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Der Erste Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg begann am 28. Juli 1914. Die FR rekonstruiert die Verläufe in den Krieg, die Verantwortung und Schuld.

25. November 2014

Pierre Lemaitre "Wir sehen uns dort oben": Und wer nicht gestorben ist

 Von 
Schlachtfeld Frankreich: Aufräumarbeiten nach dem Ende der Kämpfe.  Foto: imago stock&people

Pierre Lemaitres glänzender Erster-Weltkriegs-Roman „Wir sehen uns dort oben“ erzählt präzise und unlarmoyant vom Sterben und Geschäftemachen.

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Man muss nicht herumpsychologisieren, um interessiert zur Kenntnis zu nehmen: Zwar gibt es auch in der deutschsprachigen Belletristik aktuelle Auseinandersetzungen mit dem Ersten Weltkrieg. Aber Burkhard Spinnen in „Zacharias Katz“ oder Christoph Poschenrieder in „Das Sandkorn“, um zwei gediegene Beispiele zu nennen, führen ihr Personal am Rande oder im Vorfeld des Geschehens herum. Die französische Literatur dieser Jahre hingegen (signifikanterweise zum Teil erst jetzt anlässlich des Jahrestages ins Deutsche übersetzt) begibt sich mitten in die Schlachten, mit Jean Echenoz’ „14“, Éric Vuillards „Ballade vom Abendland“ – einem Essay, aber unbedingt einem literarischen – oder jetzt auch Pierre Lemaitres „Wir sehen uns dort oben“.

Lemaitre, ein offenbar erfolgreicher Krimiautor, bekam für seinen Weltkriegs-Roman schon 2013 den Prix Goncourt. Anders als Echenoz oder Vuillard bannt und konzentriert er das Grauen des Themas nicht durch strenge Kürze. Vielmehr entwirft er geruhsam ein Panorama der französischen Gesellschaft im und nach dem Krieg und bettet dieses ein in eine aufregende, regelrecht gewitzte Geschichte, die eines Kriminalromanspezialisten ebenso würdig ist wie eines Satirikers.

Er wird verschüttet

Von beidem ahnen die Leser und die Figuren zunächst nichts. Auf den ersten 30 Seiten schildert Lemaitre ausschließlich und ausgiebig den Tod eines jungen Soldaten, der verschüttet wird. Es ist der November 1918. „Wer gedacht hatte“, so beginnt das Buch, „der Krieg sei bald zu Ende, war lange schon gestorben. Und zwar im Krieg.“ Nun ist es Albert, Anfang 20, der in einen Trichter fällt, nein, in einen Trichter gestoßen wird und nicht mehr herauskommt. Der Erzähler weiß, was ihm Entsetzliches bevorsteht. „Wenn Albert jetzt daran dächte, bekäme er vielleicht sogar Lust aufs Sterben. Das wäre gar nicht schlecht, denn genau das wird passieren. Nur noch nicht sofort. Gleich, wenn die entscheidende Granate wenige Meter von seinem Unterschlupf entfernt einschlagen und einen mauerhohen Erdwall aufwerfen wird, der dann herabstürzt und ihn vollkommen verschüttet. Bis dahin bleibt ihm nicht viel Zeit zu leben übrig – genug allerdings, um zu begreifen, was mit ihm geschieht.“

30 Seiten lang also kämpft Albert um sein Überleben, nach der Verschüttung unter anderem, indem er im Hohlraum eines mit ihm verschütteten Pferdekopfes noch etwas Luft findet. Denn noch längst sind nicht alle Details erzählt, die sich über das Sterben im Krieg erzählen ließen.

Als Albert aber gestorben ist, führt uns Lemaitre vor, dass er neben präzisen, unlarmoyanten, gar im leichten Ton des Unabänderlichen gehaltenen Schilderungen einige Volten bereithält. Albert wird nämlich nun doch gerettet, ausgebuddelt, herausgezerrt von einem Mitsoldaten, der soeben schlimm am Bein verletzt worden ist und die Spitze von Alberts Bajonett herausstehen sieht. Péricourt heißt der andere junge Mann, der gräbt und heult und zieht und rabiat wiederbelebt. Und weil der Krieg rundherum weitergeht, wird er noch einmal getroffen. Diesmal wird sein Gesicht zerschmettert.

Und doch noch freigegraben


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Und dies ist lediglich der Eintritt in eine Geschichte, die sich jetzt hinüber in eine von Pathos und Zynismus, Geschäftssinn und einer anderen Art von Überlebenskampf geprägte Nachkriegszeit begibt. Albert, das Kleinbürgerkind, und Péricourt, Sohn eines steinreichen Mannes, bleiben zusammen. Es gibt keinen Weg zurück in ein normales Leben. Albert mag Péricourt und fühlt sich ihm verpflichtet. Péricourt, der nicht mehr sprechen kann und sich ein einziges Mal versucht umzubringen, verweigert Operationen, Prothesen, Transplantationen, verweigert alles außer Morphium. Albert beschafft ihm einen Totenschein. Péricourt fängt an, sich Masken zu basteln, darunter eine Pferdemaske. Pferdeköpfe interessieren Albert.

Parallel dazu erzählt Lemaitre die Geschichte des aristokratischen Offiziers und Halunken, der für ihr Desaster verantwortlich ist. Der Leser kann erneut nicht ahnen, was sich für Verbindungen auftun werden. Ungemein gemächlich und gewieft entwickelt der Autor diesen Fortgang und dazu zwei lukrative Bubenstreiche in ganz großer Dimension: Albert und Péricourt, der ein hochbegabter Zeichner ist, planen, für selbstentworfene Kriegerdenkmäler Vorschüsse zu kassieren und sich mit dem Geld dann abzusetzen. Péricourts Entwürfe sind hanebüchen, aber der Bedarf ist gewaltig und der Absatz gut. Das gibt Lemaitre Gelegenheit, ohne Hohn, aber auch ohne Schonung die ganze Gedankenlosigkeit des Gedenkpathos’ vorzuführen.

Särge, beliebig beschriftet

Der Offizier organisiert unterdessen die Exhumierung und „Heimführung“ der gefallenen Franzosen, aber in geldsparender Unseriosität. Särge mit Erde und Leichenteilen, im Zweifel auch von deutschen Soldaten, werden beliebig beschriftet. Während sich Lemaitre ersteres nach eigenem Bekunden selbst ausgedacht hat, beruht zweiteres auf einem französischen Nachkriegsskandal. Er gibt Lemaitre Gelegenheit, ohne Wenn und Aber die Skrupellosigkeit der Eliten vorzuführen.

Dabei gibt es viel Personal in diesem Buch. Lemaitre interessiert sich für seine Leute. Keiner von ihnen wird bloßgestellt, nur der Offizier. Der Autor hasst ihn. Er plant bereits die Vergeltung.

Nicht zuletzt ist „Wir sehen uns dort oben“ eine Erinnerung an die Zerstörung, die der Erste Weltkrieg auf französischem Boden hinterlassen hat. Und ein fabelhaftes Beispiel dafür, was sich über den Krieg noch alles Bitteres sagen lässt, wenn man nicht ständig mit der Kriegsschuldfrage befasst sein muss. Schließlich ist dieser Roman das stärkste uns bekannte literarische Beispiel aus der Gegenwart dafür, wie ein scharfer, unsentimentaler Blick auf diese gesellschaftliche Katastrophe in keinem Widerspruch zu glänzender Unterhaltung stehen muss. Ein Minimum an Mut und Nerven braucht es allerdings auch, sich darauf einzulassen.

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben. Roman. Aus dem Französischen von Antje Peter. Klett-Cotta, Stuttgart 2014. 521 Seiten, 22,95 Euro.

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Dossier

Der Erste Weltkrieg, der am 28. Juli 1914 mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien begann, hat vielfältige Anlässe und Ursachen. Die FR rekonstruiert die Verläufe in den Krieg sowie die Verantwortung und Schuld anhand der zuletzt veröffentlichten Literatur.

Zeitgeschichte

Der Beginn des Kriegs traf die Eliten und das Bürgertum Europas nicht überraschend. Die Folgen waren verheerend.

Die Schlüsselfiguren

Die meisten Akteure des Ersten Weltkriegs steuerten ihre Länder in die Katastrophe, ohne die Folgen ihres Tuns auch nur halbwegs realistisch einzuschätzen. Zehn Schlüsselfiguren im Kurzporträt.

Zeittafel

Der Erste Weltkrieg veränderte das territoriale Gesicht Europas grundlegend. Die wichtigsten Daten der Kriegsjahre.

28. Juni 1914: Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand wird in Sarajevo von einem serbischen Nationalisten erschossen.

28. Juli 1914: Österreich erklärt Serbien den Krieg. Der Konflikt weitet sich zu einem Weltkrieg aus.

1./3. August 1914: Das Deutsche Reich erklärt zunächst Russland und zwei Tage später Frankreich den Krieg.

4. August 1914: Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in das neutrale Belgien erklärt Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg.

August bis September 1914: Die Schlachten an den Masurischen Seen und bei Tannenberg markieren den Beginn der deutschen Offensive im Osten.

September bis November 1914: Nach den Schlachten an der Marne, an der Yser und vor Ypern wird die deutsche Offensive im Westen gestoppt.

22. Februar 1915: Deutschland eröffnet einen massiven U-Boot- Krieg, schränkt ihn nach Versenkung des britischen Passagierschiffes "Lusitania" mit 1198 Menschen an Bord aber wieder ein.

Februar bis Juni 1916: Trotz enormen Materialaufwands gelingt dem deutschen Heer bei der Schlacht um Verdun kein Durchbruch.

31. Mai 1916: Die Seeschlacht am Skagerrak bringt keine Wende.

Juni 1916: Mit einer britischen Großoffensive beginnt die Schlacht an der französischen Somme, die bis November dauert.

12. Dezember 1916: Der Mittelmächte unterbreiten den Alliierten ein Friedensangebot, das diese aber am 30. Dezember zurückweisen.

6. April 1917: Nach der Wiederaufnahme des uneingeschränkten U- Boot-Krieges treten die USA in den Krieg ein.

6./7. November 1917: In der Oktoberrevolution übernehmen in Russland die Bolschewiken die Macht.

3. März 1918: Die Sowjetregierung schließt mit den Mittelmächten den Friedensvertrag von Brest-Litowsk.

9. November 1918: Kaiser Wilhelm II. dankt ab, die Republik wird ausgerufen.

11. November 1918: Im französischen Compiegne wird das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet.

28. Juni 1919: Das Deutsche Reich unterzeichnet unter Protest den Versailler Vertrag.

Service

Volker Berghahn: Der Erste Weltkrieg. C.H. Beck Wissen 2312, mit aktualisiertem Prolog, 126 S., 8,95 Euro.

Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Deutsche Verlags-Anstalt, 895 S., 39,99 Euro.

Adam Hochschild: Der Große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg. Verlag Klett-Cotta, 528 S., 26,95 Euro.

Gerhard Henke-Bockschatz: Der Erste Weltkrieg. Eine kurze Geschichte. Reclam Verlag, 300 S., 22,95 Euro.

Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich: Deutschland im Ersten Weltkrieg. S. Fischer Verlag, 336 S., 24,99 Euro.

Oliver Janz: Der große Krieg. Campus Verlag, 415 S., 24,99 Euro.

Gerhard Jelinek: Schöne Tage 1914. Vom Neujahrstag bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Almathea Verlag, 318 S., 22,95 Euro.

Gerd Krumeich: Juli 1914. Eine Bilanz. Mit 50 Schlüsseldokumenten zum Kriegsausbruch. Ferdinand Schöningh Verlag 362 S., 34,90 Euro.

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. C.H. Beck Verlag, 1158 S., 38 Euro.

Sean McMeekin: Juli 1914. Der Countdown in den Krieg. Europa Verlag Berlin, 558 S., 29,99 Euro.

Annika Mombauer: Die Julikrise. Euro-pas Weg in den Ersten Weltkrieg. C.H. Beck Wissen 2825, 128 S., 8,95 Euro.

Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914 – 1918. Rowohlt Verlag, Berlin 2013, 924 S., 29,95 Euro.

Ernst Piper: Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs. Propyläen Verlag 2013, 587 S., 26,99 Euro.

Matthias Steinbach (Hg.): Mobilmachung 1914. Ein literarisches Echolot. Reclam Taschenbuch 20287, 288 S., 12,95 Euro.

Hew Strachan: Der Erste Weltkrieg. Goldmann Taschenbuch 15397, 448 S., 12,99 Euro.

Service

Wladimir Aichelburg: Erzherzog Franz Ferdinand. Verlag Berger, Wien 2014. 3268 Seiten, 150 Euro.

Pat Barker: Tobys Zimmer. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Dörlemann Verlag 2014. 400 Seiten, 23,90 Euro.

Klaus Böhme (Hg.): Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg. Reclam Verlag, Stuttgart 2014. 253 S., 7,80 Euro.

Geert Buelens: Europas Dichter und der Erste Weltkrieg. Aus dem Niederländischen von Waltraut Hüsmert. Suhrkamp 2014. 459 Seiten, 26,95 Euro.

Wolfram Dornik: Des Kaisers Falke. Wirken und Nach-Wirken von Franz Conrad von Hötzendorf. Studien-Verlag, Innsbruck, Wien und Bozen 2013. 279 Seiten, Euro 24,90.

Jean Echenoz: 14. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser Berlin Verlag 2014. 126 S., 14,90 Euro.

Ernst Jünger, In Stahlgewittern. Historisch-kritische Ausgabe. 2 Bd..Hg. v. Helmuth Kiesel. Klett-Cotta Verlag 2013. 1245 S., 68 Euro.

Horst Lauinger (Hrsg.): Über den Feldern. Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen. Manesse 2014, 784 S., 29,95 Euro.

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. Verlag C.H. Beck, München 2014. 1157 S., 38 Euro.

Lothar Machtan: Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaisers. Eine Biographie. Suhrkamp, Berlin 2013. 668 S., 29,95 Euro.

Gregor Mayer: Verschwörung in Sarajevo. Triumph und Tod des Attentäters Gavrilo Princip. Residenz Verlag, 2014. 159 S., 19,90 Euro

Avi Primor: Süß und ehrenvoll. Roman. Quadriga, Köln 2013. 384 Seiten, 19,99 Euro.