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Leitartikel zu Schlecker-Insolvenz: Schleckers Problem war eine Droge - sein Erfolg

Es wird immer Leute geben wie Anton Schlecker, die ihre Kräfte anspannen, Riesiges leisten, dann aber durchdrehen und jedes Jahr Rekorde sehen möchten. Erfolg ist eine Droge.

Am Ende: An diesem Samstag schließen republikweit 2200 Filialen.
Am Ende: An diesem Samstag schließen republikweit 2200 Filialen.
Foto: dpa

Das Schönste an der Geschichte ist: „Anton Schlecker, eingetragener Kaufmann“. So wird die Schlecker-Gruppe im Handelsregister geführt. 2009 waren das immerhin 9.561 Filialen allein in Deutschland, in Europa waren es 13.300. Deutschlands größte Drogeriemarktkette hat der gelernte Metzgermeister seit 1975 aufgebaut. Er hat das getan mit Lohndumping, mit Bespitzelung der Mitarbeiter, mit massivem, inzwischen gerichtsnotorischem Druck auf die Angestellten der Kette.

Das alles scheint nichts geholfen zu haben. Schlecker ist insolvent. Und nicht nur die Firma, sondern Anton Schlecker selbst. Als eingetragener Kaufmann haftet er mit seinem Privatvermögen. In Wahrheit wissen wir natürlich nicht, wie viel von diesem Privatvermögen in den vergangenen Jahrzehnten schon auf die eine oder andere Art abgeführt und in Sicherheit gebracht wurde.

Wir wundern uns, dass jemand, der mit seinen Mitarbeitern so umging, den Finanzämtern offenbar völlig koscher erscheint. Warum soll er im Geschäft zu Gesetzesübertretungen bereit gewesen sein und sich ausgerechnet beim Finanzamt immer an die Gesetze gehalten haben? Wir wissen nichts, wir nehmen uns nur das Recht heraus, uns zu wundern.

Freude ist allerdings an einer Stelle angesagt. In den vergangenen Jahren haben wir gar zu viele Bestätigungen für die alte Weisheit gefunden: Schuldest du der Bank tausend Euro, hast du ein Problem, schuldest du ihr hundert Millionen, hat sie ein Problem“. Da ist es doch schön, dass keiner, der etwas zu sagen hat, sich bisher meldete und rief: Rettet Schlecker! Aber bei dem, sagt der Mittelstand etwas bitter, stehen ja auch nicht Banken und wollen Geld, sondern Lieferanten.

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Jahrzehntelang hatte man uns beigebracht, im Kapitalismus habe jeder eine Chance, mit einem Geschäft ein Vermögen zu machen oder in den Sand zu setzen. Im Sozialismus dagegen konnten einzelne Firmen nicht pleitegehen. Man musste warten, bis das ganze System pleiteging. Die vielen kleinen Pleiten des Kapitalismus verhindern den Zusammenbruch des Ganzen. Das tun auch die kleinen, immer wieder eintretenden Krisen.

Sie tun das aber nur, wenn die Schlecker-Krise die Schlecker-Krise und die der Firmen-Mitarbeiter bleibt, wenn die Krise einer Bank die Krise dieser Bank, ja wenn die Krisen einiger Banken die Krisen einiger Banken bleiben. Wenn der Kapitalismus auch anfängt, aufs System zu setzen, wird er Pleite machen wie der Sozialismus.

Anton Schlecker haftet jetzt mit seinem Vermögen. So hatte man mir den Kapitalismus vorgestellt. Wer alles bestimmt – im Rahmen der gesetzlichen Regelungen und der zwischen den Tarifpartnern –, der fährt nicht nur den Hauptgewinn ein, sondern – wenn er sich vertan hat – eben auch die Pleite. Schon angesichts der 32.000 von der Insolvenz Schleckers – wohl mehr als er – bedrohten Mitarbeitern empfiehlt es sich, genau hinzusehen, ob der Satz von Tochter Meike „Es ist nichts mehr da“ stimmt oder ob da tatsächlich nichts mehr ist, aber hier dafür noch jede Menge. Das herauszufinden, ist eine lohnende Aufgabe für die Vollstrecker des Insolvenzverfahrens, für die Gewerkschaften, und für Journalisten.

Der eingetragene Kaufmann ist eine Gesellschaftsform, die dem, was in Seminaren über das Funktionieren des Kapitalismus gelehrt wird, am nächsten kommt. Er ist die bei weitem häufigste Unternehmensform in Deutschland. Er muss sich mit niemandem abstimmen. Er muss den Gewinn nicht teilen. Kein Wunder, dass hier die Willkür ganz besondere Blüten treiben kann. Dass allerdings auch Aufsichtsräte immer mal wieder keine Aufsicht führen, das haben wir seit 2008 immer wieder vorgeführt bekommen.

Jetzt sagen alle, die es schon immer gewusst haben, Schlecker sei einfach too big to handle gewesen, also zu groß, um von einem eingetragenen Kaufmann noch allein geführt werden zu können. Ich glaube das gerne. Aber so wie es den Größenwahn an den Finanzmärkten gibt, so gibt es ihn auch in jedem anderen Bereich, auch beim eingetragenen Kaufmann. Es wird immer Leute geben, die ihre Kräfte anspannen, Riesiges leisten, dann aber durchdrehen und jedes Jahr immer neue Rekorde sehen möchten. Erfolg ist auch nur eine Droge.

Uns wäre viel geholfen, wir würden darauf achten, dass diese Drogenabhängigen wenn schon nicht nur, so doch auch mit ihrem eigenen Geld spielen. Dann sind es wenigstens nicht nur die Angestellten, die die Zeche zahlen müssen. Das Prinzip Verantwortung würde dann auch bei den notorisch Verantwortungslosen greifen.

Too big to handle ist mörderisch für Schlecker und seine Angestellten. Das die vergangenen Jahre über praktizierte Prinzip too big to fail (zu groß, um zu scheitern) dagegen reißt ganze Gesellschaften in den Abgrund. Ein Lob dem „eingetragenen Kaufmann“!

Autor:  Arno Widmann
Datum:  1 | 2 | 2012
Kommentare:  12
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