Kein Verrückter mit Wahnvorstellungen, sondern ein Terrorist mit klarem ideologischem Weltbild: das ist das Bild, das politische und historische Experten im Terrorprozess von Oslo vom rechtsradikalen Attentäter Anders Behring Breivik zeichnen. Doch Breivik ist ein Mörder ohne Gefolgschaft. Selbst die extremsten Islamfeinde distanzierten sich im Zeugenstand von den Handlungen des Angeklagten.
Ronny Alte, Mitbegründer der antimuslimischen „Norwegian Defence League“, behauptet, dass Breiviks Methoden höchstens von „vielleicht hundert Leuten in der ganzen Welt“ gebilligt würden. Arne Tumyr, Leiter der Gruppe „Stopp der Islamisierung“, bezeichnete den Islam als „Terrorbewegung“. Tore Tvedt, Gründer der Neonazi-Plattform „Vigris“, nannte Norwegen einen „Terrorstaat“, der sich im Krieg befinde. Menschen wie er seien „ethnischer Säuberung“ ausgesetzt.
Doch auch diese beiden Rechtsradikalen behaupteten, Gewalt als Kampfmittel abzulehnen. Breiviks Verteidiger hatten die Zeugen geladen, um zu belegen, dass ihr Klient mit seinen Ansichten nicht alleine stehe.
Zahlreiche weitere Zeugen aus dem ideologischen Umfeld Breiviks hatten sich ihrer Aussagepflicht entzogen, darunter auch der als „Fjordman“ bekannte Blogger Peder Nøstvold Jensen, den Breivik als wichtigste Inspirationsquelle nennt und in seinem Manifest ausführlich zitierte. Die Bewunderung ist einseitig: Jensen bezeichnet Breivik als „Wikipedia-Terrorist“ und „ungebildeten Popanz mit Gotteskomplex“.
Die geladenen Expertenzeugen sind sich einig, dass Breivik in einem klaren faschistischen und „kontra-jihadistischen“ Kontext stehe. „Breivik ist kein Mysterium, sondern das Produkt eines politischen Milieus und einer langen Tradition“, sagte der Religionswissenschaftler Mattias Gardell.
Islamphobie, Kulturkonservatismus und Antifeminismus seien die Grundpfeiler seiner Ideologie. Breivik sei Faschist, stellt der Ideehistoriker Terje Emberland fest. Sein Selbstbild und seine Symbolik entsprächen denen von SS-Soldaten, seine Bekümmerung um die „weiße Rasse“ habe Wurzeln sowohl in der White Power-Bewegung wie in nationalsozialistischen „Lebensborn“-Programmen.
Breivik sehe Europa vor dem Untergang, ausgelöst werde die Katastrophe durch eine marxistisch-muslimische Konspiration, die durch einen „reinigenden Bürgerkrieg“ bekämpft werden müsse. Dies sei die Lieblingsthese der kontra-jihadistischen Verschwörungstheoretiker, unterstreichen die Experten. So seien Breiviks Haltungen zwar wahnsinnig, aber nicht im Sinne von geisteskrank, meint Gardell: „Wenn man alle einsperren wollte, die so denken, müsste man gigantische Anstalten bauen.“ Für den Angeklagten geht es in dem Prozess vor allem darum, als zurechnungsfähig eingestuft zu werden und die Einweisung in ein „Irrenhaus“ zu vermeiden.
Als Terrorist unterscheide sich Breivik durch das Ausmaß und die Wahl seiner Opfer von anderen Attentätern, sagte der Extremismusexperte Øjvind Strømmen. Als Vergleich zu dem Utøya-Massaker fiel ihm nur der mutmaßlich tschetschenische Angriff auf eine Schule in Beslan ein: „unbewaffnete Jugendliche anzugreifen, ist auch für Terroristen untypisch“. Breivik widersprach: die Opfer in Beslan seien Schulkinder gewesen, in Utøya „extreme politische Aktivisten“.
Laut Terrorforscher Tore Bjørgo wollte Breivik mit seiner Aktion eine Radikalisierung der Gesellschaft vorantreiben. Er erwartete, dass der Staat mit „Hexenjagd und Zensur“ antworten werde. Dies wiederum werde radikale Nationalisten zum Widerstand wecken. Diese Strategie sei ein „Fiaskokonzept“, das stets misslungen sei, sagte Bjørgo und verwies auf das Beispiel der deutschen RAF.
Breivik selbst versuchte in einem Verhör mit seinen Verteidigern zu erklären, warum er radikalisiert und zum Islamhasser geworden sei. Seine „Beweiskette“ entpuppte sich als kümmerlich: sie reichte von seinem Fahrrad, das von einem Türken zerstört wurde, als Breivik sieben war, über eine stinkende Abfalltüte, die eine Flüchtlingsfamilie angeblich vor die Tür seiner Mutter stellte, bis zu ein paar physischen Konfrontationen mit muslimischen Gleichaltrigen.
In den meisten dieser Fälle habe er darauf verzichtet, sich zur Wehr zu setzen, da er „unanständige und unzivilisierte Gewalt“ ablehne, sagte der Mann, der 77 Menschen ermordete.
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