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Der neue Papst
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11. Februar 2013

Kardinal Joachim Meisner: "Wie soll das gehen? Ein Papst im Ruhestand!"

 Von 
Kardinal Meisner und Benedikt XVI. 2005. Foto: dpa

Im exklusiven Interview gesteht Kardinal Meisner, dass ihn der Rücktritt Benedikts XVI. schockiert. Dennoch kann er Verständnis für die Entscheidung des Papstes finden. Enttäuscht ist der Kardinal von den Deutschen, zu oft sei der Papst in seiner Heimat belächelt worden.

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Herr Kardinal, Sie gelten als enger Vertrauter des Papstes. Waren Sie über den Rücktritt im Bilde?
Ich war absolut überrascht und habe die Nachricht erst für einen Rosenmontagsscherz gehalten. Um ehrlich zu sein, bin ich regelrecht schockiert.

Schockiert?
Solch ein Schritt lag außerhalb meiner Vorstellungen. Früher traten nicht einmal Priester und Bischöfe zurück. Das hat einen durchaus tiefen Sinn: Das geistliche Amt ist ja eine Art Vaterschaft. Und Vater bleibt man doch zeit seines Lebens. Als dann die Altersgrenze für Bischöfe und Priester eingeführt wurde, habe ich lange Zeit gedacht: Ein Glück, dass wenigstens der Papst auf Lebenszeit amtiert. Dann ist die Kontinuität dieser Vaterschaft gesichert. Allerdings merke ich es an mir selbst, wie ich mit den Jahren doch mehr und mehr in den Seilen hänge. Und insofern ist es schon sinnvoll, dass man auch zurücktreten kann. Nicht weil man nichts mehr tun will. Aber man ist befreit vom „du musst“ und darf stattdessen sagen: „ich kann.“

Hat der Papst Ihnen gegenüber je etwas angedeutet?
Nie. Und wenn, dann hätte ich es nicht begriffen. Weil ich einen Rücktritt niemals für möglich gehalten hätte. Ich habe noch jüngst zu meinen Nichten und Neffen gesagt, als sie mich fragten, wie es nach meinem 80. Geburtstag an Weihnachten eigentlich mit mir weitergehen werde: „Da sind so viele Dinge, die ich nicht mehr zu machen brauche. Zum Beispiel muss ich nie wieder in ein Konklave gehen.“

Wie haben Sie den Papst zuletzt erlebt?
Ich bin ihm im November während der Bischofssynode begegnet und habe einen Abend mit ihm verbracht. Da war er hellwach und präsent. Auch auf der Synode hat er zu Beginn einen 40-minütigen Vortrag gehalten – in freier Rede, von einer geistlichen und geistigen Tiefe sondergleichen. Das ist für ihn gleichsam ein Lebenselixier. Und ja, er hat mir einmal gesagt: „Wenn ich das einmal nicht mehr kann, dann …“ Offensichtlich hatte er jetzt dieses Gefühl von Schwäche.

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In Bauernfamilien gibt es für den Altbauern das Austraghaus, in dem er nach vollbrachter Arbeit seinen Lebensabend genießen kann. Ist die Möglichkeit eines Rücktritts nicht ein ähnlicher Akt der Barmherzigkeit?
Von meinem Gefühl her ging mir vor allem ein Gedanke durch den Kopf: Wie soll das denn jetzt gehen? Ein Papst im Ruhestand! Vernünftig betrachtet, ist es sicher richtig, dass der Papst das Amt in andere Hände legt, wenn er zu dem Schluss kommt: Es geht nicht mehr mit der nötigen Kraft. Als guter Vater weiß er um seine Verantwortung, für sein Haus zu sorgen. Ein Gebäude mit einer Milliarde Katholiken und unendlich vielen Etagen zu verwalten, ist eine Belastung, die ich mir gar nicht vorstellen mag. Zumal wenn man so intelligent und redlich ist wie der Papst, der alles Wichtige auch selbst durchdenken will und immer um die Risiken seines Handelns weiß. 

Beschleicht Sie das Gefühl, er flieht aus dem Amt?
Nicht eine Sekunde! Dem Anspruch, den der Herr der Kirche an uns stellt, kann man gar nicht entfliehen. Der Papst versucht, diesem Anspruch des Herrn gerade dadurch gerecht zu werden, wenn er jetzt sagt: Ich muss mein Unvermögen erkennen, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen.

Wusste der Papst eigentlich von der Revision Ihrer Position zur „Pille danach“, die Sie nach einer Vergewaltigung nun für ethisch vertretbar erklärt haben?
Meine Erklärung war mit der Glaubenskongregation und der Päpstlichen Akademie für das Leben abgestimmt. Ich habe auch mit dem Sekretär des Papstes, Erzbischof Gänswein, darüber gesprochen. Er hat mir gesagt: „Der Papst weiß Bescheid. Es ist alles in Ordnung.“

Sie haben 2005 sehr für die Wahl Joseph Ratzingers geworben. Hat er Ihre Erwartungen erfüllt?
Also, außer mir gab’s schon auch noch ein paar andere, die für Ratzinger waren. Was mich überrascht hat, war seine Fähigkeit, in das neue Amt hineinzuwachsen. Schüchtern wie er von Natur aus ist. Ich habe bei seiner ersten großen Reise hierher nach Köln zum Weltjugendtag auf dem Schiff immer wieder zu ihm gesagt: „Heiliger Vater, Sie müssen jetzt den Jugendlichen zuwinken! Und zwar nicht nur nach rechts, sondern auch nach links, zu allen Seiten!“ Bis er mal geantwortet hat: „Dauernd kritisierst du an mir herum!“ – „Ja“, habe ich gesagt, „bis du es gelernt hast, Papst zu sein“. Solche lockeren Töne verträgt der Papst. Er ist wirklich ganz natürlich geblieben.

Womit geht er in die Geschichte ein?
Als Papst, der mit hoher Intelligenz die Gegenwart analysiert und Weichen für die Zukunft gestellt hat. Ich hatte ja eigentlich die Hoffnung, er werde noch eine große Enzyklika schreiben über die „conditio humana“, die Problematik des Menschseins in unserer Zeit. Keine Moralpredigt, sondern eine Entfaltung des christlichen Menschenbilds, das heute vielfach in Frage gestellt ist.

Entgegen dem, was Sie Ihren Neffen und Nichten gesagt haben, kommt jetzt doch noch einmal ein Konklave auf Sie zu. Was für einen Papst wollen Sie mit den anderen Kardinälen wählen?
Für eine Antwort ist die Nachricht noch allzu frisch. Jetzt kommt erst einmal der 28. Februar, und ich bin gespannt, wie das überhaupt gehen wird in Rom: Werden wir Kardinäle dabei sein, wenn der Papst aus dem Amt scheidet? Gibt es eine Abschiedsfeier? Aber wenn ich einen ersten Blick über diesen Moment hinaus in die Zukunft werfe, dann müsste der neue Papst sicher ein Mann von ähnlich hoher Bildung wie Joseph Ratzinger, mit großer menschlicher Erfahrung und – vor allem – von vitaler Gesundheit sein. Nicht älter als 70, würde ich sagen. Johannes Paul II. hat mir einmal im Vieraugen-Gespräch gesagt: „Das theologische Profil meines Pontifikats verdanke ich Joseph Ratzinger.“ Die beiden haben sich herrlich ergänzt. Insofern wäre eine Mischung aus Wojtyla und Ratzinger gar nicht schlecht. Aber ich habe mir wirklich noch keine Gedanken über einen entsprechenden Kandidaten gemacht.

Hat Benedikt XVI. im Vatikan das Pendant gefehlt, das er selbst für seinen Vorgänger war?
Der Kardinalstaatssekretär hatte diese Rolle sicher nicht. In der Williamson-Affäre bin ich sogar einmal im Auftrag einer ganzen Reihe von Kardinälen zum Papst gegangen und habe gesagt: „Heiliger Vater, Sie müssen Kardinal Bertone entlassen! Er ist der Verantwortliche – ähnlich wie der zuständige Minister in einer weltlichen Regierung.“ Da hat er mich angesehen und gesagt: „Hör mir gut zu! Bertone bleibt! Basta! Basta! Basta!“ Danach habe ich das Thema nie wieder angesprochen. Das ist übrigens typisch: Die Ratzingers sind treu. Das macht ihnen das Leben nicht immer ganz einfach. Der Papst hat ja im Grunde seine engsten Mitarbeiter aus der Glaubenskongregation mit ins neue Amt herübergenommen, Kardinal Bertone ebenso wie seinen Sekretär, den heutigen Erzbischof Gänswein. Aber auch der frühere Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Levada, spielte für Ratzinger nicht in der Weise eine Rolle, wie er sie für Johannes Paul II. spielte. Und der neue Präfekt, Erzbischof Müller aus Regensburg, ist erst kurz im Amt und muss sich in diese Aufgabe erst noch finden. Er ist ein gescheiter Mann. Aber doch anders als Ratzinger selbst.

Das Verhältnis der Deutschen zu „ihrem“ Papst war ja sehr gemischt. Welche Bilanz ziehen Sie?
Es hat mich immer verletzt, wie abschätzig, ja hämisch in Deutschland über den Papst gesprochen wurde. Was vielen gefehlt hat, war ein Gefühl des Selbstbewusstseins, ja des Stolzes, dass zum ersten Mal nach fast 500 Jahren wieder ein Deutscher ein solches Amt mit dieser globalen Verantwortung bekleidete. Das wurde völlig ausgeblendet.

Das Interview führte Joachim Frank

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