Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politically Incorrect und die Neue Rechte
"Islamkritik" erreicht das bürgerliche Lager: Die Neue Rechte.

23. September 2011

"Politically Incorrect": Die Islamhasser bitten zur Kasse

 Von Steven Geyer und Jörg Schindler
Shirts kaufen und die neue Rechte unterstützen: Screenshot des PI-Online-Shops.

Spenden, Shops, Schweizer Firma: Das größte Blog der neuen Rechten will Geld verdienen. Ein Konzept zur "komerziellen Nutzung von PI News" gibt es schon.

Drucken per Mail

Spenden, Shops, Schweizer Firma: Das größte Blog der neuen Rechten will Geld verdienen. Ein Konzept zur "komerziellen Nutzung von PI News" gibt es schon.

Berlin –  

. Am 9. Februar 2011 erhält Stefan Herre die E-Mail eines frustrierten Kompagnons. Er frage sich, wofür er sich eigentlich abstrampele, schreibt Michael Stürzenberger, der wie Herre zum Führungszirkel des islamfeindlichen Weblogs „Politically Incorrect“ (PI) zählt. Von irgendetwas müsse auch er leben. „Der ganze Zirkus, den wir da veranstalten, muss langsam mal Ernte abwerfen, Stefan, ganz ehrlich.“

Bei seinem Adressaten stößt Stürzenberger damit auf vollstes Verständnis. Noch am selben Abend antwortet Herre: „Geb ich dir recht, Michael“. Es sei höchste Zeit, sich zu überlegen, wie aus einer der größten Anti-Islam-Seiten im Netz Kapital zu schlagen sei, so der Gründer und Strippenzieher von PI. Was Herre in seiner Mail verschweigt: Er werkelt da schon längst an einem Geschäftsmodell, von dem vor allem einer profitieren würde – er selbst.

Sparsamer Spendenfluss

Nach Informationen der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung ließ sich der Kölner Lehrer bereits im Juni 2010 von einem Unternehmensberater ein Konzept für die „kommerzielle Nutzung von PI News“ schreiben. Es zeigt einmal mehr, dass sich der PI-Chef selbst nicht sicher ist, ob seine Aktivitäten mit Recht und Gesetz in Einklang stehen: Das Konzept sieht die Gründung einer PI-Firma in der Schweiz vor, weil sie dort „besser vor dem Zugriff deutscher Behörden geschützt ist“.

Warum Herre daran denkt, den Blog zur Firma auszuweiten, liegt auf der Hand: Auch nach sieben Jahren und mit bis zu 60000 Besuchern täglich lässt sich mit PI kaum Geld verdienen. Zwar werben auf PI alle möglichen Verlage, Initiativen und Organisationen, darunter obskure Gruppen wie die „Jüdische Verteidigungsliga“, die selbst das FBI schon verdächtigte, gewalttätig zu sein. Die Werbung aber kostete bisher nur 40 bis 50 Euro im Monat. Auch der Spendenfluss für PI hält sich in Grenzen. Zwar verfügt das Team inzwischen über eine erkleckliche Spenderliste – die Wohltäter lassen aber meist nur Kleinstbeträge springen. 2008 kamen so gerade mal rund 8 000 Euro zusammen. Beim Verkauf aus dem PI-Shop – wo Becher mit Bombensymbolen oder Aufkleber mit Slogans wie „Sarrazin statt Muezzin“ feilgeboten werden – sieht es noch mauer aus. Im ersten Quartal 2011 belief sich der Erlös auf nur 225 Euro.

Die Art der Kommerzpläne lässt dennoch aufhorchen. In dem dreiseitigen Konzept, das der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung vorliegt, wird die Gründung einer „PI Vermarktungsgesellschaft“ in der Schweiz vorgeschlagen. Dort saß mit der Pfarrerin Christine Dietrich praktischerweise bisher die wichtigste PI-Führungsfigur neben Herre. Von der Schweizer Presse mit unseren Enthüllungen konfrontiert, räumte Dietrich jetzt zwar ihre Mitarbeit an PI ein – verkündete aber offiziell ihren Ausstieg aus dem Team.

Kein Wunder: Vertreter aller großen Parteien sind inzwischen überzeugt, dass PI-Inhalte fremdenfeindlich und volksverhetzend sind und fordern eine Überwachung durch den Verfassungsschutz. Folglich sah auch der Kommerzplan vor, dass das neue Unternehmen nur Vermarkter der PI-Website sein solle, aber „nicht die Verantwortung für die hier veröffentlichten redaktionellen Beiträge“ trägt. Unter dem Dach der Vermarktungsgesellschaft sollten Tochterfirmen gegründet werden, die etwa Anzeigen, Bücher oder Fan-Artikel verkaufen.

Achse des Guten
Die Freiheit
Pro Deutschland
Europas Rechte

Im August 2005 trafen sich rund 60 Gleichgesinnte in einem Münchner Lokal zur Kennenlern-Party: Der Blog „Achse des Guten“, den der Publizist Henryk Broder mit zwei Kollegen betreibt, lud zum „Pro-westlichen Heimatabend“ (Foto links). Unter den Gästen: Stefan Herre (auf dem Foto rechts von Broder), Chef von PI, den Broder bis 2007 auch auf seiner Website empfahl. Zwar wurden Herre und Broder – dessen Polemik gegen Islam und „linksreaktionäres Gutmenschenpack“ die PI-Fans verzückt – keine Freunde. Zumindest sind sie per Sie – auch in den mindestens 30 Mails, die sie 2010 und 2011 austauschten. Dass sie sich überhaupt so oft schreiben, überrascht: Broder distanziert sich bisher von PI. „Was Politically Incorrect macht, ist meine Sache nicht“, sagte er in 3 Sat. Als eine Bekannte Herre damit konfrontierte, schrieb der: „Mit Broder telefonier und email ich ab und zu. Dass er öffentlich was anderes über PI sagt, naja, damit muss ich leben.“

Auch Broders E-Mails sprechen nicht für große Distanz: Er bestellt Grüße an Geert Wilders oder bespricht mit Herre eine gemeinsame Veranstaltung mit Thilo Sarrazin. Umgekehrt fragt Herre den prominenten Autor um Rat. So schickte er ihm am 9. Februar 2011 den Link zu einer PI-Veröffentlichung mit den Worten: „So ok?“ Broders Antwort: „prima. b“ Nur das PI-Forum, schrieb er Herre vor drei Wochen, sei „unter aller Sau“.

Gemeinsame Freunde sind auf Broders „Achse“dennoch willkommen: Jüngst ließ er Detlef Alsbach ausbreiten, wieso es in Deutschland „von Nachteil ist, Deutscher und von Vorteil ist“, Türke zu sein. Alsbach ist Mitglied von Pro Köln – und Duzfreund von Herre.

PI-Macher Stefan Herre und Freiheit-Chef René Stadtkewitz (von links).

Am 9. April 2011 erhalten die Führungsleute von „Politically Incorrect“ eine Mail. „Lieber Stefan, liebe Christine“, schreibt der Absender, er wende sich an sie, „da PI-News eines der wichtigsten Glieder der deutschen Islamkritik ist“. Dann kommt er zum Thema. Dass PI führenden Vertretern der PRO-Bewegung – und damit auch ehemaligen Kadern rechtsextremistischer Parteien – ein Forum biete, schade der gemeinsamen Sache.

„Du willst eine islamkritische Wende in Deutschland vollziehen, aber dann musst du auch die breite Mitte der Gesellschaft ansprechen… Du brauchst den bürgerlichen Grünen-Wähler, der den Islam ätzend findet. Auch den nationalen Linksparteiwähler. Auch die ganzen Sarrazin-Anhänger in der SPD. Und auch die Nationalliberalen in der FDP.“ So schreibt es Marc Doll, Vizechef der Partei „Die Freiheit“.

Dass Doll sich so beschwörend an PI wendet, ist kein Zufall. Tatsächlich sind die Partei, die sich als grundgesetztreue Hüterin des wahren Konservatismus vermarktet, und der Blog eng verzahnt. Auf Anfrage sagte Doll zwar: „Keiner von uns ist bei PI drin.“ Aber das stimmt nicht. Mit Michael Stürzenberger und Christian Jung gehören zwei führende „Freiheit“-Funktionäre zum engsten PI-Zirkel.

PI-Macher Stefan Herre und Freiheit-Chef René Stadtkewitz (Foto links, v.l.) stimmten sich schon vor Gründung der „Freiheit“ im Herbst 2010 eng ab und tun das bis heute – zum Teil hinter dem Rücken anderer Spitzenleute der „Freiheit“. Dass PI gleichwohl Kontakt zu Rassisten und Rechtsextremisten pflegt, wirft auch ein Licht auf das „Freiheit“-Bekenntnis, mit solchen Personen nichts zu tun zu haben.

Wahlplakat von Pro Deutschland.
 Foto: dapd

Als die Fußtruppen der Islamhasser gegen die „Islamisierung“ von Europa, Deutschland und Köln-Deutz durch die Domstadt zogen, fehlte bei dem „Marsch für die Freiheit“ ironischerweise die Partei gleichen Namens: „Die Freiheit“. Das lag daran, dass zu dem europäischen Szenetreff – so waren auch FPÖ und Vlaams-Belang zu Gast – Pro-NRW gerufen hatte.

Die 1996 gegen einen Moscheebau in Köln gegründete Partei (Foto l.: ein Wahlplakat) wurzelt in der rechtsextremen Szene, wimmelt vor Ex-NPD-Mitgliedern und wird vom Verfassungsschutz wegen „Verdachts auf Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“ überwacht. Spätestens als Pro-NRW-Generalsekretär Markus Wiener als Gastredner einer Republikaner-Tagung deren Mitglieder zum Marsch einlud, musste „Die Freiheit“ passen: Sie meidet offene Nähe zu Neonazis.

Darum forderten ihre Funktionäre auch von ihrem Duzfreund Stefan Herre, sein Blog „Politically Incorrect“ (PI) möge sich von „Pro“ distanzieren. Immerhin schreiben die Freiheit-Leute gratis für PI, beliefern Herre mit Themen, sehen PI als ihren publizistischen Arm.

Herre handhabt das anders: Er pflegt Kontakt nicht nur mit Wiener, sondern auch mit dem Pro-Köln-Gründer und rechten Multifunktionär Manfred Rouhs (Ex-Kader von NPD, REPs und weiteren) und dessen Weggefährten Bernd Schöppe. Auch mit ihnen ist er per Du, bot ihnen einen Aufruf zum „Marsch“ auf PI an, veröffentlicht Texte von Pro-Aktivisten. Da wirkt es absurd, dass Kandidaten vor Beitritt zu Ortsgruppen von PI geloben müssen, „rechtsextremistisches und ausländerfeindliches Gedankengut“ abzulehnen.

 Foto: dpa

Auf der politischen Landkarte von Geert Wilders, Europas berühmtestem Islamgegner, ist Deutschland noch ein weißer Fleck. Er will das ändern. Seit einigen Jahren schon trommelt der Niederländer für seine „International Freedom Alliance“, die nichts anderes sein soll als ein schlagkräftiges und grenzübergreifendes Bündnis gegen den angeblich weltweiten Vormarsch eines gewaltbereiten Islam. Geert Wilders’ wichtigste Bündnispartner in Deutschland: Stefan Herres „Politically Incorrect“ und René Stadtkewitz’ „Freiheit“. Am Sonntag in Berlin will die ihren Siegeszug durch Deutschland beginnen. Daraus wird vermutlich nichts werden – die Umfragewerte sind miserabel.

An ihrem internationalen Netzwerk aber stricken die deutschen Islamfeinde unverdrossen weiter. Schon jetzt gibt es beste Kontakte zu einer Reihe ultranationalistischer und rechtspopulistischer Parteien. Dazu zählen die Schweizer SVP, der belgische Vlaams Belang, die Schwedendemokraten und Israel Beitenu, deren ehemaliger Knessetabgeordneter Eliezer Cohen gern gesehener Gast der deutschen Anti-Islamisten ist. Auch die English Defence League gehört zum Dunstkreis der Allianz, eine aus der Hooligan-Szene entsprungene Partei, die wegen ihre Nähe zu gewaltbereiten Rechtsextremisten immer mal wieder auffällt.

Die europäischen Teilgliederungen des Netzwerks eint neben ihrer Islamphobie im Übrigen auch die Ablehnung der Europäischen Union. Sie sind sich sicher, dass ihnen der derzeitige Streit um den Euro als Gemeinschaftswährung und die Rettungsschirme weiteren Zulauf bescheren wird.

„Ein geringes Entgelt“

Fürs Spendensammeln sollte wiederum ein Verein in Deutschland gegründet werden. Damit der als gemeinnützig anerkannt werde, müsste er einen entsprechenden Satzungszweck erfüllen. „Das können z.B. die Förderung der deutsch-israelischen Freundschaft bzw. die Bekämpfung des Antisemitismus und des Faschismus sein.“ Strukturell aber müsse der Verein von PI abgegrenzt sein, „damit niemand auf die Idee kommt, den Vereinsvorstand für Veröffentlichungen im Blog juristisch in Anspruch zu nehmen“.

Für Stefan Herre könnte dabei einiges herausspringen. Er wäre nach diesem Konzept nicht nur Mediaberater der PI-Vermarktungsgesellschaft, sondern auch Geschäftsführer des Vereins, „ohne selbst Mitglied zu sein“: „Für diese Tätigkeit erhält er ein geringes Entgelt, während die Spesen umso großzügiger bemessen sind (Dienstwagen, Büro usw.).“ Herre ist mit dem Unternehmensberater bis heute in Kontakt. Wie weit die Kommerzialisierung gediehen ist und ob er seine darbenden Führungsgenossen in die Dienstwagen- und Spesenpläne eingeweiht hat, ist dagegen nicht bekannt.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Spezial
Rechte Proteste gegen den Bau der Kölner Zentralmoschee (Archivbild).

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.

Stichwort

Mit bis zu 60.000 Zugriffen am Tag gilt das Weblog als eines der größten islam-feindlichen Europas. Es bezeichnet sich selbst als proisraelisch und pro-amerikanisch und sieht sich als Vorkämpfer gegen die „Islamisierung Europas“.

In den Kommentarspalten findet sich regelmäßig ungefilterter Hass gegen Muslime und Integrations-Befürworter, die als politisch korrekte Gutmenschen verhöhnt werden.

Als im Dresdener Landgericht die schwangere Ägypterin Marwa er-Sherbini erstochen wurde, jubilierte ein PI-Nutzer über den Tod der „verschleierten Kopftuchschlampe“ - „und noch dazu ein Moslem im Bauch weniger!“

Die PI-Macher verweisen darauf, dass sie zu wenige Leute hätten, um jeden problematischen Kommentar zu löschen. Die PI-Leitlinien dulden keine „verleumderische, ehrverletzende oder beleidigende“ Kommentare. Das aber nur, sofern sie sich „gegen die PI-Blogger“ richten.

Wissenschaftlicher Aufsatz von Karin Priester der auch auf das Umfeld von "PI" eingeht: Fließende Grenzen zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Europa? in: "Aus Politik und Zeitgeschichte" (44/2010).

Antwort der Bundesregierung auf Anfrage der Linkspartei, warum die Islamhasser-Szene nicht vom Verfassungsschutz beobachtet wird (PDF-Datei, 05.09.2011).

Spezial

Die große Aufbereitung des Nationalsozialismus: Rückblick auf den Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main.