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Lektor Raimund Bezold im Interview: Die Neugierde ist nicht kaputt zu kriegen

Gerade mit dem Taschenbuch gelang, was später auch dem Internet zugeschrieben wurde: die Demokratisierung der Bildung. Legendär wurde manche Reihe – mittlerweile muss man dazu zweifellos auch „C.H.Beck Wissen“ zählen. Wie die Reihe produziert wird, erklärt Lektor Raimund Bezold im FR-Interview.

Keine Bildung ohne tief gestaffeltes Wissen.  Foto: dapd

Gerade mit dem Taschenbuch gelang das, was später auch dem Internet zugeschrieben wurde: die Demokratisierung der Bildung. Legendär wurde manche Reihe – mittlerweile muss man dazu zweifellos auch „C.H.Beck Wissen“ zählen.

Herr Bezold, Sie organisieren im C. H. Beck Verlag die Reihe C. H. Beck Wissen. Wie kamen Sie dahin?

Ich habe Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert, wollte nicht Lehrer werden, war freier Journalist und habe in einem geisteswissenschaftlichen Fachverlag gearbeitet. 1988 kam ich zu C. H. Beck. 1995 erschien dann der erste Band der Reihe „C. H. Beck Wissen“. Inzwischen sind es fünfhundert Bände mit einer Gesamtauflage von fünf Millionen Exemplaren.

Eine Erfolgsgeschichte.

Ja.

Wie ging es los?

Zur Person

Raimund Bezold, Jg. 1952, war nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie einige Jahre in einem geisteswissenschaftlichen Fachverlag tätig. Seit 1988 ist er Lektor im Verlag C. H. Beck. Er hat zusammen mit Kollegen die Buchreihe „C. H. Beck Wissen“ entwickelt, in der seit 1995 500 Bände erschienen sind.

Anfang der neunziger Jahre begannen meine Kollegen und ich, uns Gedanken über eine solche Reihe zu machen. Einer der Anstöße war sicherlich eine Rede des damaligen DFG-Präsidenten Wolfgang Frühwald auf einer Tagung der Naturforscher und Ärzte, in der Frühwald angesichts der rapiden Wissensvermehrung und der Spezialisierung eine „Laisierung“ der Wissenschaft forderte. Unsere Buchreihe sollte auf die Probleme der Vermittlung von Wissenschaft und Öffentlichkeit mit einem neuen Konzept reagieren.

Wie sah das Konzept aus?Es ging darum, drei Punkte in ein balanciertes Verhältnis zu bringen. Erstens: „Laisierung“ gegen Spezialisierung. Es fehlte eine interdisziplinäre Buchreihe, in der man sich als Nichtspezialist über das informieren kann, was in den Wissenschaften vor sich geht. Zweitens: Keiner hat Zeit, außerhalb seines eigenen Spezialgebietes oder seines Berufes dicke Bücher zu lesen, die es natürlich zu allem und jedem gibt. Unsere Bücher sollten so knapp sein, dass man sie an einem Wochenende lesen kann. Drittens: Kompetenz. „Laisierung“ darf nicht mit Trivialisierung verwechselt werden. Ausgezeichnete Autoren sind gerade dann wichtig, wenn sich die Bücher auf das Wichtigste konzentrieren müssen und komplizierte Sachverhalte für jeden verständlich dargestellt werden sollen. Dass wir für die Reihe ausgezeichnete Autoren gewinnen konnten, wird uns immer wieder bestätigt. In einer Rezension hieß es: „In der Reihe C. H. Beck Wissen schreibt die wissenschaftliche Prominenz.“

Wer sucht die Themen aus? Das geht nur im Team. Nicht nur wegen der Menge der Titel, sondern auch weil die Wissensgebiete zu weit auseinander liegen. Natürlich sind wir auch auf Beratung von Außen angewiesen. Aber wir können uns, was die Kernkompetenz des Verlags betrifft, also Geschichte, Geistesgeschichte, Philosophie, Kunstgeschichte, doch sehr gut auf das wissenschaftliche Lektorat des Hauses verlassen. Alle Lektoren schlagen Themen vor und betreuen die Einzelbände. Wir hatten von Anfang an lange Themenlisten, und sie werden nicht kürzer.

Gehen Sie bei der Themenauswahl systematisch vor?

C. H. Beck Wissen wird oft als enzyklopädische Buchreihe bezeichnet, als Universalenzyklopädie in Einzelbänden. Dies ist insofern richtig, als sich jedes denkbare Wissensthema prinzipiell für einen Band eignet. In der Praxis erfolgt die Themenauswahl aber nicht nach streng systematischen Gesichtspunkten. Mindestens genauso wichtig ist, ob uns ein Thema interessant erscheint, und natürlich, ob ein Band voraussichtlich genug Leser finden wird. Das ist, wenn Sie so wollen, ein Aspekt, der völlig jenseits einer enzyklopädischen Systematik liegt.

Woher wissen Sie im Voraus, was die Leser interessiert?

Klar, diese Frage stellt sich allen Verlagen dieser Welt. Es gibt gewiss etliche objektive Kriterien für solche Prognosen, aber man braucht auch ein Gespür für interessante Themen, und gelegentlich liegt man auch daneben. Aber wenn ein Thema schon einen selbst und die Kollegen nicht interessiert, ist die Chance gering, dass die Leser das völlig anders sehen. Von Anfang an gab es übrigens eine große Leserresonanz mit Vorschlägen für neue Themen, die wir sammeln und sorgfältig auswerten. Neuerdings kommen solche Vorschläge häufig über unsere Website ins Haus, auf der man einen Button „Leserwünsche“ anklicken kann.

Was wissen Sie denn über die realen Leser dieser Bücher?Vor einigen Jahren haben wir durch ein Marktforschungsinstitut die Leserstruktur untersuchen lassen. Wenn dessen Zahlen stimmen, nutzen die Leser die Bände überwiegend privat und nur selten beruflich. Die studentischen Nutzer liegen etwa in der Mitte. Das heißt, die Zielgruppe, die wir erreichen wollen, erreichen wir tatsächlich. Es ist ein durchschnittlich gebildetes Publikum, aber ohne Fachkenntnisse. Den Autoren der Reihe raten wir, sich beim Schreiben als idealen Leser keinen Fachkollegen und keinen Studenten des eigenen Faches vorzustellen, sondern eher Studenten der Nachbarfächer oder eben einen neugierigen Zeitgenossen. Ulrich Raulff hat einmal in einem Zeitungsartikel witzig über die Reihe geschrieben: „Auf Anhieb erkennt man die Zielgruppe: Es ist jedermann.“

Wie lange dauert es bis ein Band fertig ist?Das ist natürlich sehr unterschiedlich. Manchmal haben wir eine Idee und auch einen Autor. Dann geht es ganz schnell. Nicht selten suchen wir jahrelang nach dem passenden Autor für ein Thema. Bei den großen, „überzeitlichen“ Themen ist das kein Schaden. Bände zu aktuellen Fragen wie etwa „Klimawandel“ oder „Wirtschaftskrisen“ müssen zeitnah erscheinen. Bei bestimmten medizinischen Themen, z.B. „Psychopharmaka“, muss es in kurzen Zeitabständen Neuauflagen geben, um den sich rasch ändernden Forschungsstand zu berücksichtigen.

Mich fasziniert an der Buchreihe, dass sie so etwas ist wie eine niemals endende Bibliothek. Heute erscheint darin ein Band über englische Geschichte und morgen einer über Cromwell. Einer übers zwanzigste Jahrhundert und einer über das Unternehmen Barbarossa. Man kann mal das Mikro- und mal das Teleskop anlegen. Es ist Platz für jede Sicht.Das ist die eine Sache. Die andere ist, dass der Umfang stets derselbe ist. Die Bände haben in der Regel 128 Druckseiten. Je größer das Thema, desto wichtiger wird die Frage des Fokus. Den begrenzten Umfang sehen viele Autoren zunächst als Schwierigkeit, ja als Hindernis, doch dann entdecken sie darin gerade den besonderen schriftstellerischen Reiz. Das knappe Format ist etwas für Könner. Und dass die Reihe Platz für jede Sicht biete, sollte man nicht missverstehen. C. H. Beck Wissen steht für verlässliche Information, also eher für wissenschaftlichen Mainstream als für Außenseiterpositionen. Weil die Leser selbst keine Fachleute sind, müssen sie sich auf die Informationen verlassen können.

500 Bände sind erschienen. Das ist sehr viel, aber doch sehr wenig im Vergleich zu dem, was Wikipedia bietet. Spüren Sie im Verlag die Konkurrenz des Internets?

Sicher gibt es diese Konkurrenz. Jeder, der sich rasch einen Überblick über ein ihm fremdes Thema verschaffen möchte, klickt heute Wikipedia an. Oft ist man dort gut bedient. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich bei Sachverhalten, bei denen ich mich nicht gut auskenne, von Wikipedia gut und zureichend informiert fühle. Bei Themen, über die ich gut Bescheid weiß, ist das nicht immer so. Es kommt hinzu, dass das im Internet abgerufene Wissen in der Regel nicht zertifiziert ist. Man weiß nicht immer, ob man der Information trauen kann. Und ein großer Unterschied unserer Bände zum Wissen aus dem Internet liegt darin, dass sie diskursiv sind, also argumentieren und nicht nur Fakten präsentieren, wie das im Internet nicht immer, aber doch häufig der Fall ist. Dass unsere Reihe bewusst einen anderen Weg geht, kommt auch darin zum Ausdruck, dass die Buchästhetik ganz anders ist: keine Kästchen, kein an Windows angelehntes Layout, keine dicken Überschriften. Die schmalen Bände sind richtige Bücher von richtigen Autoren, sie werden lektoriert und produziert wie kleine Hardcover.

Sie sprachen von einer Gesamtauflage von fünf Millionen, das sind rechnerisch zehntausend pro Band. Wie hoch sind denn Ihre Auflagen?

Wir starten derzeit meist bei einer Erstauflage von sechstausend bis achttausend Exemplaren. Natürlich entwickelt sich der Verkauf unterschiedlich. Der Band „Die Germanen“, erstmals 1995 erschienen, ist jetzt in der neunten Auflage. Der Alkoholismusband in der sechsten. Klaus Bringmanns „Römische Geschichte“ ist sogar in der zehnten Auflage. Der aktuelle Band „Klimawandel“ geht demnächst in die siebte Auflage.

Trügt mein Eindruck, dass sich Ihre Buchreihe mit ihrem Pathos des Wissens an ein Wesen richtet, von dem alle sagen, es sei längst ausgestorben, nämlich an den Bildungsbürger?

Ja, das Bildungsbürgertum in einem oberflächlichen Sinn schrumpft. Das ist auch unser Eindruck. Die Menschen, denen an einer Schrankwand voller Bücher liegt, werden weniger. Ich glaube aber, dass es immer aufgeschlossene, neugierige Menschen geben wird, denn die Neugierde ist nicht kaputt zu kriegen. Diese Menschen müssen wir erreichen.

Interview: Arno Widmann

Datum:  8 | 8 | 2011
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