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Politically Incorrect und die Neue Rechte
"Islamkritik" erreicht das bürgerliche Lager: Die Neue Rechte.

14. Juni 2012

Breivik-Prozess Norwegen: "Breivik lebt in einer Blase"

 Von Hannes Gamillscheg
Die Verteidigung plädiert auf zurechnungsfähig: Breivik und sein Anwalt Geir Lippestad (re.). Foto: dpa

Der Breivik-Prozess steht vor der Entscheidung. Während Gerichtspsychiater über den Geisteszustand des rechtsradikalen Attentäters streiten, plädieren die Verteidiger auf "zurechnungsfähig" - weil Breivik es so wünscht.

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Kopenhagen –  

Der Prozess gegen den rechtsradikalen Massenmörder Anders Breivik ist mit den Erklärungen der Gerichtspsychiater in seine entscheidende Phase getreten. Am Donnerstag verteidigten die Gutachter Torgeir Husby und Synne Sørheim ihren Rapport, der Breivik für unzurechnungsfähig erklärte, gegen die massive Kritik aus Kollegenkreisen. Alle bis dahin als Zeugen gehörten Experten hatten Husbys und Sørheims These, dass der Täter psychotisch und paranoid schizophren sei, als unzutreffend verworfen.

Husby wehrte sich gegen die Vorwürfe mit einem scharfen Angriff auf die „Ferndiagnosen“ seiner Kollegen, die sich äußerten, ohne mit dem Täter gesprochen zu haben und ihn oft nur im Gerichtssaal beobachtet hatten. Nur er und seine Kollegin hätten Breivik observiert, als dieser noch unter dem frischen Eindruck seiner Taten stand und keinen Zugang zu Medien hatte. Als die vom Gericht um ein zweites Gutachten gebetenen Psychiater Agnar Aspaas und Terje Tørrissen ihre Untersuchungen aufnahmen, hatte Breivik sowohl den ersten Psychiatrie-Rapport wie die Berichterstattung in den Medien über seinen Fall gelesen und konnte daher sein Verhalten darauf abstimmen. Aspaas und Tørrissen stuften den Täter als narzisstisch und dissozial, aber zurechnungsfähig ein.

Breivik, der am 22.Juli des Vorjahres bei einem Bombenanschlag in Oslo und einem Massaker in einem Jugendlager auf Utøya 77 Menschen tötete, sieht seine Tat als „Notwehr“ eines „militanten Nationalisten“ gegen die „Zerstörung Europas“ durch Marxisten und Islamisierung und will unbedingt als zurechnungsfähig erklärt werden. In diesem Fall wartet eine lebenslange Verwahrung in einem Gefängnis auf ihn, andernfalls kommt er in eine psychiatrische Klinik, gleichfalls für den Rest seines Lebens.

Verfahren endet am nächsten Freitag

Den Vorwurf, Breivik falsch eingestuft zu haben, weil sie nicht die nötigen Kenntnisse über politischen Extremismus haben, wiesen Husby und Sørheim zurück. „Man zieht ja auch nicht theologische Expertise bei, wenn einer kommt und sagt, er sei Jesus“, sagte Husby. In ihrer Diagnose der Unzurechnungsfähigkeit stützten sie sich neben Breiviks eigenem „pathetisch egozentrischem“ Auftreten, seinem Größenwahn und seinen „bizarren Wahnvorstellungen“ auch auf die Aussagen seiner Mutter, die in einem Gespräch mit den Psychiatern von ihren großen Sorgen erzählte, die sie sich seit 2006 gemacht habe, als ihr Sohn sich veränderte, zu ihr nach Hause zog, alle Zeit vor dem Computer verbrachte, seinen Raum nicht mehr verlassen wollte und immer aggressiver wurde, wenn sie bei ihm anklopfte. 2010 notierte sie, dass er „völlig hinüber“ sei, „er redet nur von Politik und glaubt alles, was er sagt.“

Ganz anders hatten die Psychiatrie-Experten, die zuvor als Zeugen auftraten, den Täter beurteilt. Die Schizophrenie-Diagnose sei „ausgeschlossen“, waren sie sich einig, auch für eine paranoide Psychose spreche wenig. Er trete logisch und zielstrebig auf, Zwangsvorstellungen und Persönlichkeitsstörungen machten einen Täter nicht unzurechnungsfähig. Der Psychiatrieprofessor Ulrik Malt und Per Olov Nass, der Breivik als Vierjährigen untersucht hatte, glauben, dass dieser am Asperger Syndrom leide. „Als ich ihn sah, war mein erster Gedanke: was für ein einsamer Mensch,“ sagte Malt. Dies stelle Breiviks Zurechnungsfähigkeit jedoch nicht in Frage.

Auch Randi Rosenqvist, die Breivik in der Strafanstalt Ila beobachtete, sah „nichts, was auf Schizophrenie deutet“, aber einen Mann mit „grandiosen Gedanken“ über sich selbst und einem völlig verquerten Wirklichkeitsbild. „Er lebt in einer Blase und lügt so viel, dass er selbst an seine Lügen glaubt.“

Die Staatsanwälte wollen erst Ende nächster Woche in ihrem Schlussplädoyer darlegen, ob sie an ihrem Antrag auf Unzurechnungsfähigkeit festhalten. „Ungeachtet der endgültigen Diagnose erscheint er als kranker Mensch“, fasste Anklägerin Inga Bejer Engh ihre Eindrücke zusammen. Die Verteidiger wollen gemäß Breiviks Wunsch auf zurechnungsfähig plädieren. Das Verfahren endet am nächsten Freitag. Wann das Urteil fällt, ist noch unklar. Das Gericht nannte mit dem 20.Juli und dem 24.August zwei alternative Termine.

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