Wer sich ins Netz begibt, kommt dabei um die Erkenntnis nicht herum, dass er zur öffentlichen Person wird. Da hilft auch die so genannte "Privatsphäre" nicht. Das mussten jetzt viele junge Leute erfahren, die sich bei "SchülerVZ" angemeldet haben. Denn ihre Daten tauchen neuerdings vermehrt an Orten auf, wo sie nicht hingehören.
Jüngst meldete der Blog netzpolitik.org, dass ihm mehr als 100.000 Daten von VZ-Usern zugespielt worden seien. Und kurz zuvor kursierten Berichte, dass ein 20-Jähriger aus Erlangen eine Sammlung mit Informationen über SchülerVZ-Nutzer angelegt habe und sie offenbar zu einem Erpressungsversuch gegen das Netzwerk missbrauchen wollte.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der Mann gestanden haben, dass er 80.000 Euro wollte. Doch hat er sich wenig später in der Untersuchungshaft das Leben genommen. Warum, scheint mehr denn je ein Rätsel.
Aussage, die Vertrauen in Netzwerke verringern könnte
Denn nun hat die Affäre um den "Datenklau" eine Wendung genommen. Der Verteidiger des Verstorbenen hat eine Stellungnahme veröffentlicht, die geeignet wäre, das ohnehin beschädigte Vertrauen in die VZ-Netzwerke noch zu verringern, falls die Angaben zuträfen. Anwalt Ulrich Dost wendet sich auf seiner Internetseite gegen "die Mär vom Datenklau". Und im FR-Gespräch präzisiert er, er habe "ganz eindeutige Hinweise darauf", dass es keine Erpressung war, sondern seinem Mandanten vom Netzwerk Geld angeboten worden sei.
Denn es ergebe sich aus den Aufzeichnungen eines Chats zwischen dem 20-Jährigen und einem VZ-Mitarbeiter, dass der zu zahlen bereit sei, wenn nicht publik würde, dass es Probleme mit der Sicherheit gebe. Das Unternehmen habe, so Anwalt Dost, seinem Mandanten die Fahrt von Erlangen nach Berlin im Taxi bezahlt, um über die Probleme mit Lücken im Netzwerk zu sprechen. Das erklärt sich Dost damit, dass die User das Kapital des Unternehmens seien, und wenn deren Zahl etwa infolge von Medienberichten sinke, gingen auch die Werbeeinnahmen zurück.
Die VZ-Netzwerke (SchülerVZ, StudiVZ, MeinVZ) sind Unternehmen des Holtzbrinck-Konzerns. VZ-Geschäftsführer Markus Berger-deLéon weist Dosts Ausführungen "mit Nachdruck" von sich. "Die Vorwürfe des Anwalts Ulrich Dost sind ebenso unglaublich wie haltlos. Die Beurteilung und Handhabung des Falls lag und liegt aber bei den zuständigen Behörden."
Und die Ermittlungsakten dort liest Anwalt Dost so, dass er seinem Mandanten "eine Strategie in Richtung Freispruch" nahe gelegt habe. Denn es sei korrekt, was das SchülerVZ-Netzwerk versichert: Der Datendieb habe ausschließlich Inhalte kopieren können, "die auf den betroffenen SchülerVZ-Profilen für alle Mitglieder sichtbar eingestellt waren.
Gesicherte Daten konnte er zu keinem Zeitpunkt abrufen." Gleichwohl fordert Mitarbeiter Samir Barden in der Rubrik "Klartext": "Checkt Eure Privatsphäre-Einstellungen und nehmt nur Freundschafts-Einladungen von Nutzern an, die Ihr tatsächlich kennt."
Man kann nun "Sitzung sichern" anklicken
Zudem habe man die Sicherheits-Hürden erhöht: Der "Captcha"-Code wurde verändert, der verhindern soll, dass sich ein automatisches Einwahlprogramm etwa eines Spam-Absenders Zugang verschafft. Zudem kann man nun ein Häkchen setzen und "Sitzung sichern" anklicken. So sei gewährleistet, dass kein Fremder während der Nutzung vom User Daten abgreifen könne. Und man habe die Nutzer-Identitätsnummern neu vergeben.
Der junge Erlanger war regulärer Nutzer von SchülerVZ. Er hat offenbar mit einer "Crawler"- Software leicht Daten sammeln und wohl auch den Captcha-Code austricksen können.
Die Tatsache, dass der Surfer kein unbekanntes Wesen ist, gilt längst als Internet-Mantra - das freilich ungehört verhallt. Das Problem für die Netzwerke ist eben, dass die Teilnahme nur sinnvoll ist, wenn man reale eigene Angaben veröffentlicht: Ein anonymer Nutzer wird keine "Freunde" finden. Dieser Begriff ist ja auch nur ein Verkaufstrick der Anbieter. Denn jeder, der im virtuellen Kontakthof, ob VZ oder Facebook, Bekanntschaften schließt, firmiert als "Freund".

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