Die Europäische Währungsunion 2.0 sollte sein Meisterstück werden. Die Reform der wackeligen Architektur, die die Euro-Krise ausgelöst hatte. Jens Weidmann wusste, wie er die deutschen Vorstellungen von Ordnungspolitik mit den französischen einer Wirtschaftsregierung fusionieren wollte. Und wer mit dem 42-jährigen, groß gewachsenen Makroökonomen im Kanzleramt sprach, der spürte, dass diese Aufgabe ihn sehr reizte – mehr als die Aussicht, er könne zur Jahresmitte Vize-Chef der Bundesbank werden. Sein ganzer Elan galt dem EU-Gipfel im März, auf dem die Vorentscheidungen für die Vertiefung der Währungsunion fallen sollen. Das war Mitte Januar.
Mitte Februar ist klar: Aus dem Meisterstück wird nichts. Den EU-Gipfel wird Weidmann aus dem einstweiligen Ruhestand beobachten müssen, der seit Donnerstag für ihn gilt. Und den freiwerdenden Vize-Posten bei der Bundesbank bekommt er auch nicht. Am 1. Mai wird er gleich Bundesbankpräsident. Der jüngste aller Zeiten. Sein Gehalt wird mit 400.000 Euro fast doppelt so hoch liegen wie das der Kanzlerin. Und seinen Worten werden nicht nur Wertpapierhändler rund um den Globus lauschen. Auch die Menschen in Deutschland wollen wissen, dass ihr Geld weiter in guten Händen ist.
Direkt vom Kanzleramt an die Spitze der Bundesbank – auch das hat es noch nie gegeben. Kann Weidmann Unabhängigkeit? Kann Weidmann Bundesbankpräsident? Wer die öffentliche Debatte verfolgt, merkt, dass nur die erste Frage ernsthaft gestellt wird. „Wer sich fünf Jahre so exzellent auf dem Berliner Parkett hält, der kann auch Bundesbankpräsident“, sagt ein hochrangiger Frankfurter Banker. Denn es waren ja nicht irgendwelche Jahre: Es war die Zeit der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit 80 Jahren. Und Deutschland steht drei Jahre nach dem Beinahezusammenbruch des Weltwirtschaftssystems sehr gut da.
Auch Weidmann war ja nicht irgendwer: Er war der Souffleur der Kanzlerin in Wirtschaftsfragen. Sie hat ihm vertraut. Das wird an diesem Mittwoch noch einmal deutlich, als Angela Merkel den Wechsel verkündet. Da wirkt sie fast sentimental, was ganz untypisch ist für die nüchterne Protestantin. Der Abschied von Jens Weidmann falle ihr schwer, „sowohl fachlich als auch menschlich“, gesteht sie. Und einmal im Schwärmen preist sie den 42-Jährigen als „unabhängigen Kopf“ mit einem „brillanten Intellekt“. Erstaunlich ist, dass selbst die notorischen Lästermäuler im Regierungslager ganz ähnliche Dinge erzählen, sogar die aus der FDP.
Sein Rezept: Er ist weder eitel noch arrogant, sondern offen und neugierig. Man bekommt immer dieselben Beschreibungen: Er höre zu. Er sei anderen Argumenten gegenüber aufgeschlossen. Es fehle ihm die Attitüde des Oberwichtigen. Wer ihn trifft, ist angetan von seiner zuvorkommenden, unprätentiösen Art. Seine Mitarbeiter und Kollegen mögen sein ruhiges Wesen, das selbst in Krisensituationen nie aufbrausend geworden sei. Und sie schätzen seine Lust an der Debatte.
Kein Wunder, dass er in der Bundesbank mit offenen Armen empfangen wird. Aber wird er die Bundesbank umkrempeln? „Eher nicht“, sagt einer, der viele Jahre dem Leitungsgremium angehört hat. Die Entideologisierung, die unter Axel Weber begonnen habe, werde weiter gehen, genau wie die Neuausrichtung mit Schwerpunkten auf Finanzmarktstabilität und Makroökonomie.
Denn wissenschaftlich betrachtet sind Weber und Weidmann aus demselben Holz. Weber war an der Uni Bonn gar Zweitgutachter bei der Dissertation. Beide sind orthodoxe Ökonomen, die fest in der deutschen Tradition verankert sind, also in erster Linie Verkrustungen etwa am Arbeitsmarkt erkennen, als Probleme auf der Nachfrageseite. Aber beide hätten auch „Ehrfurcht vor den Daten“, sagt ein enger Vertrauter. Deshalb gelten beide als moderne Ökonomen. Ihre Wahrheiten müssen zumindest ansatzweise durch Daten gedeckt sein.
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