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11. Mai 2012

Breivik-Prozess: Breivik im Gericht mit Schuh beworfen

 Von Hannes Gamillscheg
Anders Breivik bringt seinen Opfern keine Empathie entgegen. Foto: rtr

Im Terrorprozess kommt es endlich zu einem Gefühlsausbruch. Ein Zuschauer im Breivik-Prozess wirft einen Schuh auf den Attentäter und ruft „fahr zur Hölle!“.

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Oslo –  

Eklat ist ein zu hartes Wort für einen Schuh, der gegen einen Mann fliegt, der 77 Menschen ermordet hat. Doch im Terrorprozess gegen den rechtsradikalen Massenmörder Anders Breivik ist es am Freitag zu einem ersten unregulierten Gefühlsausbruch gekommen. Da wurde die fast gespenstige, nur von unterdrücktem Schluchzen gestörte Ruhe, die bisher im Gerichtssaal geherrscht hatte, von einem Mann unterbrochen, der von der für die Angehörigen der Opfer reservierten Bank aufsprang, „Mörder“ schrie und seinen Schuh in Richtung des Angeklagten schleuderte. Er traf dessen Verteidigerin Vibeke Hein Bæra, aber verletzte sie nicht.

„Du hast meinen Bruder ermordet, fahr zu Hölle“, rief der Mann auf englisch, als er von zwei Gerichtsbeamten aus dem Saal geführt wurde. Viele erschraken, auch Staatsanwältin Inga Bejer Engh sagte, sie habe den Mann erst nicht gesehen und Angst bekommen. Von chaotischer Stimmung berichteten Anwesende nachher, doch dann klatschten einige der Betroffenen dem schluchzenden Abgeführten Beifall, „endlich“ riefen andere, und Kommentatoren meinten, die Episode habe „befreiend“ gewirkt nach einer Woche des Grauens und der unterdrückten Gefühle, in der das Gericht und die Zuhörer die Obduktionsberichte von jedem einzelnen der 69 auf Utøya Ermordeten zu hören bekamen. Der 18-jährige Bruder des Schuhwerfers war einer der Toten.

Sechs Prozesstage lang analysierten die Gerichtstechniker die Todesursachen der Erschossenen, die meisten von ihnen waren durch Kopf- und Nackenschüsse aus nächster Nähe regelrecht hingerichtet worden. Als „hart, lange, aber notwendig“ bezeichnete Christin Bjelland, die Vizevorsitzende des Opferverbandes, die ausführliche Aufbereitung der Taten. Es sei verständlich, dass dies viele Gefühle ausgelöst habe, und die Schuh-Attacke sei „eine Art zu reagieren“ gewesen. „Ihr könnt auf mich werfen, wenn ich rein- und rausgeführt werde, ihr braucht nicht meine Verteidiger zu treffen“, wandte sich Breivik höhnisch an die Zuhörer. Richterin Wenche Arntzen verlor kein unnötiges Wort über den Zwischenfall. „Wir setzen fort“, sagte sie nur, als das Verfahren nach kurzer Unterbrechung wiederaufgenommen wurde, und nach dem Durchgang des letzten Obduktionsrapports dankte sie allen, die dazu beigetragen hatten, dass dieser besonders harte Prozessteil respektvoll und würdig abgewickelt werden konnte.+

Doch die Woche im Gerichtssaal 250 war nicht nur von den Toten geprägt, sondern auch von den ersten Aussagen von Zeugen, die das Massaker überlebten. Am Freitag berichtete Eivind Rindal, wie er ein paar Jugendlichen, die nicht schwimmen konnten, in ein Boot half, wie sie dann andere, die schwimmend geflohen waren, aufsammelten und weg vom Ufer ruderten, bis sie den Täter auftauchen sahen. „Wir warfen uns auf den Boden des Boots, da pfiffen die Kugeln schon über uns hinweg.“ Sechs Geschosse trafen das Schiff, doch keiner der Insassen wurde verletzt.

Davor hatte die 17-jährige Janne Hovland berichtet, wie sie dank ihrer Erste-Hilfe-Kenntnisse Verletzte verbinden und verhindern konnte, dass diese verbluteten. Sie zerriss dafür ihre Kleidung, bis sie in BH und Hose dastand, obwohl es bitterkalt war. Sie lief, als sich die Schüsse kurzfristig entfernt hatten, zu einem Sanitätszelt, um Verbandmaterial zu holen und kehrte zu den Verletzten zurück, statt sich selbst in Sicherheit zu bringen. Tonje Brenna lag mit einer Schwerverletzten im Arm und sagte dieser, sie solle regelmäßig ihre Hand drücken, damit sie wissen konnte, dass sie noch lebte. Auch sie schwamm nicht weg: „Ich konnte die anderen doch nicht im Stich lassen.“

Anders Breivik lauschte den Berichten über seine Verbrechen anteilnahmslos, nur hin und wieder griff er korrigierend ein: er habe zuerst in den Kopf geschossen und dann in den Nacken, nicht umgekehrt. Und einem Zeugen, der nicht verstand, warum der Täter auf ihn zielte, aber nicht abdrückte, beschied er kalt: „Das Magazin war gerade leer.“ In der kommenden Woche werden in Oslo die Verletzten zu Wort kommen, die bei dem Massaker von Utøya mit dem Leben davonkamen.

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