Thilo Sarrazins Streitkultur funktioniert so:
§1: Ich habe immer Recht.
§2: Sollte ich einmal nicht Recht haben, tritt automatisch § 1 in Kraft.
In einem Meinungsbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. Dezember hat uns Sarrazin darüber aufgeklärt, was er von seinen Kritikern hält. Diese haben sein Buch entweder nicht gelesen oder sind zu dumm, sein Werk zu verstehen. Auch ich habe diese Argumentation erlebt, als Sarrazin mich auf meine kritischen journalistischen Fragen hin zum „Arschloch“ adelte und auf meine Gegenargumente erwiderte, ich sei nicht klug genug, sein Buch zu würdigen. Dabei hatte doch Sarrazin selbst behauptet, Juden seien klüger als andere Religionsgruppen. Welch eine Enttäuschung musste ich für ihn gewesen sein!
Sarrazin, der „Aufklärer“, schreibt in der FAZ, dass er nur noch „Verachtung“ für seine Kritiker übrig habe. Mit dieser Haltung entzaubert sich der selbst ernannte Magier endgültig. Wer sich dem kritischen Dialog entzieht, wer Kritiker diffamiert, sie verächtlich betrachtet, sich nicht auf Gegenargumente im öffentlichen Diskurs einlässt, der disqualifiziert sich selbst. Wer allen Kritikern – ob Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern – die intellektuelle Augenhöhe abspricht, wie Sarrazin dies tut, ist kein Aufklärer, sondern ein Autoritärer und Elitärer und obendrein ein schlechtes Vorbild im dialogischen Prinzip, dazulernen zu können.
Wusste Goethe mehr?
So belehrt uns Sarrazin nach wie vor von oben herab. Selbst dem Bundespräsidenten erklärt er Goethes „West-östlichen Divan“ und behauptet, Goethe habe vor zweihundert Jahren mehr vom Islam verstanden als Christian Wulff. Sarrazins Interpretation ist wieder einmal verallgemeinernd und problematisch. Er schreibt: „Der hellsichtige Goethe spielte ironisch mit dem Islam, aber von der totalitären Gefahr verstand er mehr als die Redenschreiber unseres Bundespräsidenten.“
Im Gegensatz zu Goethe hat der blauäugige Wulff nach Sarrazins Meinung den Islam verharmlost. Dieser Vergleich beinhaltet, dass sich in den zweihundert Jahren seit Goethe nichts Positives im Islam entwickelt hat und dass seine „aggressive Grundhaltung“ nach wie vor überall dominant ist. In Deutschland leben mehr als vier Millionen Muslime. Sind die meisten von ihnen gewalttätig? Potenzielle Islamisten? Natürlich gibt es eine geringe Anzahl Radikaler in unserem Land. Wer aber so argumentiert und suggeriert wie Sarrazin in seiner Wulff-Kritik, der hetzt die Menschen gegeneinander auf. Richtig perfide wird es, wenn Sarrazin sich auf Muslime beruft, die ihn unterstützten und diese Zustimmung mitteilten. „99 Prozent aller für mich wahrnehmbaren Reaktionen sind positiv“, schreibt er. Entweder hat der Mann Wahrnehmungsstörungen – oder er verfährt im Sinne des Winston-Churchill-Zitats: „Ich glaube nur den Statistiken, die ich selbst gefälscht habe.“
Sarrazin hält sein Buch noch immer für wissenschaftlich fundiert. Die Tatsache aber, dass ein Autor manisch Statistiken sammelt, ist noch kein Beweis für seine Qualifikation. Diese Zahlen beweisen keinesfalls, wie Sarrazin behauptet, dass kollektive Intelligenzdefizite allein durch die Geburt entstehen. Sarrazins selektive Wahrnehmung, die explodierende Zahl der verkauften Bücher und der ihm zustimmenden Zuhörer in Lesungen und anderen öffentlichen Veranstaltungen lassen bei ihm wohl keinen Zweifel zu. Aber gerade die Fähigkeit zum Zweifeln ist die Voraussetzung für einen wissenschaftlichen Diskurs.
Sarrazins Bucherfolg ist so vergiftet wie seine Thesen. Nach einer neuen Untersuchung ist der Anteil der gut verdienenden bürgerlichen Schicht, der Vorurteile gegenüber muslimischen Mitbürgern sogar offen ausdrückt, auf mehr als dreißig Prozent gestiegen. Auch antisemitische Stereotype werden laut und deutlich ausgesprochen. Angehörige dieses Milieus sind die „Fans“ Thilo Sarrazins, der nicht Mitglied der NPD, sondern der SPD ist. Der ehemalige Politiker und Bundesbanker ist eben kein sichtbarer Rassist in Springerstiefeln, sondern ein Biedermann, dem man nicht zutraut, dass er auch Brandstifter sein könnte. Dies macht ihn umso bedrohlicher. Dass seine Anhänger eben nicht nur aus der klassischen rechten Szene stammen, sondern sich parteienübergreifend bekennen, zeigt erneut, dass Rassismus nicht nur ein Thema der rechten Ecke ist.
Mit seinen Schlussfolgerungen fischt Sarrazin im gefährlichen Sumpf der Rassentheorien. Er behauptet, er wolle enttabuisieren, der schweigenden Mehrheit eine Stimme geben. Die Behauptung, es gebe ein Tabu, sich über Ausländer und Integration auch kritisch zu äußern, ist falsch, denn das geschieht längst alltäglich. Und in der Tat, Tabus darf es in einer freien Gesellschaft nicht geben, erst recht aber darf es in einer solchen Gesellschaft nicht salonfähig werden, rassistisch zu argumentieren. Und genau das ist die Gefahr, die von Sarrazin und seinen Anhängern ausgeht: dass auf Sektempfängen formuliert wird, was wir bei Rechtsradikalen zu Recht empört zurückweisen. Es ist den von Sarrazin verächtlich gemachten Protagonisten wie Angela Merkel, Christian Wulff oder Bundesbankpräsident Axel Weber zu verdanken, dass diese „Salonfähigkeit“ weiterhin kritisch beleuchtet wird. Zur Selbstkritik unfähige Menschen wie Sarrazin neigen dagegen zum Größenwahn. Indem er der Bundeskanzlerin vorwirft, sein Buch „auf den Index“ gesetzt zu haben, „so wie es früher die Heilige Inquisition tat“, macht er sich endgültig unmöglich. Hält er sich am Ende gar für eine religiöse Heilsgestalt? Hat er vergessen, dass unser Land eine Demokratie ist, in der Kritiker weder verbrannt noch verbannt werden? Will er sich als Märtyrer der freien Meinungsäußerung inszenieren, obwohl es in Deutschland nicht des Heldentums bedarf, um seine Meinung zu formulieren? Geht es in eigener Sache nicht eine Nummer kleiner, Herr Sarrazin?
Was meint die Partei?
Übrigens: Lange nichts mehr gehört vom Parteiausschlussverfahren gegen den Genossen Sarrazin. Zwar hat der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel engagiert und klar Position bezogen, hat aber in der Partei keine große Resonanz erlebt. Nur wenige SPD-Prominente haben sich in die Diskussion eingemischt. Einige wandten sich gegen den Ausschluss. Kann es daran liegen, dass die Parteiführung ahnt, wie viele Mitglieder mit Sarrazins Thesen sympathisieren? Wird jetzt auf Zeit gespielt, in der Hoffnung, dass sich alle Beteiligten auf einen faulen Kompromiss einigen? Oder rumort das schlechte Gewissen der SPD, die das Thema Integration, das Zusammenleben vieler Kulturen und Religionen vernachlässigt hat? Handelt es sich am Ende etwa doch eher um ein sozialpolitisches Problem als um eines der unterschiedlichen Kulturen?
Entgegen Sarrazins Generalverdacht gegen seine Kritiker habe ich sein Buch gelesen und halte es nach mehrmonatiger Diskussion und der Reflexion über diese Diskussion immer noch für hoch problematisch. Biogenetische und erbgenetische Argumente zur Erklärung und Begründung eines kollektiven Verhaltens sind zutiefst menschenfeindlich und menschenverachtend.
Eines hat der Autor jedenfalls erreicht: Die Heuchelei bei diesem Thema ist deutlich erschwert. Die Hälfte der Menschen, über die Sarrazin so herablassend schreibt, sind deutsche Staatsbürger. Ein bisschen mehr Respekt von Deutschen für Deutsche, bitteschön!
Michel Friedman, geboren 1956 in Paris, ist Rechtsanwalt, Politiker, Journalist und Fernsehmoderator und war von 2000 bis 2003 Stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland.