kalaydo.de Anzeigen

Politically Incorrect und die Neue Rechte
"Islamkritik" erreicht das bürgerliche Lager: Die Neue Rechte.

17. Juli 2012

Verfahren gegen Breivik: Norwegen heilt seine Wunden

 Von Hannes Gamillscheg
Das verwüstete Regierungsgebäude in Oslo am 22. Juli 2011.  Foto: afp

Ein Jahr nach Breiviks Anschlägen versucht Norwegen immer noch, sein Trauma zu verarbeiten. Nach den Attentaten wird das Land nun toleranter und weltoffener.

Drucken per Mail

Ein Jahr nach Breiviks Anschlägen versucht Norwegen immer noch, sein Trauma zu verarbeiten. Nach den Attentaten wird das Land nun toleranter und weltoffener.

Oslo –  

Velkommen, Bienvenido, Welcome! Mit bunten Bannern auf der Flaniermeile Karl Johan heißt Oslo seine Besucher willkommen, sogar auf Japanisch. Die Sonne blinzelt durch die Wolken, es ist kühl, regnerisch, norwegischer Sommer halt. Doch die Leute lächeln, am Markt gibt’s heimischen Erdbeeren, nebenan Waffeln mit „Krem“, der süßen Sahne. Oslo gleicht sich selbst in diesen Tagen, es ist fast so wie vor einem Jahr, ehe am 22. Juli 2011 eine Bombe und ein Massaker das Land für immer veränderten.

Von dem Grauen von damals ist nur auf den zweiten Blick noch was zu sehen. Vorm Dom hat man aus Pflastersteinen ein riesiges Herz gebildet, gefüllt mit Blumentöpfen und Fotos der Opfer von damals, „zutiefst vermisst“. In der Kirche hängt ein Bildzyklus „Gedenken“ der Künstlerin Borgny Svalatsog, mit Themen wie Sommer, Dunkel, Klagelied, Parade der Rosen. Richtung Innenstadt, sind dann die mit Gucklöchern versehenen Absperrungen vor der zerbombten Ruine des Regierungsblocks.

Schilder warnen immer noch vor Glasscherben

Kränze und ein Rockkonzert

Am Sonntag begeht Norwegen mit zahlreichen Gedenkfeiern den Jahrestag der Attentate von Oslo und Utøya.

Die Insel Utøya, wo Breivik 69 Menschen tötete, wird für die Hinterbliebenen geöffnet. Die sozialdemokratische Jugend hält dort eine Gedenkstunde.

In Oslo finden eine Kranzniederlegung am Regierungsblock und ein Gottesdienst im Dom statt. Auf dem Rathausplatz gibt es ein Gedenkkonzert norwegischer Künstler.

Gerüchten zufolge wird auch US-Rockstar Bruce Springsteen dabei sein.

80.000 Quadratmeter Gebäude hat die Bombe zerstört, 2000 Arbeitsplätze. Acht Menschen sind hier gestorben. „Wie soll ich den 22. Juli vergessen können, wenn ich täglich hier vorbeigehen muss?“, fragt die 58-jährige Lis Andersen, die auf dem Weg von der Arbeit immer vor dem gegenüber gelegenen Haus der Zeitung VG Halt machte, um im Aushang die Schlagzeilen zu studieren. Auch am 22. Juli 2011 kam sie vorbei, „weil Freitag war, eine halbe Stunde früher als sonst“. Das hat ihr vielleicht das Leben gerettet. Denn eine halbe Stunde später detonierte die Bombe.

Im Schaukasten von VG ist immer noch die Zeitung jenes Tages hinter zersplittertem Glas, zur Erinnerung. An der Bushaltestelle hängen Warnschilder „Achtung, Glasscherben“ mit der Zeichnung eines Jungen mit blutigem Knie. Ganz entfernen können wird man die Millionen Splitter, die damals das Viertel übersäten, nie.

Und auch ins Denken hat sich das, was damals geschah, eingeätzt, unauslöschlich. „Solange wir leben, werden wir einander am 22. Juli ansehen und sagen ‚Nie wieder!‘“, sagt der Soziologe Thomas Hylland Eriksen. „Welche Konsequenzen wir daraus ziehen werden, das wird sich zeigen.“

Die kollektiven Reaktionen auf die Verbrechen des Rechtsradikalen Anders Breivik haben international Bewunderung ausgelöst, von Ministerpräsident Jens Stoltenbergs Wort, die Antwort auf die Anschläge heiße noch mehr Demokratie und Offenheit, bis zum würdig geführten Prozess gegen den Massenmörder. Das Rosenmeer und gemeinsames Singen sind das, was bleiben, keine hasserfüllten Demonstrationen oder der Ruf nach dem Strang.

Haltung gegenüber Einwanderern hat sich gebessert

Die Reaktionen der Einzelnen sind auch ein Jahr später noch von Verzweiflung und Wut geprägt, von Fassungslosigkeit und Mut – nur von Gleichgültigkeit nie, egal, ob die Menschen persönlich betroffen waren oder nur als Mitglieder einer erschütterten Gesellschaft. „Das Muster ist typisch“, sagt die Sozialanthropologin Erika Fatland, die die Massaker von Oslo und Utøya mit dem Geiseldrama in der Schule von Beslan 2004 verglich. Erst die Erschütterung, dann der Versuch der Verdrängung, dann die Suche nach Sündenböcken, ehe die Bewältigung einsetzt. „Niemand wird je vergessen, was geschah. Doch die Folgen einer einzelnen Tat für ein ganzes Land bleiben dennoch begrenzt.“

90 Prozent sagen jetzt, sie seien stolz, Norweger zu sein – mehr als je zuvor. Die Haltung gegenüber Einwanderern hat sich gebessert. „Der Fall Breivik hat Fremdenhass und Islamphobie in einem Maß stigmatisiert, das sich positiv auswirken wird“, glaubt der Jurist Cato Schøtz. Doch Jugendliche anderer Herkunft sagen weiterhin, sie fühlten sich als Pakistaner oder Türken, selbst wenn sie in Norwegen geboren sind. Nach dem Massaker im sozialdemokratischen Jugendlager flogen der Arbeiterpartei Sympathien zu, die rechte Fortschrittspartei, deren Mitglied Breivik zeitweilig war, war verpönt. Jetzt liegt sie wieder bei 20 Prozent, doch sie ist weiter zur Mitte gerückt, hat die aggressive Rhetorik gedämpft. Die Konservativen haben die Sozialdemokraten überflügelt. Wären jetzt Wahlen, müsste der hoch gelobte Stoltenberg in die Opposition.

Ist es ein anderes Norwegen geworden? „Die Werte, die früher galten, gelten auch jetzt“, sagt Per Anders Madsen von der Zeitung Aftenposten. Außenminister Jonas Gahr Støre hatte es seinen Landsleuten schon am 23. Juli versichert: „Ihr wacht in einem Norwegen auf, das verändert und sich doch gleich ist.“ Es gibt auch wieder Jugendlager. Auf Bjørkøya fand das erste dieses Sommers statt, streng abgesichert. Doch als sich die erste Nervosität gelegt hatte, war es „schön wie immer“, sagten die, die dort waren.

Trotz des Gelübdes der Offenheit: Das Regierungsviertel wird künftig nicht mehr nur von einem Schild „Zufahrt nur nach Absprache mit dem Wachdienst“ geschützt werden, wie vor dem Attentat. Justizministerin Grete Faremo möchte das Anti-Terrorgesetz verschärfen, das dem Geheimdienst PET mehr Überwachung, Internetkontrolle und leichter präventive Aktionen ohne richterliche Genehmigung erlauben soll. Mit dem Verbot, Informationen „im Hinblick auf künftige Terrorhandlungen“ zu sammeln, will man Soloattentätern das Handwerk legen.

Geheimdienst auf dem rechten Auge blind

Die Terror-Schlagzeilen der Medien gehörten zuletzt nicht mehr Breivik, sondern einem anderen Norweger: einem Islam-Konvertiten, der angeblich in Jemen ausgebildet und von Al Kaida aktiviert wurde. Er war früher im linksradikalen Milieu. Da blinkten bei PET alle Warnlampen. Breivik dagegen konnte seine mörderischen Pläne jahrelang unentdeckt aushecken, denn auch in Norwegen ist der Geheimdienst auf dem rechten Auge blind. „Unser manchmal hochtrabendes moralisches Nationalgefühl wurde stark angekratzt, als sich das Böse als 100 Prozent made in Norway herausstellte“, sagt Hylland Eriksen. „Es war nützlich, daran erinnert zu werden, dass wir nicht besser als andere sind.“

Erst kommt nun der Jahrestag der Anschläge, dann wird im August die „22.-Juli-Kommission“ ihre Erkenntnisse vorlegen, dann folgt das Urteil gegen den Täter. All das wird schmerzen. Doch „wir stehen als Nation nicht traumatisiert da, sondern mit einer Gesellschaftstemperatur, die sich wieder dem Normalen nähert“, beschreibt der Publizist Harald Stanghelle den Zustand des Landes. „Man sagt, die Zeit heile alle Wunden“, sagt Per Anders Madsen. „Das stimmt nicht. Aber man lernt, mit ihnen zu leben.“

Jetzt kommentieren

Spezial
Rechte Proteste gegen den Bau der Kölner Zentralmoschee (Archivbild).

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.

Diskussion im FR-Depot

Vor den Morden der rechtsradikalen Terrorzelle NSU hat kein Verfassungsschützer gewarnt. Aber wer hat wie viel über die Neonazis gewusst? Eine Diskussion von FR und Humanistischer Union am Donnerstag, 6. September, im FR-Depot.

Stichwort

Mit bis zu 60.000 Zugriffen am Tag gilt das Weblog als eines der größten islam-feindlichen Europas. Es bezeichnet sich selbst als proisraelisch und pro-amerikanisch und sieht sich als Vorkämpfer gegen die „Islamisierung Europas“.

In den Kommentarspalten findet sich regelmäßig ungefilterter Hass gegen Muslime und Integrations-Befürworter, die als politisch korrekte Gutmenschen verhöhnt werden.

Als im Dresdener Landgericht die schwangere Ägypterin Marwa er-Sherbini erstochen wurde, jubilierte ein PI-Nutzer über den Tod der „verschleierten Kopftuchschlampe“ - „und noch dazu ein Moslem im Bauch weniger!“

Die PI-Macher verweisen darauf, dass sie zu wenige Leute hätten, um jeden problematischen Kommentar zu löschen. Die PI-Leitlinien dulden keine „verleumderische, ehrverletzende oder beleidigende“ Kommentare. Das aber nur, sofern sie sich „gegen die PI-Blogger“ richten.

Wissenschaftlicher Aufsatz von Karin Priester der auch auf das Umfeld von "PI" eingeht: Fließende Grenzen zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Europa? in: "Aus Politik und Zeitgeschichte" (44/2010).

Antwort der Bundesregierung auf Anfrage der Linkspartei, warum die Islamhasser-Szene nicht vom Verfassungsschutz beobachtet wird (PDF-Datei, 05.09.2011).

Spezial

Die große Aufbereitung des Nationalsozialismus: Rückblick auf den Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main.

FR-Themen
Zeitunglesen macht klug - Rundschau-Lesen macht klüger.

Unbequeme Recherchen, aufgedeckte Skandale: Die FR legt den Finger in Wunden. Journalistische Höhepunkte aus sechs Jahrzehnten.

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Video
Geburtsstunde der FR
Im Kellergeschoss des Hauses zwischen Schillerstraße und Großer Eschenheimer Straße: In einem schlichten Festakt überreichte General Roger McClure, Kommandant der Abteilung für die Nachrichtenkontrolle der US-Armee, sieben Männern die Zulassungsurkunde, mit denen sie als Lizenzträger die Frankfurter Rundschau herausgeben durften. Von links nach rechts: General McClure, Kommandant der Abteilung für die Nachrichtenkontrolle der US-Armee (mit Lizenz), Arno Rudert, Paul Rodemann, Wilhelm Knothe, Otto Grossmann, Wilhelm Karl Gerst, Hans Etzkorn und Emil Carlebach.

In der Nacht zum 1. August 1945 kamen die Rotationsmaschinen der ehrwürdigen Frankfurter Zeitung wieder auf Touren - Blick zurück ...

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Textimport

Verfolgen Sie unsere Nachrichten in Ihrer Lieblingsdarstellung - via RSS-Feed. Für Ihren Windows-PC bieten wir sogar einen kostenlosen Newsreader an. Informationen im Digital-Bereich.

Spezial

Katholische Kirche und Reformpädagogik unter Druck: Immer mehr Fälle sexuellen Missbrauchs werden bekannt.

Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Spezial
Der Deutsche Herbst

Hanns Martin Schleyer als Geisel der RAF: Das Bild steht wie kein anderes für den "Deutschen Herbst". Die FR blickt zurück in das Jahr 1977, als der Terror das Land schockte.

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?