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Interview über den Islam: Die Religion liefert keine politischen Rezepte

Es ist gefährlich auch für die Religion selbst, wenn sie sich nicht auf der Höhe der Zeit bewegt, sagt Mohammad Mojtahed Schabestari. Im FR-Interview spricht der iranische Intellektuelle über die Zukunftsfähigkeit des Islam und den Preis freien Nachdenkens in seiner Heimat.

Mohammad Mojtahed Schabestari: „Wenn die Religion sich in Lehre und Praxis nicht auf der Höhe der Zeit befindet, wird das für die Religion selbst gefährlich.“  Foto: Getty

Herr Schabestari, Sie waren in den 70er Jahren ein Pionier des christlich-islamischen Dialogs. Was war seither die wichtigste Veränderung?

Wir haben uns viel besser kennengelernt, und das Themenspektrum hat sich entscheidend erweitert. Vor 30, 40 Jahren haben wir fachtheologisch debattiert: über das Verhältnis zwischen Offenbarung und Vernunft und andere spekulative Fragen. Mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit hatte das nichts zu tun. Heute bestimmt das Leben von Millionen Muslimen in Deutschland auch das Nachdenken der Theologen. Zum Beispiel über die Frage, wie muslimischen Kindern ihre Religion im Schulunterricht nahegebracht werden kann.

Der christliche Religionsunterricht wird auch an staatlichen Schulen in Mitverantwortung der Kirchen erteilt. Eine sinnvolle Arbeitsteilung?

Sie hat zwei Seiten. Zum einen zeigt sie den unbedingten Willen der religiösen Autoritäten, Zugriff auf das zu haben, was der Staat in Sachen Religion veranstaltet. Zum anderen bringen die Kirchen ihre ureigene Kompetenz in der Vermittlung von Religion ein. Es geht ja im Religionsunterricht nicht nur um Information über den Glauben, sondern auch um ein Stück existenzieller Auseinandersetzung. Das kann nicht Sache des Staates sein.

Dann könnte er die religiöse Unterweisung ja auch ganz aus dem Lehrplan streichen.

Und wer sollte sie dann übernehmen? Die Muslime zum Beispiel haben keine Organisation dafür.

Was ist mit den Koranschulen?

Zur Person

Mohammad Mojtahed Schabestari, geboren 1936, ist einer der bedeutendsten islamischen Gelehrten und iranischen Intellektuellen. Schabestari studierte unter anderem beim späteren Revolutionsführer Khomeini. Von 1970 bis 1979 leitete er das schiitische Islamische Zentrum der Imam Ali Moschee in Hamburg, wo nach ihm auch der spätere iranische Staatspräsident Mohammad Khatami wirkte.

Im Revolutionsjahr 1979 kehrte Schabestari als Anhänger Khomeinis zurück. Bis 1985 saß er im Parlament, zog sich aber schnell aus der aktiven Politik zurück. Von 1985 an lehrte er islamische Philosophie, Religionswissenschaft und Theologie an der Universität Teheran.

Als einer der wichtigsten Vordenker eines modernen Islam nimmt Schabestari bis heute aktiv am christlich-islamischen Dialog teil. (jf)

Die können diese Aufgabe nicht adäquat übernehmen. Ihnen fehlen fachliches Niveau, religionspädagogische Kompetenz und oft genug auch das Grundverständnis für das Leben in einer säkularen Gesellschaft. Religionsunterricht basiert wesentlich auf den Erkenntnissen der theologischen Wissenschaft, und zwar einer Wissenschaft auf der Höhe der Zeit. Die Gewähr dafür kann nur staatlich organisierter Religionsunterricht bieten. Allerdings muss der Staat den Religionslehrern an seinen Universitäten auch das Richtige beibringen.

Nämlich?

Es geht nicht nur um profunde Kenntnisse über den Islam. Islamischer Religionsunterricht soll für die Schuler auch ein Stück Lebenshilfe sein: Wie kann ich als Moslem hier in Deutschland mein Leben gestalten? Dazu muss der Lehrer mitten im Leben der deutschen Gesellschaft stehen.

Soll der Lehrer auch ein religiöses Vorbild sein?

Nein, das nicht. Wenn er selbst ein praktizierender Moslem ist, ist das sicher gut für einen ganzheitlichen Unterricht. Wobei ich mit Glaubenspraxis weniger die Beachtung von allerhand formalistischen Vorschriften meine, sondern ein spirituelles Leben.

An vier deutschen Universitäten sind inzwischen Lehrstühle für die Ausbildung islamischer Religionslehrer eingerichtet. Leisten sie, was sie sollen?

Zunächst einmal ist es entscheidend, dass die Lehrpläne von Leuten erstellt werden, die sich umfassend und auf hohem Niveau in islamischer Wissenschaft und Kultur auskennen. Da habe ich allerdings Zweifel. Das beginnt schon damit, dass von Lehrstühlen für „islamische Theologie“ gesprochen wird. Das ist offenkundig von einem christlichen Verständnis von Theologie her gedacht, das es im Islam so nicht gibt.

Sondern?

Wir sprechen von islamischen Wissenschaften. Das ist etwas ganz anderes. Deshalb hätte ich die Bezeichnung „Lehrstuhl für islamische Religion, von innen betrachtet“ empfohlen. Das würde dann auch den Unterschied zur Außenperspektive der Religionswissenschaft, Religionssoziologie oder Orientalistik deutlich machen.

Ist das mehr als nur ein Streit um Namen?

Aber ja. Wer hier in Deutschland von „islamischer Theologie“ spricht, unterstellt begrifflich, dass es sich um das gleiche Fach handelt wie christliche Theologie, nur eben mit anderem religiösen Vorzeichen. Das ist aber falsch, historisch wie inhaltlich.

Erklären Sie mir das bitte!

Christliche Theologie basiert im Kern auf dem Begriff der Offenbarung: Gott teilt sich den Menschen selbst mit. Dieser Gedanke einer „Offenbarung Gottes“ aber ist dem Islam ebenso fremd wie die Vorstellung der „Inkarnation“ in Jesus Christus als ultimativer Selbstmitteilung Gottes. Auch der Koran als das „Wort Gottes“ ist nicht etwa die „Offenbarung Gottes“. Christliche Theologie und islamische Wissenschaften kommen also von einem ganz unterschiedlichen Grundverständnis der Beziehung zwischen Gott und Mensch her. Ich will hier gar nicht darüber urteilen, wer Recht hat. Aber die Diskrepanz geht verloren, wenn an den Universitäten dann leichthin von „islamischer Theologie“ gesprochen wird.

Sie sehen Islam nicht als politisches Programm. Wie sehr fühlen Sie sich damit selbst als Exot?

Was meinen Sie mit Exot?

Wenn in Deutschland vom Islam die Rede ist, wird meistens das Ineinander aller Lebensbereiche betont – also auch die Unmöglichkeit, Religion und Politik zu trennen. Sie sagen das Gegenteil.

Das kommt darauf an, was man unter einem politischen Programm versteht. Man kann religiös motiviert Politik machen. Aber man kann aus der Religion nicht unmittelbar politische Rezepte ableiten.

Das wird aber behauptet.

Stimmt. Ich behaupte etwas anderes – wie andere in der islamischen Welt übrigens auch. Ich bestreite aber nicht, dass man sich damit in Widerspruch zum religiösen und politischen Establishment in vielen islamischen Ländern begibt und auch Schwierigkeiten bekommen kann. Aber sehen Sie: Ich lebe seit Jahrzehnten im Iran – und heute sitze ich vor Ihnen, wohlbehalten an Körper und Geist.

Zahlen Sie für freies philosophisch-theologisches Nachdenken den Preis, sich nicht kritisch über das Regime in Teheran zu äußern?

Ich möchte jetzt nicht über die Lage im Iran reden. Nur so viel: Man weiß dort, dass ich Wissenschaftler bin und mit meinen Gedanken kein politisches Spiel treibe.

Aber wenn Sie eine historisch-kritische Lektüre des Koran propagieren oder Demokratie und Menschenrechte als dem Islam gemäß bezeichnen, ist das eine Blaupause für politische und gesellschaftliche Reformen.

Das mag sein, und es gibt in der Tat Menschen, die sich auf mich berufen. Ich selbst bin aber keiner, der nach politischer Macht greift. Trotzdem bezahle ich einen Preis für das, was ich tue.

Zum Beispiel?

Von der Universität bin ich zwangsemeritiert worden. Wegen eines Vortrags in Isfahan wurde ich vom Islamischen Revolutionsgericht vorgeladen und verhört.

Glauben Sie, dass sich Ihre Gedanken durchsetzen? Dass es zu einer islamischen Aufklärung und gesellschaftlichen Veränderungen kommt?

Ich bin optimistisch.

Mit oder ohne Gewalt?

Das vermag ich nicht zu sagen. Aber die Veränderungen werden kommen, auch weil der Freiheitsdrang einer gut informierten, aufgeklärten Jugend weiter wachsen wird. Wenn die Religion sich in Lehre und Praxis nicht auf der Höhe der Zeit befindet, wird das für die Religion selbst gefährlich – für die Gläubigen wie auch für die religiösen Führer. Sie müssen ihre Wege ändern. Ich sage immer: Eine vernünftige Politik ist gut für die Religion. Und eine modern ausgelegte Religion ist auch gut für die Politik.

Interview: Joachim Frank

Datum:  27 | 6 | 2011
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