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Der Erste Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg begann am 28. Juli 1914. Die FR rekonstruiert die Verläufe in den Krieg, die Verantwortung und Schuld.

21. April 2015

Ypern Erster Weltkrieg: Grausamer Tod im deutschen Giftgas

 Von Jürgen Müller
Deutsche Soldaten bei einer Giftgasattacke 1915 an der Westfront.  Foto: imago stock&people

Mit dem „Tag von Ypern“, wie man den 22. April 1915 in Deutschland bald nannte, begann durch den ersten Einsatz von Giftgas die Geschichte der modernen C-Waffen. Der Einsatz der völkerrechtlich verbotenen Kampfstoffe ist ein schlimmes Kriegsverbrechen

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Am 22. April 1915 wurde an der Westfront in der Nähe der belgischen Stadt Ypern erstmals eine moderne Massenvernichtungswaffe eingesetzt. Um 18.00 Uhr ließ die deutsche Armee aus mehreren tausend Stahlbehältern 150 Tonnen Chlorgas abblasen. Es entstand eine sechs Kilometer breite und 600 bis 900 Meter tiefe Gaswolke, die durch den nordöstlichen Wind auf die feindlichen Stellungen getrieben wurde. Das Chlorgas, das schwerer als Luft war, sank in die französischen Schützengräben, wo die ungeschützten Soldaten völlig überrascht waren. Es brach Panik aus, die Soldaten versuchten zu fliehen, aber für viele von ihnen war es zu spät. Der Gasangriff forderte etwa 1200 Tote und 3000 Verwundete.

Ein französischer General, der Augenzeuge des Geschehens war, berichtete darüber Folgendes: „Man konnte am Ufer des Kanals nur noch einige gelbliche Rauchschwaden erkennen, als wir uns aber Boesinghe auf drei oder vierhundert Meter genähert hatten, fühlten wir heftiges Prickeln in der Nase und Kehle, in den Ohren sauste es, das Atmen fiel uns schwer; ein unerträglicher Chlorgeruch umgab uns. (...) In der Nähe des Dorfes war das Bild, das sich uns bot, mehr als bedauernswert, es war tragisch. Überall Flüchtende: Landswehrleute, Afrikaner, Schützen, Zuaven, Artilleristen ohne Waffe, verstört, mit ausgezogenen oder weit geöffneten Röcken, abgenommener Halsbinde liefen wir Wahnsinnige ins Ungewisse, verlangten laut schreiend nach Wasser, spuckten Blut, einige wälzten sich sogar am Boden und versuchten vergeblich, Luft zu schöpften.“

Mit dem „Tag von Ypern“, wie man den 22. April 1915 in Deutschland bald nannte, begann die Geschichte der modernen C-Waffen, wie die Historikern Margit Szöllösi-Janze in ihrer Biografie über Fritz Haber schreibt, jenes hochangesehenen Wissenschaftlers, der an der Entwicklung chemischer Waffen in Deutschland maßgeblich beteiligt war: „Gas wurde zum ersten Massenvernichtungsmittel der Weltgeschichte.“

Diese Waffe wurde in der Folgezeit häufig eingesetzt, nicht nur von deutscher, sondern auch von französischer, englischer, russischer und österreichischer Seite. Dabei kamen weiterentwickelte Kampfstoffe und neue Taktiken zur Anwendung. Da das Abblasen des Gases aus Behältern umständlich und abhängig von der Windrichtung war, ging man dazu über, mit Gas gefüllte Granaten mit der Artillerie zu verschießen. Diese Geschosse enthielten nun nicht mehr nur Chlorgas, sondern noch weitaus gefährlichere Stoffe wie Phosgen, das die Lungen zerstörte, oder Senfgas (Lost), das über die Haut einwirkte und zu inneren Verätzungen führte. Häufig wurden bei Gasangriffen verschiedene Kampfstoffe gleichzeitig eingesetzt. In der deutschen Armee bezeichnete man das als „Buntschießen“, was von der farblichen Markierung der verschiedenen Giftgasgranaten herrührt: Gelbkreuz waren die Hautkampfstoffe wie Senfgas, Rotkreuz nannte man die Nesselstoffe, Grünkreuz hießen die Lungenkampfstoffe wie Phosgen, Blaukreuz waren die Nasen- und Rachenkampfstoffe und Weißkreuz die Augenkampfstoffe.

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Dossier

Der Erste Weltkrieg, der am 28. Juli 1914 mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien begann, hat vielfältige Anlässe und Ursachen. Die FR rekonstruiert die Verläufe in den Krieg sowie die Verantwortung und Schuld anhand der zuletzt veröffentlichten Literatur.

Zeitgeschichte

Der Beginn des Kriegs traf die Eliten und das Bürgertum Europas nicht überraschend. Die Folgen waren verheerend.

Die Schlüsselfiguren

Die meisten Akteure des Ersten Weltkriegs steuerten ihre Länder in die Katastrophe, ohne die Folgen ihres Tuns auch nur halbwegs realistisch einzuschätzen. Zehn Schlüsselfiguren im Kurzporträt.

Zeittafel

Der Erste Weltkrieg veränderte das territoriale Gesicht Europas grundlegend. Die wichtigsten Daten der Kriegsjahre.

28. Juni 1914: Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand wird in Sarajevo von einem serbischen Nationalisten erschossen.

28. Juli 1914: Österreich erklärt Serbien den Krieg. Der Konflikt weitet sich zu einem Weltkrieg aus.

1./3. August 1914: Das Deutsche Reich erklärt zunächst Russland und zwei Tage später Frankreich den Krieg.

4. August 1914: Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in das neutrale Belgien erklärt Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg.

August bis September 1914: Die Schlachten an den Masurischen Seen und bei Tannenberg markieren den Beginn der deutschen Offensive im Osten.

September bis November 1914: Nach den Schlachten an der Marne, an der Yser und vor Ypern wird die deutsche Offensive im Westen gestoppt.

22. Februar 1915: Deutschland eröffnet einen massiven U-Boot- Krieg, schränkt ihn nach Versenkung des britischen Passagierschiffes "Lusitania" mit 1198 Menschen an Bord aber wieder ein.

Februar bis Juni 1916: Trotz enormen Materialaufwands gelingt dem deutschen Heer bei der Schlacht um Verdun kein Durchbruch.

31. Mai 1916: Die Seeschlacht am Skagerrak bringt keine Wende.

Juni 1916: Mit einer britischen Großoffensive beginnt die Schlacht an der französischen Somme, die bis November dauert.

12. Dezember 1916: Der Mittelmächte unterbreiten den Alliierten ein Friedensangebot, das diese aber am 30. Dezember zurückweisen.

6. April 1917: Nach der Wiederaufnahme des uneingeschränkten U- Boot-Krieges treten die USA in den Krieg ein.

6./7. November 1917: In der Oktoberrevolution übernehmen in Russland die Bolschewiken die Macht.

3. März 1918: Die Sowjetregierung schließt mit den Mittelmächten den Friedensvertrag von Brest-Litowsk.

9. November 1918: Kaiser Wilhelm II. dankt ab, die Republik wird ausgerufen.

11. November 1918: Im französischen Compiegne wird das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet.

28. Juni 1919: Das Deutsche Reich unterzeichnet unter Protest den Versailler Vertrag.

Service

Volker Berghahn: Der Erste Weltkrieg. C.H. Beck Wissen 2312, mit aktualisiertem Prolog, 126 S., 8,95 Euro.

Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Deutsche Verlags-Anstalt, 895 S., 39,99 Euro.

Adam Hochschild: Der Große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg. Verlag Klett-Cotta, 528 S., 26,95 Euro.

Gerhard Henke-Bockschatz: Der Erste Weltkrieg. Eine kurze Geschichte. Reclam Verlag, 300 S., 22,95 Euro.

Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich: Deutschland im Ersten Weltkrieg. S. Fischer Verlag, 336 S., 24,99 Euro.

Oliver Janz: Der große Krieg. Campus Verlag, 415 S., 24,99 Euro.

Gerhard Jelinek: Schöne Tage 1914. Vom Neujahrstag bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Almathea Verlag, 318 S., 22,95 Euro.

Gerd Krumeich: Juli 1914. Eine Bilanz. Mit 50 Schlüsseldokumenten zum Kriegsausbruch. Ferdinand Schöningh Verlag 362 S., 34,90 Euro.

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. C.H. Beck Verlag, 1158 S., 38 Euro.

Sean McMeekin: Juli 1914. Der Countdown in den Krieg. Europa Verlag Berlin, 558 S., 29,99 Euro.

Annika Mombauer: Die Julikrise. Euro-pas Weg in den Ersten Weltkrieg. C.H. Beck Wissen 2825, 128 S., 8,95 Euro.

Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914 – 1918. Rowohlt Verlag, Berlin 2013, 924 S., 29,95 Euro.

Ernst Piper: Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs. Propyläen Verlag 2013, 587 S., 26,99 Euro.

Matthias Steinbach (Hg.): Mobilmachung 1914. Ein literarisches Echolot. Reclam Taschenbuch 20287, 288 S., 12,95 Euro.

Hew Strachan: Der Erste Weltkrieg. Goldmann Taschenbuch 15397, 448 S., 12,99 Euro.

Service

Wladimir Aichelburg: Erzherzog Franz Ferdinand. Verlag Berger, Wien 2014. 3268 Seiten, 150 Euro.

Pat Barker: Tobys Zimmer. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Dörlemann Verlag 2014. 400 Seiten, 23,90 Euro.

Klaus Böhme (Hg.): Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg. Reclam Verlag, Stuttgart 2014. 253 S., 7,80 Euro.

Geert Buelens: Europas Dichter und der Erste Weltkrieg. Aus dem Niederländischen von Waltraut Hüsmert. Suhrkamp 2014. 459 Seiten, 26,95 Euro.

Wolfram Dornik: Des Kaisers Falke. Wirken und Nach-Wirken von Franz Conrad von Hötzendorf. Studien-Verlag, Innsbruck, Wien und Bozen 2013. 279 Seiten, Euro 24,90.

Jean Echenoz: 14. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser Berlin Verlag 2014. 126 S., 14,90 Euro.

Ernst Jünger, In Stahlgewittern. Historisch-kritische Ausgabe. 2 Bd..Hg. v. Helmuth Kiesel. Klett-Cotta Verlag 2013. 1245 S., 68 Euro.

Horst Lauinger (Hrsg.): Über den Feldern. Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen. Manesse 2014, 784 S., 29,95 Euro.

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. Verlag C.H. Beck, München 2014. 1157 S., 38 Euro.

Lothar Machtan: Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaisers. Eine Biographie. Suhrkamp, Berlin 2013. 668 S., 29,95 Euro.

Gregor Mayer: Verschwörung in Sarajevo. Triumph und Tod des Attentäters Gavrilo Princip. Residenz Verlag, 2014. 159 S., 19,90 Euro

Avi Primor: Süß und ehrenvoll. Roman. Quadriga, Köln 2013. 384 Seiten, 19,99 Euro.