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Neue Musik: Deutschklangstunde

Das Projekt „Sounding D“ will die Bundesrepublik in einen Ort Neuer Musik verwandeln - mit einem Klangzug, der neue Musik transportiert. Bis zum 12. September fährt der Sonderzug spiralförmig durch deutsche Städte wie Dresden, Kiel, Passau, Saarbrücken und Göppingen und macht schließlich mit einem dreitägigen Festival in Eisenach halt.

Der Neue-Musik-Zug Sounding D.
Der Neue-Musik-Zug "Sounding D".
Foto: Thomas Gottschall

Etwas ist anders als sonst. Es ist der Klang. Ein Klang, der sich in die alltägliche Geräuschhaftigkeit am Berliner Hauptbahnhof hinein mischt, der insistierend auf das Geräuschfeld drängelt, mitspielen, mitbestimmen will. Ein Klang, wie ihn viele nicht kennen, die hier auf- und ab- und nebeneinander her laufen, in einer Eile und Betriebsamkeit, wie man sie nur auf Bahnhöfen solcher Größenordnung vorfindet. Der Klang neuer Musik. Und das in vielfältiger Form.

Mitten in der Ebene O, dort wo sich die meisten Geh-Wege kreuzen, steht das ohrenstrand mobil des Netzwerks Neue Musik, das für diese Aktionen verantwortlich zeichnet. Eine geschwungene Installation aus schwarzen Kästen, die sowohl einen definierten Klang-Raum verortet als ihn auch integriert in die Architektur und öffnet für diejenigen, die überrascht, irritiert, erfreut stehen bleiben und plötzlich mit Sydney Corbetts „Konzert für Solotrompete“ konfrontiert werden, mit Friedrich Goldmanns Trio für Flöte, Schlagzeug und Klavier oder mit einer absurd-amüsanten theatralen Performance von György Ligetis „Nouvelles Aventures“.

Doch damit nicht genug der Veränderung. Wie diese Musik so hat auch ein lang gestrecktes weißes Gefährt Einzug gehalten am Hauptbahnhof. Es ist am Morgen, von Südosten kommend, eingetroffen, verweilt nun hier einen ganzen Tag lang und lässt sich einfach nicht verdrängen von Gleis 4, tief. Kein Wunder, denn es ist kein gewöhnlicher Zug, der hier Halt macht. Sondern ein Klangzug. „Sounding D“ steht in großen grünen Lettern auf dem weiß lackierten Gehäuse. Und darum geht es: um das klingende Deutschland.

3375-Kilometer-Klangspur

Das zumindest ist die Idee des gleichnamigen, von der Kulturstiftung des Bundes finanziell üppig ausgestatteten Projekts: Bis zum 12. September fährt der Sonderzug spiralförmig durch deutsche Lande, zieht dabei eine 3 375 Kilometer lange Klangspur mit sich, streift, gleichsam konzertierend, Städte wie Dresden, Kiel, Moers, Passau, Saarbrücken und Göppingen und beendet seine klingende Reise durch die Republik schließlich mit einem dreitägigen Festival in Eisenach, in der Mitte Deutschlands, dort, wo ehedem Sänger um den höchsten Lorbeer stritten.

Erklärtes Ziel ist es, die Neue Musik ins Leben zu integrieren, um eine nach wie vor erhebliche Hemmschwelle zu überwinden: den Zugang zu dieser Neuen Musik. Besonders eindringlich gelang das in Hamburg, wo ein Container mit Musik „bestückt“ und dann auf Tour quer durch die Stadt geschickt wurde. Das dahinter stehende Prinzip leuchtet ein, gerade wenn man weiß, wie scheuklappig viele Konzertbesucher werden, wenn sie auf zeitgenössische Musik treffen: Sie müssen nun nicht mehr bangend zum Konzertsaal – der Konzertsaal kommt zu ihnen. Und natürlich ist auch der Sonderzug selbst, der in jeder der 15 ausgewählten Städte jeweils einen Tag hält, ein solch klingender mobiler Raum. In den einzelnen Waggons sind kleine Videoscreens aufgebaut, darüber hängen Lautsprecher. In Bild und Ton kann man sich dort über die lokalen Projekte informieren, sich inspirieren lassen.

Zentrales Objekt der Begierde aber ist jener 26 Meter lange Waggon, der speziell für „Sounding D“ entkernt und in ein begehbares Kunstwerk verwandelt wurde. Robin Minard hat ihn für seine Klang- und Lichtinstallation „Outside in (Blue)“ ganz in Weiß ausgeschlagen, ihm aber durch die Verkleidung eine bläulich-schummrige Note verliehen.

Feldaufnahmen aus 15 Städten

Der Besucher erhält riesige Stulpenpantoffeln, damit er keinen unnötigen Lärm verursacht, und schlurft dann hinein in die Klangwelt. Was ihm dort begegnet, ist eine Melange aus (bis zur Unkenntlichkeit verfremdeten) Schlüsselwerken der Avantgarde, Alltagsgeräuschen, dem unvermeidlichen Vogelzwitschern und Lokomotivenpfeifen sowie synthetisierten Feldaufnahmen aus den 15 Städten.

Man muss eine Weile dort sitzen, bis die Metamorphose des Hörens, die sich verändernde Wahrnehmung der akustischen Welt spürbar wird. Erst dann erfährt man, wie das Gespinst aus heterogenen Klängen sich immer enger anschmiegt, Körper und vor allem die Sinne zu umhüllen beginnt, und wie man langsam, aber sicher von dieser Aura der Weltverschiedenheit aufgesogen wird.

Nicht ganz so leicht fiel dies zum Auftakt in der Akademie der Künste am Pariser Platz, dem Ort des konzertanten Hauptprojekts von „Sounding D“ in Berlin. Salvatore Sciarrinos gigantomanisch besetzte „Studi per l’intonazione del mare“ für Stimme, vier Flöten, vier Saxofone und Orchester von 100 Flöten und 100 Saxofonen benötigte einen konzentrierteren, kristallineren Raum, eine höher verdichtete Atmosphäre. Die Aufführung unter sachkundiger Leitung von Roland Kluttig geriet in diesem unruhig mäandernden Raum allzu angestrengt und kunstgewerblich. Der Klang verflüchtigte sich mehr, als dass er uns gebannt oder gar eingefangen hätte. Und doch spürte man auch hier etwas von der Idee hinter „Sounding D“. Weil etwas anders war als sonst.

www.sounding-D.net

Autor:  Jürgen Otten
Datum:  30 | 8 | 2010
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