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12. Februar 2016

Papst Franziskus : Erlöser und Versöhner

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Gut behütet: Papst Franziskus setzt sich im Flugzeug einen Sombrero auf, den ihm ein Mexikaner geschenkt hat.  Foto: AFP

Der Papst reist bei seinem Besuch in Mexiko bewusst in Problemregionen, er will die Frustrierten treffen und die Wütenden. Teilen des konservativen Klerus missfällt das.

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Wenn Monseñor Felipe Arizmendi dieser Tage aus dem Fenster seines Arbeitszimmers schaut, erkennt er den Platz vor der Kathedrale von San Cristóbal de las Casas kaum wieder. Nacht für Nacht füllt sich der Platz mit neuen Protestierern. Vertriebene aus einem Dorf in den Bergen von Chiapas, alte Zapatistensympathisanten, junge Menschen, denen das Verschwinden der 43 Studenten von Ayotzinapa keine Ruhe lässt.

Es ist eine Zeltstadt der Frustrierten und Wütenden. „Die Leute kommen, weil sie den Besuch des Papstes nutzen wollen, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen“, sagt Arizmendi, der Bischof von San Cristóbal de las Casas ist. Und er klingt dabei so, als habe er dafür Verständnis. San Cristóbal ist Brennpunkt sozialer Konflikte und eine Stadt, die noch immer die Nostalgie des Zapatistenaufstands vor mehr als 20 Jahren umweht. Hier hatte sich 1994 eine von vor allem Ureinwohnern getragene, linke Guerillabewegung gegen den Staat erhoben, um so mehr Rechte für die indigene Bevölkerung einzufordern.

Bis heute ist Chiapas einer der konfliktintensivsten Staaten Mexikos. Hier bündeln sich – mit Ausnahme der organisierten Kriminalität – alle sozialen Probleme des Landes: Armut, Unterentwicklung, Ausgrenzung der Ureinwohner, Streit um Ländereien sowie Unternehmen, die Ressourcen illegal ausbeuten wollen. Hinzu kommen Wahlbetrug und zunehmend auch religiöse Konflikte, denn auch hier wie in ganz Mexiko sind evangelikale Freikirchen auf dem Vormarsch und machen der katholischen Kirche zum Teil aggressiv die Gläubigen streitig. Und ausgerechnet hier macht Papst Franziskus am Montag auf seiner sechstägigen Mexikoreise Station. In den Mittelpunkt der Messe in San Cristóbal stellt Franziskus dabei die Ureinwohner. Für Arizmendi ist das ein überfälliges Symbol, das längst nicht jedem in Mexiko passt.

Überhaupt ist der Besuch des Oberhauptes der katholischen Kirche in Mexiko schon ein Politikum, bevor er überhaupt begonnen hat. Die Stationen der Reise des argentinischen Papstes missfallen dem überwiegend konservativen Teil des katholischen Klerus in Mexiko. Die Bischofskonferenz des Landes hält mehrheitlich wenig von der sozialen Agenda des Papstes.

Peña Nieto kann keinen Spielverderber brauchen

Und auch die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto versucht mit dezentem diplomatischen Druck, Einfluss auf die öffentlichen Botschaften des Papstes zu nehmen. Gerade jetzt, wo der Staatschef versucht, Mexiko als ein attraktives Land und Paradies für Investoren darzustellen, passt ein Papst nicht ins Bild, der vor den Augen der Welt den Finger in die Wunden legt.

Denn der Reiseplan von Franziskus liest sich wie ein Trip in die Problemzonen des Landes. Neben Chiapas fährt der Pontifex auch in den von Gewalt gezeichneten Bundesstaat Michoacán, wo Drogenkartelle und Bürgerwehren gegeneinander kämpfen, die Landwirte erpressen und die Bevölkerung einschüchtern. Gerade hier sind auch die Geistlichen an Leib und Leben bedroht.

Denn längst hat die entfesselte Gewalt auch die Kirchenkanzeln erreicht. In den vergangenen gut drei Jahren sind in Mexiko elf Geistliche ermordet worden, vier von ihnen alleine in Michoacán. So ist die Reise des Papstes in die Hauptstadt Morelia auch der Versuch, den Kirchenmännern im Kreuzfeuer den Rücken zu stärken. Denn oftmals ist die Kirche für die Bevölkerung der letzte Rückzugspunkt, wenn Polizei, Justiz und lokale Machthaber vielerorts mit dem organisierten Verbrechen unter einer Decke stecken.

In Ciudad Juárez, der letzten Station seiner Reise, wird Franziskus eine Messe an der Grenze lesen. Er will dabei die Migranten und die Opfer der Migration in den Mittelpunkt rücken. Jahr für Jahr ertrinken und verdursten Tausende Flüchtlinge bei dem Versuch, die Grenze zwischen den USA und Mexiko ohne Papiere zu überqueren. Andere werden vom organisierten Verbrechen gekidnappt oder getötet. „Der Papst kommt nach Mexiko, um die Menschen zu versöhnen. Und seine Obsession sind die Armen und diejenigen, die leiden“, betont Bischof Arizmendi aus Chiapas, der seit knapp 16 Jahren Oberhirte des Bistums San Cristóbal de las Casas ist.

Wer in diesen Tagen durch Mexiko reist und die Stationen des Papstes besucht, findet überall Menschen, für die Franziskus im wahrsten Sinne ein Erlöser ist. Nicht nur in Chiapas auf dem Platz vor der Kathedrale, auch in Michoacán erwarten die Menschen wenig mehr als Wunder vom Pontifex. „Vielleicht kann er ja was verändern an unserer Situation“, sagt ein Vater, dessen Sohn vom organisierten Verbrechen getötet wurde.

Die überzogenen Erwartungen an Franziskus‘ Besuch hätten damit zu tun, dass sich die Mexikaner von ihrer Regierung im Stich gelassen fühlten, sagt der Kirchenexperte und Kleruskritiker Bernardo Barranco. „Die Menschen dürsten nach Führern, bei denen sie sich aufgehoben und verstanden fühlen.“ Und gerade Papst Franziskus sei in Mexiko so populär, weil er nicht nur das Evangelium verkünde, sondern auch soziale Gerechtigkeit predige, betont Barranco.
In San Cristóbal de las Casas bleibt Bischof Arizmendi angesichts der Protestzeltstadt gelassen: „Ist schon in Ordnung, wenn sich der Papst ein Bild davon macht, dass hier an so vielen Stellen keine Gerechtigkeit herrscht.“

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