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Der Fall Schavan
Bildungsministerin Annette Schavan kämpft um ihren Doktortitel

24. Januar 2013

Plagiats-Vorwurf gegen Bildungsministerin Schavan: Annette Schavans Titelkampf

 Von Katja Tichomirowa und Daniela Vates
Bildungsministerin Annette Schavan, hier bei einer Präsentation elektrostatischer Energie. Energie braucht sie jetzt. Sie hat angekündigt, um ihren Doktortitel zu kämpfen, im Notfall vor Gericht.  Foto: Getty

Annette Schavan ist nicht nur die Vertraute der Kanzlerin. Sie ist seit Jahrzehnten Bildungspolitikerin. Die Uni Düsseldorf zweifelt, dass sie vor 30 Jahren bei ihrer Doktorarbeit korrekt zitiert hat. Für Schavan geht es jetzt um mehr als nur den akademischen Grad.

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Ausgerechnet die Egmont-Ouvertüre, dieses himmelhochjauchzende, zu Tode betrübte Stück, diese Freiheitsfanfare, diese Hinrichtungsmusik. Eine dramatischere musikalische Untermalung hätte man sich nicht denken können für die Schicksalsstunde der Annette Schavan. An diesem Dienstagnachmittag sitzt sie in der Berliner Philharmonie, ein paar Reihen hinter dem französischen Präsident, inmitten ihrer französischen und deutschen Kollegen. Der Bundespräsident hat zum Festkonzert geladen, aus Anlass des 50. Jahrestages des Élysée-Vertrags, ein Ereignis, das zwanzig Jahre länger zurückliegt als Schavans Doktorarbeit, über die der Fakultätsrat der Heinrich-Heine Universität zur selben Stunde in Düsseldorf entscheiden soll.

Entscheiden wird er, wie sich herausstellt, nichts. Der Fakultätsrat leitet lediglich das Verfahren zur Aberkennung ihres Doktortitels ein. Ob Annette Schavan ihren Titel verlieren wird, bleibt offen.

Eine Doktorarbeit ausgerechnet zur Frage der Gewissensbildung. Eine Bildungsministerin – ausgerechnet – , die unter Plagiatsverdacht steht. Und die, während über ihre Zukunft entschieden wird, umringt ist von Ministerkollegen, nicht nur den eigenen, sondern auch noch von denen des Nachbarlandes Frankreich. Sie wird beobachtet, mit verhohlener oder unverhohlener Neugier, ihr Mienenspiel begutachtet, die Tiefe ihrer Zornesfalten ausgelotet, jede Geste verfolgt.

Wie hält Annette Schavan das aus?

Sie ist ruhig und entschlossen, hört man aus ihrer Umgebung. „Ich habe meine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen erstellt“, sagt sie in Interviews. Der Vorwurf aber treffe sie im Kern. „Er trifft den Kern von dem, was mir wichtig ist.“
Der Verdacht, sie habe in ihrer Doktorarbeit getäuscht, bewusst und planvoll, haftet an ihr, isoliert sie, reduziert ihre ganze Person darauf. Sie wird den Verdacht nicht los. Und alles, was man sonst noch über Annette Schavan sagen könnte, gleitet an ihm ab.

Sie mag als Ministerin blass geblieben sein, aber war sie nicht eben noch die aufrechte, seriöse Person? Eine, die man sich als Doktorandin vorstellen kann, wie sie sich eifrig über ihren Zettelkasten beugt und sorgsam Notat für Notat überträgt? Es gibt ein Bild von ihr aus dieser Zeit. Es zeigt sie genau so: ernsthaft und adrett, mit Hemdbluse, Perlenkette und einer großen Brille.

Annette Schavan ist kein Karl-Theodor zu Guttenberg. Ihm nahm man das Plagiat ab. Es passte als logische Folge in den Bilderbogen vom adeligen Rock’n’Roller, Vollblutpolitiker, Herzblutwissenschaftler und Businessman, der neben der Erstellung seiner Summa-cum-laude-Arbeit den väterlichen Besitz verwaltet, ein Bundestagsmandat ausfüllt und abends seine Kinder ins Bett bringt, bevor er mit Stefanie zum Ball aufbricht. Mit Karl-Theodor zu Guttenberg wurden alle ernüchtert, die dieses Märchen glauben wollten.

Verliert Annette Schavan ihren Doktortitel, verliert sie mehr als ihr Amt. Mit dem Urteil über ihre Vergangenheit als Wissenschaftlerin ergeht auch eines über ihre Zukunft als Politikerin. Sie wird sich nicht, wie Guttenberg, das Gel aus den Haaren waschen und die Büßerin geben können. Sie muss kämpfen. Und sie will es auch. Sie will den Vorwurf der leitenden Täuschungsabsicht, des Betrugs abschütteln, ihn nicht auf sich sitzenlassen.
Acht Monate sind vergangen, seit die anonymen Plagiatsvorwürfe gegen Annette Schavan im Internet auftauchten. Sie hat ihre Arbeit seither einmal gelesen und noch einmal, sie hat sie mit Fachwissenschaftlern besprochen und offenbar auch Unterstützung erfahren. „All das bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass meine Dissertation kein Plagiat ist“, sagt Schavan. Sie will ein zweites Gutachten, ein Fachgutachten. Sie geht davon aus, dass mit der Eröffnung des Verfahrens auch verbunden ist, ein externes Gutachten einzuholen.

In unkomfortabler Lage

„Das Recht“, sagt der Rektor ihrer ehemaligen Universität, der Mediziner Michael Piper, „auch das Fakultätsrecht, gilt ohne Ansehen der Person. Alles andere wäre inakzeptabel.“ Entscheiden soll der Promotionsausschuss über die Doktorandin Annette Schavan, nicht über die Ministerin. Tatsächlich aber befinden sich beide Seiten, die Wissenschaft und die Politik, in einer unkomfortablen Lage. Die Universität will sich nicht den Vorwurf einhandeln, sie habe Partei ergriffen für die Wissenschaftsministerin. Die wiederum wird gedrängt, sich zu einem Verfahren zu äußern, dessen Gegenstand sie ist und auf das sie schon deshalb keinen Einfluss nehmen darf. Sie schweigt. Das spricht nicht gegen sie.

Annette Schavan zehrt von ihrem Nimbus als redliche Person, aber auch von ihrer Stellung als Wissenschaftsministerin. Ihr Etat wuchs in den vergangenen Jahren beständig, während der anderer Ministerien beschnitten wurde. Sie hat viel Geld zu vergeben, und sie vergibt es. Als Anfang der Woche führende Wissenschaftsorganisationen der Universität Düsseldorf schwere Verfahrensfehler vorwarfen, handelten sie sich ihrerseits den Vorwurf ein, mit der Ministerin auch die Institution in Schutz zu nehmen, von deren finanziellen Zuwendungen sie abhängig sind.
Aber auch andere Wissenschaftler wie der Schweizer Literaturforscher Philipp Theisohn sehen keinen Grund, Schavan die Doktorwürde zu entziehen. Theisohn, der Bücher über Plagiate in der Wissenschaft geschrieben hat, verweist auf die Zeit, in der Schavan ihre Arbeit geschrieben hat. In der Pädagogik sei es vor 30 Jahren gängig gewesen, Thesen zu sammeln und umzuschreiben. Eine Täuschungsabsicht will er Schavan nicht unterstellen. Er hält ihre Dissertation schlicht für mittelmäßig. Eine eigene Position sei in ihrer Arbeit „oft nur rudimentär entwickelt“.

Der Berliner Rechtsprofessor Gerhard Dannemann befürchtet dagegen, die Standards für sauberes wissenschaftliches Arbeiten könnten abgesenkt werden, wenn ausgerechnet im Fall der Wissenschaftsministerin ein Auge zugedrückt werde. „Diese Arbeit hätte nicht als Doktorarbeit angenommen werden dürfen“, sagt Dannemann. „Es sind zu viele grobe Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis drin.“ Den Daumen senken will er aber auch nicht. Die Frage sei, ob angesichts „krasserer Fälle“ der Doktortitel aberkannt werden müsse. Dannemann hält den Ausgang des Verfahrens für offen.

Die CDU könnte sie jetzt fallen lassen. Eine Weile hat es auch so ausgesehen, als würde es so sein. Als die ersten Hinweise auf den Plagiatsverdacht kamen, gab es giftige Kommentare von Parteikollegen. Schadenfreude, Rachegefühle, alles Mögliche vereinte sich. Schavan habe Guttenberg in den Schmutz gezogen, beschädigt, zu Fall gebracht, so sehen es diese Leute. Sie hatte ein Interview gegeben, in dem sie zu Guttenbergs Doktorarbeit sagte: „Ich schäme mich nicht nur heimlich.“ CSU-Chef Horst Seehofer hat damals den Ärger mit den Worten zusammengefasst, er werde die Sache auf Wiedervorlage legen.

Dann gab es noch diese Fotoserie, in der Merkel Schavan die SMS zeigt, die Guttenbergs Rücktritt ankündigt. Beide Frauen lächeln. Schavan hat man das weniger verziehen als der Kanzlerin. Es war das, was sich ihren Parteikollegen aus ihrer Amtszeit als Ministerin am meisten einprägte.

Es ist ja auch weniger gefährlich, Schavan nicht zu mögen und zu kritisieren. Die Ministerin bleibt meist im Hintergrund, sie hat anders als die schwebende Kanzlerin keinen ermittelten Beliebtheitswert in der Bevölkerung.

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Die CDU hat immer gefremdelt mit Schavan. Zu kühl, zu zurückhaltend. Ihr Aufstieg begann mit dem Eintritt ins Schattenkabinett von Christian Wulff in den 90er-Jahren, Erwin Teufel holte sie dann zur Überraschung seiner Partei als Kultusministerin nach Baden-Württemberg. Sie verschreckte ihren neuen Landesverband damit, dass sie einer Muslimin erlaubte, mit Kopftuch zu unterrichten. Sie hat im Lauf der Zeit noch öfters Positionen eingenommen, die nicht zum herkömmlichen Bild der CDU passten: für schwarz-grüne Bündnisse zum Beispiel und für die Präimplantationsdiagnostik, die Gentests an Embryonen. Und so hat auch ihr Aufstieg im Bund mit dem Aufstieg einer anderen Frau begonnen, die der CDU Modernisierung verordnete: Schavan wurde nach dem Ende der Ära Kohl Vize-Parteichefin, Merkel übernahm den Parteivorsitz. Das verbindet. Beide eint auch, dass sie ihre Erfolge nicht unbedingt öffentlich feiern.

Kein fairer Kampf

Im Verlauf der Zeit hat Schavan dann noch einige Male zurückstecken müssen. Merkel brachte sie als mögliche Bundespräsidentin ins Spiel, CSU und FDP lehnten ab. Erwin Teufel wollte sie zu seiner Nachfolgerin im Ministerpräsidenten-Amt machen. Es gewann der Konkurrent Günther Oettinger, nach einem nicht besonders fairen Kampf: Oettingers Lager verwies darauf, dass Schavan unverheiratet sei. Das hatte in Teilen der Union vor zehn Jahren einen anrüchigen Klang, inzwischen, mit all den minsterpräsidentialen Scheidungen und unehelichen Kindern ist es ein wenig anders geworden.

Annette Schavan hat dann einige Jahre später auch ihren Teil dazu beigetragen, dass Oettinger durch Stefan Mappus ersetzt wurde. Da hatte sie Angela Merkel schon nach Berlin geholt, als Bildungsministerin. Guttenberg hatte die Wehrpflicht abgeschafft, Merkel ließ die Partei auf Atomkraft verzichten und Schavan sorgte für eine Abkehr ihrer Partei von der Hauptschule. Alles ließ sich gut begründen, alles war umstritten. Ärger bekam vor allem Annette Schavan. Und dann kamen die Zweifel an der Doktorarbeit. „Die Zuneigung für Schavan war bei Null“, sagt einer aus ihrem baden-württembergischen Landesverband.

Bei Annette Schavan ist das angekommen. Sie hat vorsorglich verzichtet, auf dem CDU-Parteitag Ende 2012 noch einmal als stellvertretende Parteivorsitzende anzutreten. Die offizielle Begründung war, sie habe den Job nun lange genug gemacht. Tatsächlich musste sie befürchten, nicht oder nur sehr mühsam wiedergewählt zu werden. Sie hatte ja noch nie besonders viel Zuspruch der Delegierten erhalten. Lieber ging sie also freiwillig, als dazu gezwungen zu werden. Angela Merkel hat sie nicht aufgehalten. Der neue baden-württembergische CDU-Landeschef Thomas Strobl, der ihren Posten übernahm, dankte es mit einer Schavan-Werbetour durch die Kreisverbände seins Landesverbands.

Das hat wohl geholfen. Und auch die näher rückende Bundestagswahl. Wenige Monate davor einen Minister zu behalten, dem eine Art Betrug vorgeworfen wird, ist riskant. Aber es ist auch riskant, sich von einem Minister zu trennen, wenn der nicht selber geht. Mangelnde Solidarität könnte man der CDU dann vorwerfen. „Jetzt wird ein Zeichen gesetzt: Wir lassen niemand einfach so über die Klinge springen“, heißt es in der Partei. Also hat man sich entschlossen, zusammen zu rücken.

Annette Schavan kündigt über ihre Pressestelle an, sie werde kämpfen. Sie will Ministerin bleiben, sie will sich den Doktortitel nicht nehmen lassen. Sie erwägt auch eine Klage. Fraktionschef Volker Kauder kritisiert Universität, Verfahren, Gutachter. Angela Merkel versichert ihr ihre Solidarität.

Der Ulmer Kreisverband verkündet, man werde Schavan selbstverständlich wieder aufstellen als Bundestagskandidatin. „Wir haben vollstes Vertrauen in unsere Ministerin“, sagt der Kreisgeschäftsführer Thomas Schweizer. An diesem Freitag soll die Kandidatur abgesegnet werden. Es scheint, als sei das nur noch Formsache. Das wäre schon ein wenig kurios: So selbstverständlich begeistert ist der Kreisverband schließlich nicht immer gewesen von der Ministerin. Die lasse sich zu wenig in ihrem Wahlkreis blicken, hieß es. Andere Kreisverbände bestätigen ihre Kandidaten mit an die hundert Prozent, Schavan kam zweimal gerade so über fünfzig. „Dieses Mal wird sie durchmarschieren“, heißt es. Ausgerechnet die Krise rückt Schavans nun näher an ihre Partei, als sie es je war. „Es gibt jetzt einen Mitleidsbonus“, sagt ein CDU-Mann. Ein solcher hat auch der FDP in Niedersachsen geholfen. Erst einmal.

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