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Gespräche: Die neuen Einmischer

In Zeiten der Bürgerproteste engagieren sich auch Schriftsteller auf ihre Weise. Thomas Wagner hat Gespräche, die Autoren führten, gesammelt.

SPD-Wahlkampf 1985 mit Willy Brandt und Günter Grass (r.).  Foto: dpa

Im ARD-Büchermagazin „Druckfrisch“ plauderte der Schriftsteller Heinrich Steinfest mit Moderator Dennis Scheck über das politische Engagement der Literatur im Allgemeinen und Steinfests Einwände gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 im Besonderen. Manch ein Zuschauer mag sich verwundert die Augen gerieben haben. Ist die Figur des engagierten Schriftstellers nicht längst für tot erklärt und in dickleibigen Literaturgeschichten beerdigt worden, nachdem der Staatssozialismus in Europa zusammengebrochen ist und sich die französischen Intellektuellen von Deleuze über Foucault bis Baudrillard ihres geistigen Übervaters Sartre entledigt haben?

Dieser hatte nach dem Sieg über den Faschismus die erste Ausgabe seiner Zeitschrift Les Temps Modernes 1945 mit dem Appell eröffnet, die Schriftsteller sollten mehr Verantwortung übernehmen und für die öffentlichen Belange eintreten. Die Nachkriegsjahrzehnte verbinden sich in der Erinnerung der Zeitgenossen mit Namen engagierter Autoren wie Brecht, Frisch, Böll, Weiss und vielen anderen. Nach dem dem Ende des Sozialismus in Europa aber gilt auch das Engagement der Literaten als passé. Der Schriftsteller und Juryvorsitzende des Ingeborg-Bachmann-Preises, Burkhard Spinnen, sieht die Ursache dafür in den Umstand, „dass Links nicht mehr rockt“. Gerade über jüngere Autoren wird oft gesagt, sie meldeten sich kaum je zu Wort, wenn es um politische Fragen geht. Kommentare zu wichtigen gesellschaftlichen Entwicklungen kenne er keine, schrieb der Romancier Thor Kunkel. Jeder Fußballer, jede Viva-Moderatorin mische sich provokanter in die Tagespolitik ein.

Spinnen und Kunkel sprechen eine Ansicht aus, die unter Literaturwissenschaftlern, Feuilletonisten und selbst unter Autoren weit verbreitet ist. Und haben sie nicht recht? Hatte nicht Michael Kumpfmüller, Romancier und Journalist, der auch in der Berliner Politik seine Stoffe findet, noch 2008 seine Aufgabe als Schriftsteller ausdrücklich nicht darin gesehen, das Tun eines Innenministers zu kritisieren, sondern darin, Lesern dessen schwierigen Arbeitsbedingungen literarisch näherzubringen?

Tatsächlich schienen eine Weile lang ungewollt ausgerechnet jene unter den jüngeren Autoren die Diagnose vom Ende der engagierten Literatur zu bestätigen, die sich im klassischen Sinne parteilich zeigten und sich für den Wahlkampf der SPD einspannen ließen. Als Juli Zeh und andere 2005 einem Ruf von Günter Grass folgten und für die Wiederwahl von Kanzler Gerhard Schröder warben, wirkte das politisch eher einfallslos und angepasst. Schriftstellerin Tanja Dückers vermisste bei ihren Kollegen damals einen utopischen Überschuss der Literatur: „Wenn Literatur sich mit Politik beschäftigt, sollte sie nicht den Status quo bestätigen (dafür sind die Realpolitiker da), sondern den schlechten Ist-Zustand mit dem vergleichen, was möglich wäre. Gute Literatur verhält sich in diesem Sinne wie gute Musik: Sie transzendiert die Realität und vermittelt für einen Moment die Aussicht auf ein besseres Leben. Welche Utopie in der Unterstützung für Hartz IV liegen soll, ist hingegen völlig schleierhaft.“

Engagiert in Dückers’ Sinn sind eher jene Autoren, die sich den klassischen Zielen verpflichtet fühlen, an die ein ehemalige Diplomat und Résistance-Kämpfer gerade noch einmal nachdrücklich erinnerte: „Wir alle sind aufgerufen, unsere Gesellschaft so zu bewahren, dass wir auf sie stolz sein können: nicht diese Gesellschaft der in die Illegalität Gedrängten, der Abschiebungen, des Misstrauens gegen Zuwanderer, in der die Sicherung des Alters, die Leistungen der Sozialversicherung brüchig geworden sind, in der die Reichen die Medien beherrschen“, heißt es in Stéphane Hessels Streitschrift „Empört Euch“. Nicht um Reklame für das jeweils geringere Übel auf der Regierungsbank, schon gar nicht um literarische Einfühlung in die geschundene Seele eines Spitzenpolitikers geht es also beim literarischen Engagement, sondern um Empathie und konkrete Solidarität mit den Benachteiligten.

Die neuen Kampfschriften

Hessels Appell richtet sich an alle Bürger. Schriftsteller verfügen jedoch über besondere Fähigkeiten. Vor allem können sie schreiben und damit Denkanstöße so kommunizieren, dass sie von den Menschen auch verstanden werden. Das ist umso nötiger, als auf eine Reihe ehemaliger Bastionen kritischen Denkens immer weniger Verlass ist. Parteien und Gewerkschaften bilden kaum eigene Geistesarbeiter heran. Der wissenschaftliche Nachwuchs ist heute meist viel zu sehr in Karrierezwänge und kleinteilige Forschungsthemen eingespannt, als dass ein nennenswertes öffentliches Engagement für die großen Fragen des Gemeinwohls hier noch wahrscheinlich ist.

Radikale Anstöße zu wichtigen Zukunftsfragen kommen dagegen wieder vermehrt von Berufsschreibern. Symptomatisch ist die Zunahme politischer Kampfschriften von Romanciers in den vergangenen fünf Jahren. Den Anfang machten 2006 Robert Menasses Frankfurter Poetikvorlesungen „Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung“, eine sprachgewaltige Kampfansage gegen den Demokratieabbau im Fortschreiten des europäischen Einigungsprozesses. Ilija Trojanow publizierte mit Ranjit Hoskote zunächst einen „Kampfabsage“ (2007) betitelten Essay, der als Replik auf Huntingtons Kampf der Kulturen wahrgenommen wurde. Es folgte eine scharfe Polemik von ihm und Juli Zeh gegen den Abbau der Bürgerrechte im Zeichen des internationalen Antiterrorkampfes, die unter dem Namen „Angriff auf die Freiheit“ (2009) ein Bestseller wurde.

Dietmar Dath konnte mit seinem schmalen Buch „Maschinenwinter“ (2008) und einer Rosa-Luxemburg-Einführung wohl auch deshalb viele junge Leser begeistern, weil er ein klares, unverbrauchtes Deutsch zu schreiben in der Lage ist, das ganz ohne Phrasendrescherei auskommt. Auch das Gesprächsbuch „Die Vermessung der Utopie“ (2009), das der Berliner Romancier und Übersetzer Raul Zelik gemeinsam mit dem Ökonomen Elmar Altvater verfasst hat, gehört hierher.

Um zum Beispiel Stuttgart 21 zurückzukehren: Der Widerstand gegen das Bahnprojekt hat auffallend viele Krimi-Autoren zu literarischen und politischen Aktivitäten inspiriert. Klaus Wanninger, Michael Krug, Stefanie Wider-Groth und Heinrich Steinfest schrieben Romane, für die der Widerstand gegen das Bahnhofsprojekt teils willkommenes Material darstellte oder sogar eindeutig auf Seiten der S21-Gegner Partei ergriffen. Wolfgang Schorlau stellte sich darüber hinaus als Herausgeber des Sachbuchs „Stuttgart 21 – Die Argumente“ zur Verfügung.

Warum aber wird dieses Engagement der Literaten noch so wenig registriert? Das hängt zum einen wohl damit zusammen, dass populäre Genres wie der Krimi, Science Fiction oder Reisebücher im deutschen Feuilleton zum Teil immer noch mit spitzen Fingern angefasst und für eine ernsthafte Auseinandersetzung nicht für würdig befunden werden. Zum andern hat schon vor Jahren ein konservativer Geist in vielen Redaktionsstuben Einzug gehalten. Wenn sie nicht acht geben, verschlafen unsere Kulturredaktionen das neue Engagement der Literatur – so wie vor ihnen viele Politiker den Aufbruch der Bürger.

Thomas Wagner hat zum Thema ein Buch mit Gesprächen veröffentlicht: „Die Einmischer. Wie sich Schriftsteller heute engagieren“, Argument Verlag, 213 S., 15,90 Euro.

Autor:  Thomas Wagner
Datum:  22 | 4 | 2011
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