Seit es das Kino gibt, muss es dazu herhalten, sich an seinem Beispiel den Tod vorzustellen. Schon der Gedanke, dass sich einem Sterbenden ein Erinnerungsfilm seines Lebens präsentiere, zeugt von Unbehagen: Nie wird sich der Film von dem Verdacht befreien, allem Lebendigen, das er einmal überleben wird, etwas zu stehlen. Während es dem Tod bei der Arbeit zusieht, wie Cocteau es formulierte, zweigt sich das Kino etwas ab für eine Zukunft, die wir nicht erleben.
Der japanische Filmemacher Hirokazu Kore-eda scheint bei all seinen Filmen den Tod vor Augen zu haben. „After Life“, die nachdenkliche Komödie, die ihn in Deutschland bekannt machte, spielte in einem Jenseits, in dem sich die Toten entscheiden mussten, welche Erinnerung sie mit in die Ewigkeit nehmen wollten. Diese Fantasie hatte er in dokumentarischen Beobachtungen vorbereitet: Über die Gegenwart des angekündigten Todes durch Aids („August Without Him“) oder dem Gedächtnisverlust durch einen Unfall („Without Memory“).
Und selbst wenn Kore-eda nur einen Film über Grundschüler drehte, legte sich jene Melancholie darüber, die einen erfasst, wenn er an die simplen Glücksmomente seiner Kindheit denkt. Sein Meisterwerk „Nobody Knows“ schließlich, über Kinder, die versuchen, allein in ihrer Wohnung zu überleben, schwelgte in sinnlicher Lebensfülle, während der Tod in der Tür stand.
Das ist auch der Zauber von Kore-edas mittlerweile drittneuestem Film „Still Walking“, der erst jetzt in Deutschland anläuft. Nur dass diesmal ein ganzes Familienleben aus der Perspektive des Todes betrachtet wird. Alljährlich trifft man sich an einem Sommertag im Haus eines Rentnerpaars, um des Sohnes zu gedenken, der vor vielen Jahren ertrunken ist, als er einen Jungen rettete.
Die Zeit der Tränen ist vorbei
Man gießt Wasser auf den Grabstein, die Zeit der Tränen ist lange vorbei. Das eigentliche Ritual aber scheint ein anderes zu sein: Die zwei überlebenden, längst erwachsenen Kinder müssen sich das Genörgel des Patriarchen über ihre Lebenswege anhören. Dass der Sohn als Restaurator das japanische Kunsterbe sichert, beeindruckt den alten Arzt kein bisschen. Und sogar der Enkel hat schon einen unliebsamen Berufswunsch parat: Er möchte Klavierstimmer werden. Auch so eine wenig heroische, konservierende Tätigkeit. Wenigstens der Grund dafür entlockt dem strengen Opa ein Lächeln: Der kleine Junge ist von seiner Klavierlehrerin bezaubert.
Als sich der schöne Sommertag dem Ende zuneigt und sich die Familie zum Abendessen versammelt, kehrt ihnen der alte Mann den Rücken und blickt in Richtung der untergehenden Sonne.
Die starre Kamera sitzt mit am Tisch. Es ist ein Bild wie aus einem der Familienfilme des großen Yasujiro Ozu, das sich aber auch ähnlich in zahllosen anderen japanischen Filmen finden ließe. Für das japanische Kino sind Familienszenen in traditionellen Innenräumen so typisch wie die weiten Landschaften für den amerikanischen Western. In der Nachkriegszeit, als das japanische Kino seine zweite klassische Periode erlebte, war es der Schauplatz, um die traditionellen Werte mit den Anforderungen der westlich geprägten Moderne zu überprüfen.
Umkehr der Rollenverteilung
Kore-edas „Still Walking“ besitzt die gleiche Weisheit, aber er verblüfft mit der Umkehr der üblichen Rollenverteilung. Es ist die mittlere Generation von Tochter und Sohn, die das vermeintlich Konservative repräsentiert: Sie haben mit den Erwartungen an Wohlstand und Status gebrochen und verteidigen ihr Glück, das sie in Kindererziehung und Kunstrestauration gefunden haben.
Da ist noch ein Gast, der den labilen Haussegen auf die Probe stellt: Es ist der junge Mann, für dessen Rettung der verstorbene Sohn sein Leben gelassen hat: Ein pummeliges Muttersöhnchen, das sich ungelenk ausdrückt, zu viel trinkt und keine Arbeit findet. Für den Patriarchen ist er „ein Stück Dreck“, vom Sohn wird er verteidigt. Wer wisse denn, fragt er trotzig, was aus dem toten Bruder geworden wäre.
Für einen Moment scheint Kore-edas Film an dieser Stelle stillzustehen. Schweigend blicken sich die Familienangehörigen an, aber es ist nicht die wohlmeinende Taktlosigkeit, die sie lähmt. Eher die Gegenwart des Toten, der sich ins Zimmer geschlichen zu haben scheint. Um einen solchen Effekt zu erzielen, muss ein Film eine besondere Balance haben. Kore-eda gelingt dies wie kaum jemandem sonst. In der ersten Hälfte seines Films lässt er alle Katzen im Sack. Was er in dieser Zeit aufbaut, ist reine Lebendigkeit. Kore-eda braucht das ganze Leben, um vom Tod zu erzählen.
Still Walking, Regie: Hirokazu Kore-eda, Japan 2008, 114 Min.