Es gibt nichts, was es im Internet nicht gibt: Nachrichten aus dem Regierungsviertel, aus der deutschen Provinz und aus dem Kosmos der Hollywood-Sternchen, Vergleichsrechner zum Auffinden der günstigsten Lebensversicherung oder des billigsten Begräbnisses, Videos und Musikdateien mit den neuesten (und natürlich auch den ältesten) Popsongs, ungefähr 1,07 Millionen (!) Rezepte für Spaghetti Bolognese, Doktorarbeiten zum Abschreiben, Partner zum Flirten oder zum Tauschen, Freunde auf Facebook, ein unendliches Geschnatter über alles und jedes bei Twitter ... Das Netz ist so bunt wie das Leben, so vielfältig wie die Gesellschaft.
Wie das reale Leben und die Gesellschaft auch, hat das Internet seine dreckigen und stinkenden Ecken. Es ist ein Tummelplatz für Kriminelle, für Betrüger und Abzocker aller Art. Es steckt voller Pornografie, es hält die übelsten Killerspiele für Halbwüchsige bereit – und es bietet eine Plattform für politische Extremisten jeglicher Couleur.
Über eine der vielen Schmuddelecken des weltweiten Netzes haben wir in den vergangenen zwei Wochen ausführlich berichtet: Unter dem Namen „Politically Incorrect“ finden sich Menschen zusammen, die einen Kreuzzug gegen den Islam führen. Sie sehen sich selbst als aufrechte Konservative, die im Gegensatz zur Politik und zu den etablierten Medien die Dinge beim Namen nennen.
In diesem und ähnlichen Foren bewegen sich rechte Intellektuelle, die eine ernsthafte Debatte über Islam und Christentum, über Kirchen und Ideologien führen wollen. Es sind zugleich Hetzer darunter, die geifernd und vulgär gegen alle zu Felde ziehen, die nicht Müller oder Meier heißen, sondern zum Beispiel Kiyak. Unsere Kolumnistin Mely Kiyak in diesem Netzwerk wüst beleidigt und beschimpft worden, wir haben den Fall dokumentiert.
Es geht nicht immer so handfest zu. Etwa, wenn auf den Seiten der „Islamkritiker“ über Mesut Özil geschrieben wird. Allen Ernstes wird dort diskutiert, ob Özil – in Gelsenkirchen geboren, deutscher Nationalität, bei Schalke 04 und Werder Bremen als Fußballer groß geworden – in der deutschen Nationalmannschaft spielen darf, wo er doch „Mohammedaner“ ist. Die Diffamierung kommt bisweilen plump daher, manchmal subtil. Es bleibt eine Diffamierung: der Andersdenkenden, der anders Aussehenden, der Andersgläubigen.
Was tun dagegen? Verbieten! Der Ruf ertönt, sobald im Netz etwas Anstößiges auftaucht. Recht und Gesetz müssen auch im Internet gelten, sagt zum Beispiel unser Innenminister Hans-Peter Friedrich von der CSU. Wer wollte dem etwas entgegensetzen? Niemand? Doch, die Piraten.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ein einfacher Grundsatz - und wie wir ihm zum Durchbruch verhelfen können.
Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.
Mit bis zu 60.000 Zugriffen am Tag gilt das Weblog als eines der größten islam-feindlichen Europas. Es bezeichnet sich selbst als proisraelisch und pro-amerikanisch und sieht sich als Vorkämpfer gegen die „Islamisierung Europas“.
In den Kommentarspalten findet sich regelmäßig ungefilterter Hass gegen Muslime und Integrations-Befürworter, die als politisch korrekte Gutmenschen verhöhnt werden.
Als im Dresdener Landgericht die schwangere Ägypterin Marwa er-Sherbini erstochen wurde, jubilierte ein PI-Nutzer über den Tod der „verschleierten Kopftuchschlampe“ - „und noch dazu ein Moslem im Bauch weniger!“
Die PI-Macher verweisen darauf, dass sie zu wenige Leute hätten, um jeden problematischen Kommentar zu löschen. Die PI-Leitlinien dulden keine „verleumderische, ehrverletzende oder beleidigende“ Kommentare. Das aber nur, sofern sie sich „gegen die PI-Blogger“ richten.
Wissenschaftlicher Aufsatz von Karin Priester der auch auf das Umfeld von "PI" eingeht: Fließende Grenzen zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Europa? in: "Aus Politik und Zeitgeschichte" (44/2010).
Antwort der Bundesregierung auf Anfrage der Linkspartei, warum die Islamhasser-Szene nicht vom Verfassungsschutz beobachtet wird (PDF-Datei, 05.09.2011).
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.
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