Hauptsache, die Pein lässt nach: Viele Patienten greifen regelmäßig zu Tabletten, um Rheuma, Rückenprobleme oder Gelenkschmerzen in Schach zu halten. Doch weit verbreitete Medikamente wie Ibuprofen oder Diclofenac, das in Voltaren enthalten ist, haben gefährliche Folgen. Sie erhöhen auf Dauer das Herzinfarktrisiko. Wissenschaftler der Universität Bern haben jetzt die Nebenwirkungen von sieben gängigen Wirkstoffen untersucht. Sie konnten nachweisen, dass alle untersuchten Schmerzmittel die Gefahr eines Herzinfarkts oder Hirnschlags deutlich erhöhen. Auch das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, stieg an.
Die Forscher um den Berner Epidemiologen Peter Jüni hatten Wirkstoffe aus der Gruppe der sogenannten NSAR, der nicht-steroidalen Antirheumatika geprüft. NSAR sind Entzündungshemmer, die Schmerzen lindern und das Fieber senken. Sie gehören zu den am meisten verschriebenen Medikamenten und sind teilweise auch ohne Rezept erhältlich. Fast jeder hat sie im Arzneimittelschrank. Vor allem bei Gelenk-Erkrankungen, aber auch bei akuten Leiden und Kopfschmerzen werden NSAR eingesetzt.
Zurückhaltung ist geboten
Antirheumatika sind Entzündungshemmer. Nicht-steroidal bedeutet, dass sie kein Kortison enthalten. NSAR verringern die Bildung von Schmerz-Botenstoffen. Dazu blockieren sie zwei wichtige Enzyme. Diese Enzyme steuern aber nicht nur die Entzündung und die Schmerzen sondern gleichzeitig auch die Schutzmechanismen im Magen. Werden sie blockiert, dann lässt nicht nur der schmerzhafte Reiz nach, sondern auch der Schutz des Magens. Deshalb entwickeln viele Patienten nach der Einnahme von NSAR Übelkeit oder Magen-Darm-Geschwüre. Acetylsalicylsäure, besser bekannt als ASS und Wirkstoff von Aspirin, gehört ebenfalls zu den NSAR, wurde aber von der Schmerzmittelstudie aus Bern nicht untersucht. Die Autoren raten dennoch zur Vorsicht, weil sie vermuten, dass die erhöhte Herz-Kreislauf-Gefahr von allen NSAR ausgeht.
Immer mehr Menschen werden mit starken Schmerzmitteln behandelt: Im Jahr 2009 wurden Opioide an insgesamt 1,26 Millionen gesetzlich versicherte Patienten ausgegeben. Das waren 200 000 Patienten mehr als noch im Jahr 2005, wie das Deutsche Arzneiprüfungsinstitut (DAPI) Anfang Januar bekannt gab. Es wurden aber nicht nur mehr Patienten mit Betäubungsmitteln versorgt, sondern auch im Schnitt pro Patient mehr und größere Packungen ausgegeben. Die Zahlen beziehen sich auf die ambulante Abgabe von starken Schmerzmitteln auf Rezept durch die Apotheken.
Untersuchte Arzneimittel
Wirkstoff (Medikamente, die den Wirkstoff enthalten)
Naproxen – Alacetan, Aleve, Dolormin
Ibuprofen – Ibuprofen, Dolormin
Diclofenac – Voltaren, Diclac, Arthrex
Cox-2-Hemmer oder Coxibe:
Celecoxib – Celebrex, Onsenal
Etoricoxib – Arcoxia
Rofecoxib – Vioxx
Lumiracoxib – Prexige
„Wegen ihrer oft unterschätzten Herz-Kreislauf-Risiken ist bei dieser Klasse von Schmerzmitteln Vorsicht geboten“, sagt Sven Trelle, Erstautor der Studie. Die Forscher raten bei sämtlichen NSAR zur Zurückhaltung – auch bei Medikamenten der Wirkstoffgruppe, die sie aufgrund fehlender Daten nicht prüfen konnten. Dazu gehört auch die beliebte Aspirin-Tablette (ASS). Außerdem plädieren die Forscher dafür, zu überprüfen, ob Mittel wie Ibuprofen oder Diclofenac tatsächlich weiterhin rezeptfrei über die Ladentheke gehen dürfen. Gleichzeitig bringt die Berner Studie ein Stück mehr Gewissheit in eine heftige Debatte. Zur Jahrtausendwende kam eine neue Generation von NSAR auf den Markt, die als Hoffnungsträger galt und rasch als „neue Super-Aspirin“ bejubelt wurde: sogenannte Cox-2-Hemmer.
Die neuartigen Substanzen sollten vor allem verträglicher sein als die alten, magenschädigenden NSAR. Diese bremsen nicht nur den Schmerz, sondern sabotieren gleichzeitig den Schutz des Magens. Häufig führt dies zu Blutungen und Geschwüren im Magen-Darm-Trakt. Das sollte bei den neuen Cox-2-Hemmern anders sein: Sie sollten gezielter angreifen und den Magen schonen.
Gewöhnliche NSAR setzen zwei wichtige Enzyme außer Kraft. Man ging von einem guten und einem bösen Cowboy aus: Das hilfreiche Enzym Cox-1, das den Magen schützt, und das unerwünschte Cox-2, das Entzündungen und Schmerzen anheizt. Die neue Generation sollte lediglich das Schmerz-Enzym blockieren, nicht aber das Schutz-Enzym. Und tatsächlich schien sich die Hoffnung zunächst zu erfüllen: Bei kurzfristiger Einnahme führten die Cox-2-Hemmer zu deutlich weniger Magen-Darm-Komplikationen. Die Freude war groß, nur einige Skeptiker warnten vor den unerforschten Langzeitfolgen der Super-Aspirine.
Vioxx ist schon vom Markt
Dann kam die Hiobsbotschaft: Eine Studie bewies, dass das Medikament Vioxx, ein Cox-2-Hemmer, auf Dauer verstärkt zu Herzinfarkten und Schlaganfällen führt. Das in großen Werbekampagnen angepriesene Vioxx wurde vom Markt genommen, der verantwortliche Pharma-Konzern mit Klagen überzogen. Seitdem häuften sich die Anzeichen, dass nicht nur Vioxx, sondern sämtliche Cox-2-Hemmer Gefahren bergen. Der gute Ruf der Neulinge war ruiniert: Es schien, als sei die moderne Magenverträglichkeit um den Preis des Herzinfarkt-Risikos erkauft.
Jetzt weisen die Forscher aus Bern nach: Ja, die modernen Cox-2-Hemmer sind gefährlich für Herz und Kreislauf. Doch die alten, herkömmlichen NSAR sind es auch.
Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, haben Peter Jüni und seine Kollegen systematisch medizinische Datenbanken und Fachzeitschriften durchstöbert und 31 Langzeitstudien verglichen. Insgesamt flossen die Angaben von 116 429 Patienten in ihre Analyse ein, die in der Fachzeitschrift British Medical Journal erschien. „Die Studie ist das Ergebnis sehr gründlicher Kleinarbeit“, sagt Schmerzmittel-Experte Kay Brune, Professor für Pharmakologie an der Universität Erlangen.
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