Falls es in einem Buchladen das Regal „Lausbubengeschichten“ noch geben sollte, steht dort schon lange nicht mehr Ludwig Thoma. Ob eines von Tom Sawyers Abenteuern noch vorrätig ist, wollen wir hoffen. Doch zur Zeit überwuchern die Bände von „Gregs Tagebuch“ alles, sie verkaufen sich wie geschnitten Brot. Geschrieben und im Strichmännchen-Stil illustriert vom US-amerikanischen Online-Spiele-Entwickler Jeff Kinney sind sie der Segen des Buchhandels. In ihrem alterslosen Humor haben sie es nicht nur auf Schulkinder abgesehen. Sie zielen punktgenau in die kindlichen Gemüter von Erwachsenen, die kichern wollen, wenn sie Bettgeschichten vorlesen.
Ob die Bücher nun ihren berühmten Vorläufern das Wasser reichen können, ist völlig unerheblich. Jede Zeit braucht ihre hoffentlich zeitlosen Kindergeschichten. Zumindest ist die Filmversion von „Gregs Tagebuch“ dem „Kleinen Nick“ im Kino überlegen. Auch das war kein schlechter Film, doch es fehlte der dramaturgische und vor allem emotionale Bogen, der aus Geschichtensammlungen große Kinoerlebnisse macht. Und es fehlte der subversive Stachel.
Thor Freudenthals „Diary of a Wimpy Kid“ kommt dem Geist seiner Vorlage näher, vielleicht auch, weil es schon immer eine durchlässige Grenze gab zwischen den Underground-Comics eines Robert Crumb und dem Independent-Kino. Wer glaubt, dies hier sei ein Mainstream-Film, nur weil er Millionen einspielt, muss nur einmal auf das Buch schauen, das das Mädchen, in das sich Greg verliebt hat, da unter der Bettdecke liest: Es ist „Howl“ von Allen Ginsberg. Für eine etwa Elfjährige eine interessante Wahl.
Greg, der den gezielten Plan verfolgt, Klassenliebling zu werden, und dabei alles falsch macht, befindet sich im schwierigsten Alter des Lebens. Es ist der Moment, in dem man die Grundschule hinter sich hat, aber noch nicht einmal die Ausrede „Pubertät“ richtig für sich in Anspruch nehmen kann. Der Kredit der Kindlichkeit ist aufgebraucht, der Charme der Jugend aber noch in weiter Ferne. Die Niedlichkeit schwindet dahin. Im Falle von Greg heißt das: rotzfrech und wenig drum herum.
In den Schulhof-Ritualen lernt er die Grausamkeiten der Status-Welt der Erwachsenen kennen. Man hat es oft gesehen in High-School-Filmen, aber selten mit einem solchen Sinn für das Absurde. Da ist zum Beispiel diese alte, ekelhafte Käsescheibe auf dem Schulhof. Wer sie anfassen muss, ist für alle tabu. Es sei denn, er gibt den Makel an den nächsten weiter.
Gregs Tagebuch ist ein wunderbarer Film über die absurden Rituale der Anerkennung. Und ein gänzlich unsentimentaler Film über das undankbare Ende der Kindheit.
Gregs Tagebuch, Regie: Thor Freudenthal, USA 2010, 94 Minuten.