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Fall Kachelmann: Der Geheimprozess

Nach dem 13. Verhandlungstag ist die Frage nach der Schuld Kachelmanns so offen wie nach dem ersten. Zumindest aus Sicht der Beobachter. Das Gericht jedoch hat ihnen neun Zeugen voraus. Auch die Gutachter sagen nichtöffentlich aus.

Reinhard Birkenstock, der Anwalt von Wettermoderator Kachelmann. Foto: dpa

Der Aussage-Marathon von Sabine W. ist am Mittwoch gegen 13.30 Uhr vorläufig beendet worden. Die Radiomoderatorin aus Schwetzingen, die Jörg Kachelmann, 52, der schweren Vergewaltigung beschuldigt, stand der 5. Großen Strafkammer des Mannheimer Landgerichts vier Tage nacheinander insgesamt fast 20 Stunden Rede und Antwort. Die Verteidigung behält sich jedoch vor, sie noch mal zu befragen, wenn es um intime Fotos geht, die sich Sabine W. und Kachelmann im Rahmen ihres umfangreichen Chatverkehrs geschickt haben.

Die 37 Jahre alte Sabine W. hatte über ihren Lebenslauf berichtet, über ihre elf Jahre währende Beziehung zu dem Schweizer Wettermoderator und über die Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2010, in der er sie in ihrer Schwetzinger Wohnung mit dem Tode bedroht und ihr sexuelle Gewalt angetan haben soll. Was genau sie schilderte und wie glaubwürdig das Gesagte wirkte, lässt sich nicht beantworten. Sabine W. redete nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock fasste seinen Eindruck von der Aussage am gestrigen Mittag so zusammen: „Sie hat uns dem Ziel der Rehabilitierung Kachelmanns sehr viel näher gebracht.“ Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge sagte: „Ich halte das für Wunschdenken.“

Nach dem 13. Verhandlungstag im Prozess gegen Kachelmann ist die Frage nach der Schuld des Angeklagten so offen wie nach dem ersten. Zumindest aus Sicht der Beobachter, des Publikums also und der Medien. Das Gericht jedoch hat ihnen neun Zeugen voraus: Sabine W., deren Eltern sowie fünf ehemalige oder aktuelle Geliebte Kachelmanns sagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus – jetzt auch der erste Sachverständige, der Therapeut von Sabine W., Günter Seidler.

Nach der ersten Terminplanung im Juli hätte der Prozess am gestrigen Mittwoch beendet sein sollen. Inzwischen ist er bis kurz vor Weihnachten terminiert. Aber so gut wie nichts von dem, was in den Frühlings- und Sommerwochen, während denen Kachelmann in Mannheimer U-Haft saß, an Ermittlungsergebnissen und Gutachten in den Medien ausgebreitet wurde, ist bisher im Landgericht öffentlich erörtert worden. Das Verfahren, das schon zum Boulevard-Event des Jahres ausgerufen worden war, mutiert immer mehr zum Geheimprozess.

Das Gericht unter Vorsitz von Michael Seidling schließt die Saaltüren, wann immer die Verhandlung sich Richtung intimes Terrain zu bewegen scheint. Bisher regte sich dagegen kein Widerstand von Staatsanwaltschaft, Nebenklage oder Verteidigung. Und dieses Prinzip setzt sich fort. Gestern sagte Günter Seidler, Experte auf dem Gebiet der Traumapsychologie, aus – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Seidler ist seit März 2010 auch Therapeut von Sabine W. und erklärt in einem Gutachten Erinnerungsschwächen seiner Patientin in Bezug auf die angebliche Vergewaltigung mit dem traumatischen Erlebnis.

DNA am Tamponfädchen

Staatsanwalt Oltrogge geht davon aus, dass auch die vier Gutachter der Verteidigung nichtöffentlich reden werden. Bleiben als Kandidaten für öffentliche Aussagen also nur noch die Rechtsmediziner und Kriminologen, die sich den Fragen widmen, ob am Tomatenmesser, das Kachelmann seiner Freundin an den Hals gehalten haben soll, zweifelsfrei seine DNA ist. Ja, sagt die Staatsanwaltschaft; nein, kontert die Verteidigung. Oder was es etwa mit dem Tampon auf sich hat, den Kachelmann vor dem Geschlechtsverkehr bei ihr entfernt haben soll. Auf dem Tampon-Fädchen findet sich laut Staatsanwaltschaft eindeutig Kachelmanns DNA. Nach wie vor offen ist auch, wie sich die Verletzungen am Körper von Sabine W. interpretieren lassen.

Der Prozess wird am 8. November fortgesetzt – womöglich in nichtöffentlicher Sitzung.

Autor:  Christoph Albrecht-Heider
Datum:  27 | 10 | 2010
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