshalb alle Fehler ihrer Kultur – Nationalismus, Egoismus, Überheblichkeit, Ignoranz, Intoleranz – ewig zu wiederholen. Oder sie könnten sich erinnern.

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Dossier

Der Erste Weltkrieg, der am 28. Juli 1914 mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien begann, hat vielfältige Anlässe und Ursachen. Die FR rekonstruiert die Verläufe in den Krieg sowie die Verantwortung und Schuld anhand der zuletzt veröffentlichten Literatur.

Zeitgeschichte

Der Beginn des Kriegs traf die Eliten und das Bürgertum Europas nicht überraschend. Die Folgen waren verheerend.

Die Schlüsselfiguren

Die meisten Akteure des Ersten Weltkriegs steuerten ihre Länder in die Katastrophe, ohne die Folgen ihres Tuns auch nur halbwegs realistisch einzuschätzen. Zehn Schlüsselfiguren im Kurzporträt.

Zeittafel

Der Erste Weltkrieg veränderte das territoriale Gesicht Europas grundlegend. Die wichtigsten Daten der Kriegsjahre.

28. Juni 1914: Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand wird in Sarajevo von einem serbischen Nationalisten erschossen.

28. Juli 1914: Österreich erklärt Serbien den Krieg. Der Konflikt weitet sich zu einem Weltkrieg aus.

1./3. August 1914: Das Deutsche Reich erklärt zunächst Russland und zwei Tage später Frankreich den Krieg.

4. August 1914: Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in das neutrale Belgien erklärt Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg.

August bis September 1914: Die Schlachten an den Masurischen Seen und bei Tannenberg markieren den Beginn der deutschen Offensive im Osten.

September bis November 1914: Nach den Schlachten an der Marne, an der Yser und vor Ypern wird die deutsche Offensive im Westen gestoppt.

22. Februar 1915: Deutschland eröffnet einen massiven U-Boot- Krieg, schränkt ihn nach Versenkung des britischen Passagierschiffes "Lusitania" mit 1198 Menschen an Bord aber wieder ein.

Februar bis Juni 1916: Trotz enormen Materialaufwands gelingt dem deutschen Heer bei der Schlacht um Verdun kein Durchbruch.

31. Mai 1916: Die Seeschlacht am Skagerrak bringt keine Wende.

Juni 1916: Mit einer britischen Großoffensive beginnt die Schlacht an der französischen Somme, die bis November dauert.

12. Dezember 1916: Der Mittelmächte unterbreiten den Alliierten ein Friedensangebot, das diese aber am 30. Dezember zurückweisen.

6. April 1917: Nach der Wiederaufnahme des uneingeschränkten U- Boot-Krieges treten die USA in den Krieg ein.

6./7. November 1917: In der Oktoberrevolution übernehmen in Russland die Bolschewiken die Macht.

3. März 1918: Die Sowjetregierung schließt mit den Mittelmächten den Friedensvertrag von Brest-Litowsk.

9. November 1918: Kaiser Wilhelm II. dankt ab, die Republik wird ausgerufen.

11. November 1918: Im französischen Compiegne wird das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet.

28. Juni 1919: Das Deutsche Reich unterzeichnet unter Protest den Versailler Vertrag.

Service

Volker Berghahn: Der Erste Weltkrieg. C.H. Beck Wissen 2312, mit aktualisiertem Prolog, 126 S., 8,95 Euro.

Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Deutsche Verlags-Anstalt, 895 S., 39,99 Euro.

Adam Hochschild: Der Große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg. Verlag Klett-Cotta, 528 S., 26,95 Euro.

Gerhard Henke-Bockschatz: Der Erste Weltkrieg. Eine kurze Geschichte. Reclam Verlag, 300 S., 22,95 Euro.

Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich: Deutschland im Ersten Weltkrieg. S. Fischer Verlag, 336 S., 24,99 Euro.

Oliver Janz: Der große Krieg. Campus Verlag, 415 S., 24,99 Euro.

Gerhard Jelinek: Schöne Tage 1914. Vom Neujahrstag bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Almathea Verlag, 318 S., 22,95 Euro.

Gerd Krumeich: Juli 1914. Eine Bilanz. Mit 50 Schlüsseldokumenten zum Kriegsausbruch. Ferdinand Schöningh Verlag 362 S., 34,90 Euro.

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. C.H. Beck Verlag, 1158 S., 38 Euro.

Sean McMeekin: Juli 1914. Der Countdown in den Krieg. Europa Verlag Berlin, 558 S., 29,99 Euro.

Annika Mombauer: Die Julikrise. Euro-pas Weg in den Ersten Weltkrieg. C.H. Beck Wissen 2825, 128 S., 8,95 Euro.

Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914 – 1918. Rowohlt Verlag, Berlin 2013, 924 S., 29,95 Euro.

Ernst Piper: Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs. Propyläen Verlag 2013, 587 S., 26,99 Euro.

Matthias Steinbach (Hg.): Mobilmachung 1914. Ein literarisches Echolot. Reclam Taschenbuch 20287, 288 S., 12,95 Euro.

Hew Strachan: Der Erste Weltkrieg. Goldmann Taschenbuch 15397, 448 S., 12,99 Euro.

Service

Wladimir Aichelburg: Erzherzog Franz Ferdinand. Verlag Berger, Wien 2014. 3268 Seiten, 150 Euro.

Pat Barker: Tobys Zimmer. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Dörlemann Verlag 2014. 400 Seiten, 23,90 Euro.

Klaus Böhme (Hg.): Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg. Reclam Verlag, Stuttgart 2014. 253 S., 7,80 Euro.

Geert Buelens: Europas Dichter und der Erste Weltkrieg. Aus dem Niederländischen von Waltraut Hüsmert. Suhrkamp 2014. 459 Seiten, 26,95 Euro.

Wolfram Dornik: Des Kaisers Falke. Wirken und Nach-Wirken von Franz Conrad von Hötzendorf. Studien-Verlag, Innsbruck, Wien und Bozen 2013. 279 Seiten, Euro 24,90.

Jean Echenoz: 14. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser Berlin Verlag 2014. 126 S., 14,90 Euro.

Ernst Jünger, In Stahlgewittern. Historisch-kritische Ausgabe. 2 Bd..Hg. v. Helmuth Kiesel. Klett-Cotta Verlag 2013. 1245 S., 68 Euro.

Horst Lauinger (Hrsg.): Über den Feldern. Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen. Manesse 2014, 784 S., 29,95 Euro.

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. Verlag C.H. Beck, München 2014. 1157 S., 38 Euro.

Lothar Machtan: Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaisers. Eine Biographie. Suhrkamp, Berlin 2013. 668 S., 29,95 Euro.

Gregor Mayer: Verschwörung in Sarajevo. Triumph und Tod des Attentäters Gavrilo Princip. Residenz Verlag, 2014. 159 S., 19,90 Euro

Avi Primor: Süß und ehrenvoll. Roman. Quadriga, Köln 2013. 384 Seiten, 19,99 Euro.