Politically Incorrect und die Neue Rechte
"Islamkritik" erreicht das bürgerliche Lager: Die Neue Rechte.

09. Mai 2012

Breivik-Prozess in Oslo: Überlebende von Utøya sagen erstmals aus

 Von Hannes Gamillscheg
Der geständige Attentäter Anders Breivik am Mittwoch im Gericht in Oslo. Foto: AFP

Die 24-jährige Tonje Brenna hat das Massaker von Utøya überlebt - weil sie sich tot stellte. Im Prozess gegen den rechtsradikalen Attentäter Anders Breivik berichtet sie als erste der Augenzeugen von den schrecklichen Ereignissen im Juni.

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Sie glaubte, ein Feuerwerk zu hören und fühlte sich „stark provoziert“, dass jemand so unbedachtsam sein konnte in dieser „aufgeregten Stimmung“, nur ein paar Stunden nach der Terrorbombe im Regierungsviertel in Oslo. Doch was sie hörte, waren keine Knallkörper, es waren tödliche Schüsse. Tonje Brenna, die 24-jährige Generalsekretärin des sozialdemokratischen Jugendverbandes AUF, hat sie unverletzt überlebt. Am Mittwoch war sie die erste der Augenzeugen des Massakers von Utøya, die im Prozess gegen den rechtsradikalen Attentäter Anders Breivik aussagte.


Auf Utøya sah sie den Mörder nicht. Im Gerichtssaal 250 in Oslos „Tingsrett“ saß er nur wenige Meter vor ihr, obwohl der Angeklagte aus Rücksicht auf die Zeugen eine Sitzreihe rückversetzt worden war. Breivik blieb unbewegt, so ungerührt, wie er davor den Obduktionsberichten von weiteren 12 seiner Opfer gelauscht hatte, darunter von zwei 14- und einer 15-Jährigen, die er ermordet hatte. Erst als die Zeugin geendet hatte, wurde der Angeklagte laut: als ihm direkte Fragen an sie verwehrt wurden, polterte er, dass er aus „politischer Korrektheit“ gehindert wurde, Brenna über die Ideologie von AUF zu verhören. Er wollte wissen, ob er sie befragen könne, wenn er seine Verteidiger entlasse und sich selbst verteidige, aber auch das ist nach geltender Rechtsordnung nicht möglich.

"Ich hörte ihn jubeln, wenn er traf"

Auf Utøya war Brenna, als sie das Knallen hörte, in Richtung des Lärms gelaufen, dann sah sie, wie wenige Meter vor ihr zwei Menschen zu Boden stürzten. „Ich glaubte erst, sie seien gestoßen worden“, aber dann verstand sie, dass sie erschossen waren. „Renn um dein Leben“, rief einer, und sie rannte. An Panik, Chaos, viele Verletzte kann sie sich erinnern, und wie sie mit ein paar Jungs, die die Ruhe bewahrten, die Flucht zu organisieren versuchte. Auf einem schmalen Steg, steil und glatt, rutschten die Fliehenden einen Hang hinunter, jeweils zwei und zwei. Unten standen andere und halfen ihnen in eine Felshöhle. Einige verbargen sich, andere schafften es nicht. „Dann kam er und schoss auf uns, ich weiß nicht, wie lange, es fühlte sich wie eine Ewigkeit an“, berichtete die junge Frau über die Minuten im Kugelhagel. „Ich hörte ihn jubeln, wenn er traf,“ sagt sie und Breivik schüttelt missbilligend den Kopf: die auch von anderen Zeugen bestätigten Jubelrufe bestreitet er.


Brenna berichtete von einem „Gefühl völliger Hoffnungslosigkeit“. Sie lag mit einem Mädchen, die nach einem Schuss in die Schulter heftig blutete und fror. „Ich versuchte, sie zu beruhigen. Morgen sitzen wir bei unseren Eltern und gucken Film“, flüsterte sie. Dann kam Breivik zurück. „Viele riefen um Hilfe, wir hörten Menschen in die Tiefe stürzen, auf Steine aufschlagen, ins Wasser fallen. Und ständig Schüsse.“ Steine lösten sich, einer traf sie im Nacken. „Ich dachte nur: Augen zu und ruhig“, daher sah sie ihn nicht, „die Strategie war, sich tot zu stellen.

Andere flohen schwimmend, sie versuchte es nicht. Schwimmend zu fliehen, das Mädchen an ihrer Seite war schwer verletzt, „und ich wollte sie nicht im Stich lassen“. So blieben sie liegen, bis endlich Hilfe kam. „Polizisten kamen und riefen: lebt hier jemand?“ Sie dachte, die müssten ruhig bleiben, auch Breivik trug ja eine Uniform. Dann kam ein Rettungsboot „und wir verstanden, dass diese Leute uns helfen wollten.“

Ziviler Helfer sagt vor Gericht aus

Auch einer der zivilen Helfer, die unter eigener Lebensgefahr viele Menschen retteten, kam am Mittwoch zu Wort. Oddvar Hansen, einer der Anrainer, hatte sein Motorboot gestartet, als er von der Schießerei hörte, und war zur Insel übergesetzt. Er sammelte Fliehende auf, bis sein Boot unter Beschuss genommen wurde. „Ich hörte den Schuss nicht, aber ich sah das Wasser aufspritzen, ich sah 20 bis 30 Menschen im Wasser und den Kugelhagel um die Schwimmenden.“

Später brachte er vier Mitglieder der Polizei-Spezialtruppe auf die Insel. „Wir rechneten damit, dass wir beschossen würden, aber Angst hatten wir da nicht“, berichtete er. Die Angst kam erst später, dennoch half Hansen die halbe Nacht, um Verletzte an Land zu bringen und nach Umgekommenen zu suchen. Er war einer von zahlreichen Campinggästen, deren Einsatz als entscheidend dafür gilt, dass bei dem Massaker nicht noch mehr Menschen ums Leben kamen. Breivik hatte damit gerechnet, dass die Fliehenden alle ertrinken würden. Doch er hatte nicht mit den Bootseignern gerechnet.

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