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Der neue Harry-Potter-Film: Die dunkle Seite der Macht

Die magischen Momente sind eher rar: Im Film „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1“ wird viel Hintergrundwissen vom Zuschauer erwartet. Er bereitet bloß das große Finale vor, das im nächsten Sommer anläuft. Dennoch ist er über weite Strecken finster-flott erzählt.

Ein zauberhafter Kuss: Bonnie Wright als Ginny Weasley und Daniel Radcliffe als Harry Potter. Foto: Warner Bros.

Dunkelheit und Heimatlosigkeit begleiten Harry Potter schon sein Leben lang. Doch von der Überschaubarkeit und vergleichsweisen Geborgenheit seiner Besenkammer unter der Treppe, die ihm seine Pflegefamilie einst zuwies, oder der schützenden Gemeinschaft seiner Zeit in Hogwarts – das vertraute Zauberinternat wird nicht ein einziges Mal zu sehen sein – ist nichts geblieben. Kein Zufluchtsort, nirgends. In „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1“ ist „der Junge, der überlebt hat“ ein Gejagter. Harrys ärgster Feind, der grundböse Lord Voldemort und seine Todesser haben die Macht übernommen und gehen mit ungeheurer Brutalität gegen jeden vor, der sich ihnen in den Weg stellt.

Voldemorts Härte und Mitleidlosigkeit sind demonstrativ, wie gleich zu Beginn gezeigt wird. Über dem Tisch der versammelten Todesser schwebt dort bewegungsunfähig eine übel zugerichtete ehemalige Hogwarts-Lehrerin. Eine Träne rollt ihr über die Wange, als sie sich in der sinistren Runde auf der Suche nach irgendeiner menschlichen Regung hilflos umschaut, bevor sie vor aller Augen getötet wird. Dieser Mord dient keinem anderen erkennbaren Zweck als dem Einschwören auf ein gemeinsames unmoralisches Ziel – für die zarte Kinderseele ist das sicher zu unvermittelt.

Offensichtlich gehen die Produzenten also davon aus, dass nicht nur die Darsteller mit ihren Rollen gealtert sind, sondern auch das Publikum. Zur Finsternis gesellt sich jedenfalls die Kälte. Es sind winterliche Landschaften, durch die Harry, Hermine und Ron von ihren Häschern gehetzt werden. Weitgehend auf sich allein gestellt, drohen sie an der Vernichtung Voldemorts zu scheitern, unter seinem Einfluss beginnen sie gar, aneinander zu zweifeln.

Ein tödlicher Rassismus

Währenddessen nimmt unter der Herrschaft des dunklen Lords längst ein faschistisches System Kontur an. Allenthalben denunzieren Spitzel arglose Mitgeschöpfe und Geheimpolizisten verfolgen noch den leisesten Verdacht auf abweichlerisches Verhalten und Untreue gegenüber dem neuen Herren. Vor allem aber bricht sich ein tödlicher Rassismus Bahn, der das Leben von Muggeln, Mischformen und überhaupt jedem Nicht-Zauberer als minderwertig definiert: nichts weniger als das Überleben von Freunden und Verwandten, ja, der Menschheit insgesamt steht auf dem Spiel...

Der erste Teil des mutmaßlich letzten „Harry Potter“-Films – Teil 2 kommt im Sommer in die Kinos – folgt der Vorlage des siebten und mutmaßlich letzten Romans von Joanne K. Rowling bereitwillig. Es hat Häme für diese Zweiteilung gegeben, die man fraglos ökonomischen Begehrlichkeiten zuschreiben kann – nur Gelddrucken ist mit ein bisschen Übung wohl lukrativer als das Harry-Potter-Imperium. Andererseits braucht Regisseur David Yates, der hier zum dritten Mal Regie führt, schon jetzt recht lange 146 Minuten für die Ouverture zum Showdown im zweiten Teil. Das ist über weite Strecken finster-flott wegerzählt, für den Willen zu Action und den perfekt düsteren Schein spricht die endlose Zahl von Stunt- und Special-effect-Leuten im Abspann.

Der eisig graue Look ist tatsächlich makellos. Allein, es fehlt dem Film an einer eigenen Sprache, entsprechend ist er als Teil einer Serie wohl zu goutieren, als eigenständiges Werk funktioniert er aber nicht – die magischen Momente sind eher rar. Wie schon bei seinen beiden Vorgängern, wird auch hier vom Zuschauer eine Menge Hintergrundwissen erwartet. Es heißt, dass Autorin Joanne K. Rowling wesentliche Triebfeder dieser Werktreue ist. Gestützt von Warner Bros., die sich hüten, mit Experimenten den schönen kommerziellen Erfolg zu gefährden. Aber es wird auch niemand erwartet haben, dass ausgerechnet das Harry-Potter-Finalspektakel ein cineastisches Kleinod werden würde. Als Bebilderung des Textes ist der Film ja recht ansehnlich.

Andererseits ist es gut, dass nun bald Schluss ist. Harry-Darsteller Daniel Radcliffe hat sich vom Charakter des sensibel-wendigen Außenseiters mit einer übermenschlichen Aufgabe schon rein körperlich recht weit entfernt. Ihm ist mittlerweile eine grundsolide Bodenständigkeit zu eigen, die er nicht mehr lange wird überspielen können.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1, Regie: David Yates, USA/Großbritannien 2010, 146 Minuten.

Autor:  Katja Lüthge
Datum:  17 | 11 | 2010
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