Das Auswandererland wandelte sich zum Einwandererland, zum stolzen Ausrichter von Expo und EM. Aber immer noch blieb das Bildungssystem desolat, konnten 2003 einer Pisa-Studie zufolge fast die Hälfte der Portugiesen die Zeitung zwar lesen, doch nicht ihren Inhalt verstehen. Immer noch schaffte es Portugal nicht, eine eigenständige Industrie aufzubauen. Während seit der EU-Erweiterung 2004 mehr und mehr Billiglöhner nach Osteuropa und China abwanderten, verschuldeten sich Portugals Regierungen mit dem Bau immer neuer Autobahnen, oft dreispurig, die meistens leer sind wie sonst nur in Nordkorea.
Die Arbeitslosigkeit schießt jetzt mit 10,8 Prozent auf ein historisches Hoch, die Banken wanken, weil sie in den letzten Jahren Kredite geradezu verschleuderten. Intellektuelle fordern, sich mit dem ebenfalls angeschlagenen Spanien zu einem iberischen Staat zu vereinen. Hastig präsentiert die Regierung Rettungspakete, beschließt drastische Sparmaßnahmen, die die größten Demonstrationen in der Geschichte des Landes provozieren. „Ich bitte alle meine Mitpatrioten“, wandte sich Ministerpräsident José Socrates an das Volk: „Verteidigt den Euro! Verteidigt unser Land!“
Das Fabriksterben hat das Bankhaus von Santa Maria da Feira erreicht. Mit Schweißperlen auf der Oberlippe verlässt Victor Marques (Name geändert) das Büro. „Ich glaube, es wird noch schlimmer werden als in Griechenland.“ Er trifft sich zum Gespräch in einem neuen Vier-Sterne-Hotel, nicht weit vom Rohde-Werk. Kalte Pracht, 109 Zimmer, fünf Stockwerke, auf denen selten mehr als sechs Gäste logieren. „Die Schuhindustriellen wollten unbedingt ein Luxushotel, um ihre Geschäftspartner unterzubringen“, sagt der Banker und setzt sich in die leere Lounge. „Es war ein Traum – kein Mensch braucht hier dieses Hotel.“ Die Rohde-Fabrik will er gemeinsam mit der Insolvenzverwalterin in kleine, leichter veräußerbare Parzellen aufteilen, ein Unterfangen, das in Portugal drei bis vier Jahre dauert. Denn zuvor muss das Zentralparlament in Lissabon der Änderung des kommunalen Bebauungsplans zustimmen. Die Bürokratie sitzt in der ältesten Nation Europas wie Schimmel in einem feuchten Gemäuer.
Der Bankangestellte mit hellblauer Krawatte verweigert neue Kredite, verrichtet Henkersarbeit, jeden Tag landet eine neue Insolvenz auf seinem Schreibtisch. Jeden Tag erlischt in der Kleinstadt und den benachbarten Dörfern ein Betrieb. Die Schuhindustrie ist nur noch in Spurenelementen vorhanden, nun kollabiert der zweitwichtigste Arbeitgeber, die Korkbranche. Ein Netz aus kleinen und kleinsten Familienunternehmen zerfällt. „Wir sind ein Land ohne Eigenkapital“, sagt der Banker. Dem Kork setzen Plastik- und Schraubverschlüsse zu, obendrein der aggressive Preiskampf des portugiesischen Branchenführers.
Massenhaft käme die Bank jetzt zu Privathäusern, deren Besitzer die Raten nicht mehr zahlen können. Der Banker fürchtet drastisch fallende Immobilienpreise, weil die Banken – die gleichfalls keine Kredite bekommen – die Häuser auf den Markt schleuderten, um wieder flüssig zu werden. „Ich hab kein gutes Gefühl“, sagt er und sieht sich in der leeren Hotelhalle um. „So schön. Aber eben nur ein Traum.“ Die Bank, die das Projekt finanzierte, ist mittlerweile auch pleite.
Die Einbrüche nehmen zu, die Diebe klauen Lebensmittel aus den Kühlschränken, manche Häuser in Feira werden dreimal in vier Monaten geknackt. Die Menschen beginnen erneut, ins Ausland zu emigrieren, erinnern sich ihrer Cousins in der Schweiz, ihres Neffen in Schleswig. Auf den Straßen häufen sich Unfälle, weil Arbeitsnomaden übermüdet weite Strecken fahren. Die Hotels an der Algarve bleiben leer, die Leute machen keinen Urlaub mehr. Sie haben Angst – Bankdirektoren wie Arbeiter. Die Wartelisten von Psychiatern sind lang.
Blaue und rote Pillen hat der Arzt dem Ehepaar mitgegeben. 120 Euro musste Antonio Barros dafür hinlegen. „Ich weiß noch nicht, wie wir das bezahlen sollen“, klagt er. 18 Jahre war er Lagerist bei Rohde. Jetzt ist er arbeitslos. „Ich bin nicht verrückt“, sagt seine Frau Cristina immerzu. „Nein, aber du verhältst dich so“, erwidert er stets. Das Paar hat zwei Kinder, Goncalo, acht Jahre, und Fabiana, 17 Jahre. Ihre Ersparnisse schmelzen. Auf der Eigentumswohnung liegen noch Schulden. „Alle rümpfen die Nase, wenn ich sage, dass ich 42 Jahre alt bin“, empört sich Barros, der sich bisher vergebens als Straßenfeger und Wachmann beworben hat. Seine Frau hat noch eine Anstellung als Näherin in einer kleinen Schuhfabrik.
Während einer Schicht brach sie dort vor anderthalb Monaten zusammen. Weinte, zitterte, sprach davon, sich umbringen zu wollen, wären die Kinder nicht. „Ich muss jetzt stark sein für uns beide“, sagt der arbeitslose Barros. Es ist etwas besser geworden mit Cristina, aber noch immer liegt sie oft lange im abgedunkelten Schlafzimmer. Da sie nun krankgeschrieben ist, zahlt ihr die Fabrik nur 65 Prozent des Lohns von 450 Euro im Monat, was das Problem der Barros vergrößert. Der Garten der Großeltern ist ihre Sozialversicherung, das Kartoffelfeld und die Zwiebelbeete ihr Hartz IV. Die Portugiesen kehren zurück auf ihre Äcker, sie jäten und ernten, füttern Hühner. „Das hält uns über Wasser“, sagt Barros, der 420 Euro Arbeitslosengeld im Monat bezieht. Er hofft auf einen Fortbildungskurs des Arbeitsamts, bei dem er sein neuntes Schuljahr nachmachen will. Wie viele seines Alters hat er den Unterricht nur bis zur sechsten Klasse besucht, mit der damals die Schulpflicht endete. „Ich lerne schnell“, sagt er. „Ich hab in Englisch die Note 18 bekommen.“ Bei einer Höchstpunktzahl von 20. Doch einen Satz auf Englisch kann er noch nicht.
Aus jeder Krise in seiner Geschichte ist Portugal auferstanden. Nach dem Erdbeben 1755 beispielweise bauten die Portugiesen ein neues, strahlendes Lissabon. Die Politiker heute wollen die Bürokratie verschlanken, bessere Universitäten und Schulen schaffen. Innovative Industrien wie Windkraft und Solartechnologie sollen die alten ablösen. Junge Kork-Hersteller entwickeln neue Produkte aus dem alten Material. Schon fliegt der Kork als Isolierschicht im Space Shuttle ins All. Viele Portugiesen aber zweifeln, ob ihr Land dieses Mal wirklich die Kraft aufbringen wird.
„Meine Kinder studieren auswärts“, sagt der Banker in Feira, „sie glauben nicht mehr an Portugal.“
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
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