Wo blickt diese schöne junge Frau nur hin? Generationen von Kunsthistorikern haben sich darüber den Kopf zerbrochen, und wenn dieses herrliche, weltberühmte Bild von Leonardo da Vinci ab nächsten Donnerstag im Bode-Museum zu sehen ist , werden sich Tausende von Besuchern diese Frage stellen.
„Gesichter der Renaissance“ heißt die Schau über die italienische Porträtkunst des 15. Jahrhunderts, des Quattrocentro, wie die zünftigen Altmeisterfreunde diese große innovative Epoche im Süden nennen. Seit Monaten hängen die Plakate in der Stadt und die Veranstaltern heizen die Vorfreude mit ihrem Marketing mächtig an. Es wird, daran besteht kein Zweifel, das Berliner Ausstellungsereignis des Jahres. Nur eines ist bislang noch nicht so recht ins Bewusstsein gedrungen: Dass die „Dame mit dem Hermelin“ in Berlin zu sehen ist, hat auch einen dramatischen deutsch-polnischen Hintergrund.
Stephan Weppelmann, Italien-Kustos der Gemäldegalerie, verfolgt die Idee der Portätschau seit sechs Jahren. Es ist eine Zusammenarbeit mit dem Metropolitan Museum in New York, das wie die Berliner Sammlung viele bedeutende Bildnisse de Frührenaissance besitzt. Hinzu kommen kostbare Leihgaben aus aller Welt. Alberti, Botticelli, Ghirlandaio, Mantegna, Gentile Bellini, Filippo Lippi, Antonello da Messina, Pisanello, Pollaiuolo – alle diese Maler, die in Florenz, Venedig und Oberitalien die Kunst so nachhaltig revolutionierten, werden vertreten sein. Seit ungefähr 1420 begann es: Bei Jan van Eyck in den Niederlanden, bei Masaccio und Fra Angelico in Florenz traten auf einmal lebensechte Menschen ins Bild. Das Individuelle, die Physiognomie und die virtuose Nachahmung der Natur wurden im Laufe des Jahrhunderts immer mehr verfeinert.
Für Weppelmann und seine Kollegen ist die „Dame mit dem Hermelin“, die Leonardo 1489/90 für den Mailänder Herzog Ludovico Sforza malte, so etwas wie eine Synthese, aber auch ein Wendepunkt des Quattrocento-Porträts. „Um die reine Naturnachahmung geht es Leonardo nicht mehr“, erklärt der Berliner Kunsthistoriker. „Er eröffnet die Möglichkeit, das Wesenshafte, das Unbestimmte ins Bild zu setzen.“ Es ist Seelenkunst, ein Kunstwerk auf der Schwelle vom Abbild zum menschlichen Ausdruck. Für Weppelmann gibt es kein passenderes Schlussbild der Porträt-Schau, und so setzte er jahrelang alles daran, es als Leihgabe nach Berlin zu bekommen.
Die „Dame mit dem Hermelin“ aus dem Krakauer Czartoryski-Museum ist das wertvollste Kunstwerk, das Polen besitzt. Genauer gesagt: Der Besitzer ist Prinz Adam Karol Czartoryski, der in Rom lebt und einem der ältesten und einst mächtigsten polnischen Fürstengeschlecht vorsteht. Sein Vorfahr Fürst Adam Jerzy erwarb das Leonardo-Gemälde im Jahr 1800 und schenkte es seiner Mutter Izabela für deren Kunstsammlung in Puławy, einem klassizistischen Schloss mit Landschaftspark, südlich von Warschau an der Weichsel gelegen. Ostpolen war damals russisch und die Czarturyskis leiteten von Puławy aus 1830 den Novemberaufstand gegen die verhassten Besatzer. Nach der blutigen Niederschlagung flohen die Fürsten mit ihrer Sammlung nach Paris. 1876 brachte Prinz Władysław den Leonardo und die anderen Werke zurück nach Polen, nach Krakau im liberaler regierten österreichischen Teil, wo er eines der ersten Privatmuseen der Welt eröffnete.
Während des Sozialismus war die Sammlung staatlich, doch 1991 erhielt die Familie ihren Besitz zurück. Danach überführte sie die Werke in eine Stiftung, während das Krakauer Nationalmuseum die Verwaltung dieser wichtigen Touristenattraktion behielt. Der Staat und der Prinz hatten also mitzureden, entsprechend kompliziert gestalteten sich die Verhandlungen für Weppelmann. Noch Anfang März verkündete der polnische Kulturminister Bogdan Zdrojewski, es werde wohl nichts mit der Leihgabe, das Bild sei zu fragil. Sechs Wochen später kam dann doch die Zusage, nachdem eine gemeinsame Sachverständigenkommission noch einmal über die konservatorischen Fragen diskutiert hatte. Unter strengen Sicherheitsauflagen, die Polen verlangt, soll das Bild an diesem Wochenende eintreffen. Allerdings wird die geheimnisvoll lächelnde Frau – es ist Cecilia Gallerani, die Geliebte des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza – Anfang November vorzeitig abreisen, um an der Leonardo-Schau in London teilzunehmen.
Die Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ ist vom 25. August bis zum 20. November im Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel zu sehen.
Gezeigt werden über 150 Porträts der italienischen Frührenaissance. Die Parade der Meisterwerke aus dem 15. Jahrhundert reicht von Donatello bis Leonardo da Vinci.
Entstanden ist die Ausstellung in Zusammenarbeit der Berliner Gemäldegalerie mit dem Metropolitan Museum in New York. Dorthin wird die Schau als zweite Station wandern.
Leonardos „Dame mit dem Hermelin“ bleibt nur bis 31. Oktober in Berlin. Danach reist sie zur Leonardo-Schau in London. In New York wird sie nicht sein.
Zeitfenster-Tickets an der Tageskasse oder vorab: 030-266 42 42 42 sowie www.smb.museum/smb/gesichter.
Das Bild im Bode-Museum zu sehen, ist eine ästhetische Sensation für jeden Kunstfreund. Eine Sensation ist es aber auch in historischer und politischer Hinsicht. Denn die „Dame mit dem Hermelin“ war unter schlimmen Umständen schon einmal am selben Berliner Ort, dem damaligen Kaiser-Friedrich-Museum. Nach dem Überfall auf Polen 1939 plünderten die Deutschen die Kunstschätze des Landes. Besonders hemmungslos war Hans Frank, der von Krakau aus das „Generalgouvernement“ leitete, Tausende von Polen ermorden ließ und den Genozid an den Juden organisierte.
Wie ein Renaissance-Fürst inszenierte sich Frank. Seinen Amtssitz auf dem Wawel, der alten Burg der polnischen Könige, stattete er pompös mit geraubten Kunstwerken und Antiquitäten aus. Auch die drei wertvollsten Bilder aus dem Czartoryski-Museum reklamierte der Generalgouverneur für sich: den Leonardo, ein jünglingsporträt von Raffael und eine Rembrandt-Landschaft. Genau diese drei Werke hatten aber auch die Begehrlichkeit des maßlosen Sammlers und Kunsträubers Hermann Göring geweckt. So kamen sie schon im Herbst 1939 nach Berlin und wurden im Kaiser-Friedrich-Museum untergebracht.
Als Hans Posse, Direktor der Dresdner Sempergalerie und Hitlers Kommissar für das geplante Führermuseum in Linz im Dezember 1939 nach Polen reiste, hielt er nur die drei Czartoryski-Bilder für wert, in das monströse Supermuseum aufgenommen zu werden. Warum Hitler sie nicht für sich forderte, ist unbekannt. So stritten sich Frank und Göring um Leonardo, Raffael und Rembrandt. Der Kunsthistoriker Kajetan Mühlmann, der eine unrühmliche Rolle beim Kunstraub der Nazis in ganz Europa spielte, musste zweimal mit den empfindlichen Werken zwischen Krakau und Berlin hin und her fahren. Am Ende setzte sich Frank durch und hängte Cecilia Gallerani in sein Musikzimmer auf dem Wawel, wo der selbsternannte Feingeist schwelgerisch Chopin spielte.
Am 17. Januar 1945 war es vorbei mit Franks blutiger und prunksüchtiger Machtentfaltung. Er floh in einer Wagenkolonne nach Oberbayern, im Gepäck die drei Hauptwerke aus dem Czartoryski-Museum. Als ihn die Amerikaner am 4. Mai im „Haus Bergfrieden“ am Schliersee fassten, hingen dort die „Dame mit dem Hermelin“ und der Rembrandt an der Wand. Die Bilder kehrten zurück nach Krakau, Hans Frank wurde am 1. Oktober in Nürnberg gehängt. Das Jünglingsporträt Raffaels, das dem Leonardo an Ausstrahlung nicht nachstand, ist bis heute verschollen. Manche mutmaßen, dass es Franks Ehefrau womöglich bei einem bayerischen Bauern gegen Lebensmittel eintauschte und es dort irgendwo überdauert hat.
Weder Prinz Czartoryski noch jemand in Krakau oder Warschau hätten bei den Leihverhandlungen auf diese heikle deutsche-polnische Vergangenheit des Leonardo-Bildes hingewiesen, erklärt Weppelmann. Um so wertvoller ist diese Leihgabe. Auch wenn es niemand so nennt, es ist eine Geste der Versöhnung.