Politically Incorrect und die Neue Rechte
"Islamkritik" erreicht das bürgerliche Lager: Die Neue Rechte.

16. Mai 2012

Breivik-Prozess: Die starken Überlebenden von Utøya

 Von Hannes Gamillscheg
Eivind Thoresen - einer der Überlebenden des Massakers von Utoya. Foto: REUTERS

In Oslo sagen die Überlebenden des Massakers von Utøya gegen Anders Breivik aus. Sie berichten von ihrem ungläubigen Erschrecken - und zeigen, welch unfassbaren Lebensmut sie nach wie vor haben.

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Oslo –  

Vor ein paar Tagen hat Tore Bekkedal seine Kamera zurückbekommen. Die Polizei hatte sie nach dem Massaker von Utøya beschlagnahmt. Auf der norwegischen Insel war Bekkedal der inoffizielle Fotograf des sozialdemokratischen Jugendcamps, jener Veranstaltung, die am 22. Juli letzten Jahres durch den rechtsradikalen Anders Breivik zum Blutbad wurde. Nach diesem Tag waren die 3 000 Fotos, die Bekkedal dort machte, plötzlich nicht mehr die liebevolle Dokumentation unbeschwerter Tage, sondern unentbehrliches Beweismaterial.

Jetzt also hat Bekkedal sein Eigentum wieder: den Fotoapparat, die Memory-Cards, die Videoclips und die Bilder. Es sind Bilder von jungen, meist lachenden Menschen, von Regentagen und Sonnenschein, vom Alltag auf der Insel und von wichtigen Vorträgen. Bilder, die eine glückliche Woche dokumentieren, die Zeit auf Utøya bis zu jenem Moment, als die Campleiterin den Fotografen anwies, die Kamera wegzustecken.

Das war an jenem 22. Juli, als in Oslo gerade eine Bombe explodiert war und sie auf der Insel zusammenkamen, um die neuesten Informationen über den Anschlag auszutauschen – nicht ahnend, dass sie selbst nur kurze Zeit später zu Opfern werden sollten. Tore Bekkedal möchte mit seinen Fotos dem späteren Grauen etwas entgegensetzen. „Ich will diese Bilder mit allen teilen, die Utøya so in Erinnerung behalten wollen, wie es eigentlich war“, sagt der 23-jährige.

Auf einem der Fotos ist Silja Uteng zu sehen, sie umarmt eine Freundin. Jetzt, neun Monate später, sitzen die beiden im Saal 250, in einem Gericht in Oslo, wo gegen den Massenmörder Anders Breivik verhandelt wird. Journalisten aus der ganzen Welt sind gekommen, und aus den kichernden Mädchen von dem Foto sind ernste junge Frauen geworden. Silja Uteng, inzwischen 21 Jahre alt, ist die erste der Überlebenden des Massakers, die über ihre Flucht vor dem Mörder berichten soll. Sie erzählt, wie sie und ihre Freundin im Zelt schliefen, bis sie von den Schreien „Rennt, rennt um euer Leben“ geweckt wurden, wie sie einen Schlag auf den Arm spürte, aber erst, als sie ihre weiße Jacke ausziehen wollte, um sich besser zu tarnen, den blutgetränkten Ärmel sah und begriff, dass jemand auf sie geschossen hatte.

Obduktionsberichte lösen Grauen aus

Eine Woche zuvor hatten noch nicht die Lebenden das Wort, sondern es wurden die Obduktionsberichte der 69 Utøya-Opfer vorgestellt, die unter den Zuhörern ein Grausen auslösten, wie man es wohl noch nie in einem norwegischen Gerichtssaal erlebt hat. Klinisch nüchtern dokumentierten die Rechtsmediziner anhand einer lebensgroßen Puppe, wie jeder der Ermordeten gestorben ist. Die meisten Opfer wurden von zwei oder drei Schüssen getroffen, fast alle mit solchen, die sofort töteten – Treffer, abgefeuert aus nächster Nähe, in Kopf oder Nacken. Mit roten Punkten sind auf einer Karte von Utøya die Fundorte der Toten markiert.

Dazu wurden im Gericht zu jedem der Opfer noch persönliche Worte von Angehörigen und Freunden verlesen, die die Menschen zeigten, die hinter den roten Punkten steckten. Sie sei besonders fürsorglich gewesen, hieß es über die 15-jährige Brigitte. „Er konnte nicht zusehen, wenn sich jemand als Außenseiter fühlte“ über den ein Jahr älteren Steinar. „Gott holte dich, weil er einen Engel brauchte“, schrieb Cathrine Trønnes Lie, die schwer verletzt überlebte, über ihre 16-jährige Schwester Elisabeth. Diese hatte gerade ein Moped bekommen und einen Freund – „Dein Leben war perfekt“. Bis ein Mörder kam und es auslöschte.

Jetzt sprechen die Überlebenden

Nach der Woche des Todes sprechen im Gerichtssaal 250 jetzt die Überlebenden. Sie berichten von ihrem ungläubigen Erschrecken, als sie die ersten Schüsse hörten. Fast alle glaubten an ein Feuerwerk oder Knallkörper, an einen schlechten Scherz angesichts des Bombenanschlags, von dem sie gerade gehört hatten.

Einer der Zeugen, er heißt Marius Hoft, erzählt, wie er sogar noch von einer Übung mit blinder Munition überzeugt war, als er sah, dass der als Polizist verkleidete Breivik auf ein Mädchen schoss und dieses zu Boden stürzte. „Dann sehe ich, wie er sie direkt in den Kopf schießt, wie der Kopf hart auf die Erde schlägt, und da verstehe ich: Das ist Ernst.“ Die Polizeiuniform, in der Breivik mordet, sie lässt die Situation noch makabrer wirken, macht sie für die Opfer noch unwirklicher, beängstigender. Ane Evenmo hatte es in ein Ruderboot geschafft, als sie den Uniformierten am Ufer auftauchen sah. „Ich winkte ihm zu, weil ich glaubte, jetzt sei die Rettung da. Da hob er die Waffe.“ Als Silja Uteng sich dem Festland näherte, sah sie dort Männer in schwarzer Uniform. „Da war ich bereit zu ertrinken, lieber das, als erschossen zu werden“, erzählt sie jetzt. Erst als sie hörte, wie die Männer die Schwimmenden anfeuerten und ihnen an Land halfen, verstand sie, dass der Albtraum vorbei war.

Ane Evenmo hat noch eine Schussnarbe am Knöchel, sie musste das Handballspielen aufgeben, der Fuß schmerzt zu sehr. Wie es ihr sonst gehe? „Halbwegs“, sagt sie. „Manche Tage sind besser als andere“, aber keiner vergeht, an dem sie nicht an Utøya denkt. „Vergessen kann man das nicht.“ So wie die anderen aus dem Camp nennt auch sie Breivik nicht beim Namen. „Er“, sagen sie, oder „der Täter“ oder „der Angeklagte“. „Wie bei Harry Potter mit Lord Voldemort“, meint die 17-Jährige lachend und einen Augenblick lang ist sie nicht eine junge Frau, die viel zu früh etwas viel zu Schlimmes erlebt hat, sondern ein großes Kind, so wie andere junge Menschen in ihrem Alter.

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