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Atomdebatte: Die Restrisiko-Lüge

Sie versprachen Sicherheit und wussten es immer besser: Seit 40 Jahren arbeiten sich deutsche Politiker und Energiefirmen an den Gefahren der Atomkraft ab. Ihre Verblüffung angesichts der Katastrophe von Fukushima ist unglaubwürdig.

Wärmebild vom derzeit abgeschalteten Atomkraftwerk im südhessischen Biblis.  Foto: K. Pfaffenbach/rtr
Fukushima –  

Ganz plötzlich. Acht AKW stehen still. Eine Ethik-Kommission prüft den Risiko-Überbau. Reaktorexperten, Ingenieure und IT-Spezialisten checken die bisher „weltweit sichersten“ deutschen AKW durch. Denn: Unseren Politikern ist es wie Schuppen von den Augen gefallen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagt: „Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und die bisherige unbestrittene Sicherheit unserer kerntechnischen Anlagen zum Maßstab auch des künftigen Handelns machen...“

Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) meint: „Japan hat uns gezeigt, dass das Unmögliche Realität werden kann.“

Und sogar der Chef des AKW-Betreibers Eon, Johannes Teyssen, räumte ein, man müsse nach Fukushima erwägen, in zusätzliche Sicherheit zu investieren und eventuell „bestimmte Anlagen nicht mehr zu betreiben“.

Aber: War die Sicherheit wirklich unbestritten? Wird wirklich das Unmögliche jetzt wahr? Und wie geht Folgendes: Wir brauchen zusätzliche Sicherheit – für angeblich bereits sichere Anlagen? Man traut seinen Augen und Ohren nicht. Wusste keiner, wie riskant die Atomkraft ist?

GAU, Super-GAU und Restrisiko: Über die Gefahren der „friedlichen Nutzung der Atomkraft“ wird in Deutschland seit vier Jahrzehnten diskutiert und gestritten. Schon das zeigt: Niemand kann ernsthaft behaupten, Nuklearkatastrophen vom Fukushima-Ausmaß seien hierzulande als „unmöglich“ bezeichnet worden. Sie waren immer Teil der Technologie. Herausreden gilt nicht. Eine Rückblende:

Nicht „Harrisburg“, sondern „Ludwigshafen“ war der Auslöser der Debatte. Konkret: der 1967 entwickelte Plan des Ludwigshafener Chemiekonzerns BASF, auf dem Werksgelände einen 600-Megawatt-Reaktor zu bauen – und damit in unmittelbarer Nähe der Großstadt am Rhein.

Die BASF, die per AKW Prozessdampf für die Chemieproduktion gewinnen wollte, ging einen Schritt weiter als die Reaktorplaner vorher. Im Fachkreisen wusste jeder, dass es die Gefahr des unbeherrschbaren Nuklearunfalls gab, des „Super-GAU“.

Warnung vor der Atomkatastrophe

In Deutschland wie im nuklearen Vorreiterland USA galt deswegen die Regel, AKW nur in relativ dünn besiedelten Regionen zu bauen. Der BASF-Plan hebelte das aus. Die Fachwelt diskutierte kontrovers, die Sache wurde zum Politikum. Für einen regelrechten Schock sorgten seinerzeit die Warnungen des Kernphysikers Professor Karl-Heinz Lindackers vom TÜV Rheinland zu den Folgen einer Atomkatastrophe: Bis zu 100.000 Menschen auf der Stelle tot, weitere Opfer durch die freigesetzte Radioaktivität noch 20 Jahre später, in Summe bis zu 1,6 Millionen.

Das Fachblatt „Atomwirtschaft“ hingegen befand, bei Unfällen seien die Anwohner bei AKW-Standorten im Zentrum einer Stadt sogar am besten geschützt, „da die radioaktive Abluftwolke dann erst außerhalb der Stadt den Erdboden erreicht“.

Atomkraft als Frage von Leben und Tod? Dem Wissenschaftsminister im sozialliberalen Kabinett Brandt, Hans Leussink (parteilos), war die Entscheidung zu heikel. Er verschob die Genehmigung des BASF-Antrags 1970 um zwei Jahre. Kurz darauf lehnte er den beantragten Standort nahe Aachen für einen mit Plutonium-Brennstoff arbeitenden „Schnellen Brüter“-Reaktor ab – „wegen zu hoher Bevölkerungsdichte in der Nahzone“. Die BASF zog ihren Plan später zurück, und der dann in Kalkar begonnene Brüter-Bau wurde politisch gestoppt.

Leussink war es dann auch, der nach Recherchen des Technik-Historikers Professor Joachim Radkau im Zusammenhang mit dem BASF-Projekt den Begriff „Restrisiko“ prägte. Es war der semantische Trick, der vorgaukelte, die Gefahr eines Super-GAUs sei tolerabel – dank angeblich minimaler Wahrscheinlichkeit. Trotzdem lenkte das die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Hauptproblem der Kerntechnik. Radkau schrieb dazu in seinem Standardwerk „Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft“: „Wenn diese Bedenken damals nur für Ludwigshafen gelten sollten, so wurde das durch den ,GAU' nicht abgedeckte Risiko auf die Dauer doch ... als Schwachstelle der gesamten Kerntechnik begriffen.“

Das Forschungsministerium begann erst 1971 mit einer eigenen Risikoforschung – zu einem Zeitpunkt, als die ersten Leistungsreaktoren in Würgassen und Stade bereits im Bau respektive Probebetrieb waren. Ziel war es, das „Restrisiko“ genau zu quantifizieren. Ein Unterfangen, das Experten wie der spätere Chef der Reaktorsicherheitskommission (RSK) des Bundes, Professor Adolf Birkhofer, ein paar Jahre vorher noch als unsinnig bezeichnet hatten. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung bei Atomrisiken anzuwenden, sei „von Grund auf sehr problematisch“, meinte Birkhofer Radkau zufolge noch 1966. „Meiner Ansicht nach gibt es derzeit keine Bewertungsmaßstäbe und Bewertungsziffern, aus denen man die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Schadens ableiten kann.“

SPD wandelte sich zur Aussteigerpartei

Doch die „Restrisiko“-Philosophie setzte sich durch. Das Bundesforschungsministerium gab eine aufwendige Untersuchung in Auftrag, die „Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke“. Sie erschien 1979. Ergebnis: ein Super-GAU in 10000 Reaktor-Betriebsjahren. Das war bei weitem nicht ein so kleiner „Rest“, wie es schien. Immerhin sollten in Deutschland 50 Atomreaktoren gebaut werden. Das hätte geheißen: eine Katastrophe pro 200 Jahre (und vielleicht schon morgen).

Ganz zu schweigen von Visionen, wie sie das Kernforschungszentrum Jülich 1975 für das Bundesinnenministerium entworfen hatte. In der Studie wurden in Deutschland Standorte für bis zu 598 Atomkraftwerke benannt, davon 184 für Plutonium-Brüter.

„Rest“-Risiko? Jeder, der einen Dreisatz beherrschte, hätte erkennen müssen: stimmt nicht. Nur: Die Politiker hätten das damals „einfach nicht begriffen“. So kommentiert heute in der Rückschau der Geschäftsführer des Öko-Instituts, Reaktorexperte Michael Sailer. Der Super-GAU von Harrisburg passierte 1979, nur zwei Jahre nach Inbetriebnahme des betreffenden AKW-Blocks. Eine Teil-Kernschmelze, bei der der Reaktor-Sicherheitsbehälter zum Glück intakt blieb. Die Anti-AKW-Partei „Die Grünen“ entstand, ihr Motto: „Das Restrisiko gibt uns den Rest“. Die SPD begann den Wandel von der glühenden Atom- zur Aussteigerpartei. CDU und FDP aber glaubten weiter fest an die Beherrschbarkeit der Atomkraft.

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Autor:  Joachim Wille
Datum:  20 | 4 | 2011
Seiten:  1 2
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