Ein Gespenst geht um im Netz. Das Gespenst der Elite. Beschworen wird es auf einer Seite des Journalisten und Bloggers Stefan Niggemeier. Dort ist jetzt ein "Internet-Manifest" zu lesen, Untertitel: "Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen".
Verfasst haben diese "Behauptungen" 15 Autoren, die sich einen Namen im Netz gemacht haben als Blogger oder Experten für Online-Journalismus; außer Niggemeier sind etwa Thomas Knüwer vom Handelsblatt und Robin Meyer-Lucht von "Carta" dabei, Mario Sixtus, Mercedes Bunz, Janko Röttgers oder auch Bachmann-Preisträgerin Katrin Passig.
Das "Manifest" lässt sich lesen als Positionsbeschreibung: Da grenzen sich vor allem im Internet arbeitende Autoren von der öffentlichen Stellungnahme deutscher Verleger ab, die jüngst einen Schutz ihrer Leistungen in der "Hamburger Erklärung" verlangt hatten.
Tenor des Manifests ist: Das Internet ist Abbild der Gesellschaft, zugleich aber heißt es gleich unter Punkt eins: "Das Internet ist anders", weil es "andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken" schaffe. Die Unterzeichner legen in mehreren Statements wert auf die Betonung der Freiheit im Netz, die sei "unantastbar" und "die neue Meinungsfreiheit".
Ein Gutteil des Manifests gilt der Verteidigung und Propagierung von Journalismus im Netz, wie Punkt 6: "Das Internet verbessert den Journalismus, wobei das Wort "verändert" durchgestrichen stehen geblieben ist. Das Netz sei "der neue Ort für den politischen Diskurs" und es gebe kein "zuviel an Information" heißt es in weiteren Thesen.
Kritik an Positionen der Verleger wird deutlich formuliert in den Thesen 8 und 12: "Links lohnen, Zitate zieren" und "Tradition ist kein Geschäftsmodell". Und doch heißt es auch, und da werden wohl die Verleger zustimmen: "Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht".
Abschließend heißt es unter "17. Alle für alle.": "Das Web stellt eine des Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar"; die Generation Wikipedia wisse "im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle einzuschätzen" - was man bezweifeln darf - und sie schließen mit dem Satz: "Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt".
Sätze wie diese bieten die Angriffsflächen für die Kritiker - von denen einige wohl verschnupft sind, weil sie nicht dazugehören zum Kreis der Unterzeichner. So wird den Autoren häufig die "Banalität" der Thesen vorgehalten. Im Internet Bewanderte kennen die Debatte eben zur Genüge, und eine These wie "Qualität bleibt die wichtigste Qualität" ist so richtig wie tausendmal dahergebetet.
Zum anderen geraten die Unterzeichner bei einigen selbst in den Ruch, "Besserwisser" zu sein. Nicht wenige der Kommentare auf Stefan Niggemeiers Seite halten sich mit den Personen hinter dem Manifest auf: Die begriffen sich als Elite, zudem verdienten sie ihr Geld auch mit Print-Journalismus (Niggemeier schreibt für die FAZ, Knüwer für das Handelsblatt).
Die Kommentare sind insofern auch ein Spiegel des Internet (wie der Gesellschaft), als Polemik oder Beschimpfung eine inhaltliche Auseinandersetzung weitgehend ersetzen. Die leisten sich nur wenige, und noch weniger kommen auf ein Niveau wie etwa ein "Jan" (Beitrag 253) oder Detlef Borchers, der bei der Zeit Online-Kolumnist war und zu Recht die Behauptung fragwürdig findet, Journalismus habe eine "gesellschaftsbildende Funktion".
Auffällig aber - vielleicht nur für einen Print-Journalisten - ist die Kürze der meisten Beiträge und die Fokussierung auf Nebensächlichkeiten wie die Frage der Definition von Manifest oder gar der Herkunft der Autoren ("Berliner Blogger").
Bei aller berechtigten Kritik am herkömmlichen Journalismus zeigt sich hier doch auch die negative Seite der Blog-Szene, der hemmungslose Subjektivismus: Da wird vieles einfach mal hingerotzt, ohne Respekt für die Arbeit der Verfasser des Manifests - nach dem Motto: Jeder darf mal, egal was er zu bieten hat. Das macht die Auseinandersetzung mit dem wichtigen Thema der Zukunft des Journalismus nicht eben leichter.
Doch haben die "Manifest"-Autoren eines mit Sicherheit erreicht: eine lebendige Diskussion. Bis gestern um 16.35 Uhr gab es alleine bei Niggemeier schon 312 Kommentare.

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