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22. September 2011

Demo gegen Papst: "Boykott ist doch super"

Organisiert den Aufstand gegen Benedikt XVI.: Pascal Ferro.

Pascal Ferro organisiert den Protest gegen den Papstbesuch. Im Interview erklärt er, warum er aus der Kirche ausgetreten ist - und weshalb heute Zehntausende zur Demonstration am Brandenburger Tor kommen sollen.

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Zur Person
Organisiert den Aufstand gegen Benedikt XVI.: Pascal Ferro.

Pascal Ferro, 28, ist Projektkoordinator des Bündnisses „Der Papst kommt“, das vom Lesben- und Schwulenverband in Berlin-Brandenburg (LSVD) initiiert wurde. Der ausgebildete Großhandelskaufmann macht Medienarbeit für den LSVD und die Schwulenberatung Berlin.
Das Protestbündnis wird von rund 60 Organisationen und Personen getragen, darunter die Deutsche Aids-Hilfe, die Grünen, Pro Familia und der Zentralrat der Ex-Muslime. Das Bündnis will am heutigen Donnerstag mit einer Demonstration gegen die „menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes“ protestieren. Motto: „Keine Macht den Dogmen“.
Prominenter Teilnehmer bei der Demo ist Volker Beck, Parlamentsgeschäfts-führer der Grünen. Er will zunächst der Rede des Papstes im Parlament beiwohnen, danach aber demonstrieren. Demonstrieren wollen auch weitere Abgeordnete, unter anderem Rolf Schwanitz (SPD) und Barbara Höll (Linke).
Bei der Abschlusskundgebung am Bebelplatz vor der St. Hedwigs-Kathedrale
sprechen: der schwule Theologe David Berger, der atheistische Aktivist Michael Schmidt-Salomon und Mina Ahadi vom Zentralrat der Ex-Muslime.



Herr Ferro, wie sind Sie selbst darauf gekommen, sich gegen den Papstbesuch zu engagieren?

Ich bin vor vier Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten. Und mit meinem Protest will ich gerade die extrem gläubigen Menschen, die sich die Worte des Papstes zu Herzen nehmen, wachrütteln und ihnen klar machen, dass es falsch ist, was der Papst sagt. Zum Beispiel die Haltung gegenüber der Homosexualität: Zu sagen, die Gleichstellung von Homosexuellen bedeutet die Legalisierung des Bösen, empfinde ich als menschenverachtend. Das war auch der Grund für meinen Kirchenaustritt. Ich kann doch keine Institution unterstützen, die meint, dass ich etwas Böses, etwas Schlechtes auf der Welt bin.

Was soll der Protest bringen, ist nicht längst alles gesagt an Kritik am Papst und der katholischen Kirche?

Ich finde, die frauenverachtende Haltung des Papstes, auch die Ablehnung des Schwangerschaftsabbruchs und das Kondomverbot sind nicht akzeptabel. Die Frau steht in der katholischen Kirche ganz unten, Frauen haben keine Aufstiegsmöglichkeiten. Und was das Verbot des Kondomgebrauchs angesichts von HIV/Aids angeht: Wer das propagiert, hat potenziell Menschenleben auf dem Gewissen. Darauf muss man stets wieder hinweisen.

Warum war es so wichtig für das Bündnis, mit der Demo an das Brandenburger Tor, in die Nähe des Reichstags zu kommen?

Zu diesem Zeitpunkt ist der Papst im Parlament, um dort eine Rede zu halten. Wir wollten, dass zumindest die Möglichkeit besteht, dass uns der Papst und die Politiker hören – und vielleicht auch sehen können. Leider hat das Verwaltungsgericht das nicht erlaubt. Wir müssen auf unserer Demo-Route zwischen Potsdamer Platz und der Hedwigskathedrale am Bebelplatz weit vor dem Brandenburger Tor abbiegen.

Mehrere Dutzend Bundestagsabgeordnete wollen nicht im Plenum sein, wenn der Papst spricht. Der Boykott sei kleinkariert und peinlich, hieß es in Pressekommentaren; Kurienkardinal Walter Brandmüller sagte, dies verstärke „das Bild vom hässlichen Deutschen “. Was halten Sie von dem Boykott?

"Eine Art absoluter Monarch"

Der Boykott ist doch super, mir sind das eher noch zu wenig Abgeordnete, die da mitmachen. Ich glaube, es würden auch mehr sein, wenn es den Fraktionszwang nicht gäbe. Da trauen sich nicht alle. Der Papst wurde als Staatsoberhaupt in den Bundestag eingeladen. Schon darüber, ob der Papst ein Staatsoberhaupt darstellt, lässt sich streiten. Staat und Kirche sollten getrennt sein, hier ist die Frage der religiösen Neutralität des Staates berührt. Der Bundestag steht für die Demokratie, der Papst hingegen ist eine Art absoluter Monarch.

Robert Zollitsch, Vorsitzender der Bischofskonferenz, hat vor „Krawallen“ bei den Demonstrationen gegen den Papst gewarnt. Ist die Warnung berechtigt?

Wenn man daran denkt, was an Rangeleien zwischen Demonstranten und Polizisten passiert ist beim jüngsten Papstbesuch zum Weltjugendtag in Madrid, dann schon. Doch die Lage in Madrid, wo es schon Jugendproteste wegen der Wirtschaftslage gegeben hatte, war eine andere. Unser Anliegen ist eine friedvolle und gewaltfreie Demonstration - und wir werden auch selbst viele Ordner im Einsatz haben.

Wie viele Leute werden Sie heute auf die Beine bringen?

Es haben sich auch Demonstranten aus anderen Städten angekündigt, wir rechnen mit 10 000 bis 15 000 Teilnehmern bei der Demo. Für einen Wochentag wären das eine Menge Leute.

Das Gespräch führte Hans-Hermann Kotte.

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