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"IT-Abteilung in Tränen": McAbsturz

Weltweit verabschiedet sich ein Bildschirm nach dem anderen. Betroffen sind Polizisten, Krankenhäuser, Anwälte und Redaktionen - Eine Antiviren-Software von McAfee ist schuld. Von Patrick Beuth

Auch die Frankfurter Rundschau war Opfer des McAfee-Updates - Rechner wurden in Sekunden für Stunden unbrauchbar.
Auch die Frankfurter Rundschau war Opfer des McAfee-Updates - Rechner wurden in Sekunden für Stunden unbrauchbar.
Foto: FR

"McAfee hat meinen Computer getötet!" - "Jemand bei McAfee muss gefeuert werden. Sehr gefeuert. " - "Unsere IT-Abteilung ist gerade in Tränen ausgebrochen." Unzählige solcher Statements sind seit Mittwoch bei Twitter zu lesen. Denn zu dieser Zeit schalteten sich plötzlich Zehntausende Computer in aller Welt ab. In Krankenhäusern, Büros, Kanzleien - und auch in der Redaktion dieser Zeitung.

Gegenwehr war zwecklos: Das Antiviren-Programm von McAfee hatte einen Schädling erkannt und gab den Nutzern ganze 30 Sekunden zur Speicherung wichtiger Daten. Dann fuhr es den Rechner herunter. Und wieder hoch. Und sofort wieder herunter. Und immer so weiter.

Virenwächter
Der Absturz

McAfee aus Kalifornien (rund 6200 Mitarbeiter)bezeichnet sich als weltgrößtes Unternehmen für Sicherheitstechnologie. Der Marktanteil der börsennotierten Firma lag laut den Marktforschern von Gartner 2008 bei etwa elf Prozent.

Symantec gilt weltweit als Marktführer der Antiviren-Spezialisten. 2008 lag der Marktanteil der kalifornischen Firma - die ihre Programme für Privatanwender unter dem Markennamen Norton vertreibt - bei rund 22 Prozent.

Kaspersky Lab mit Sitz in Moskau hat 1700 Mitarbeiter und gilt ebenfalls als einer der größeren Player im Markt. Nach Angaben des Unternehmens nutzen weltweit 300 Millionen Kunden Kaspersky-Produkte.

Avira bezeichnet sich als führenden deutschen Sicherheitsspezialisten. Das Unternehmen aus Tettnang am Bodensee hat nach eigenen Angaben 300 Mitarbeiter und 100 Millionen Nutzer. Beliebt ist die kostenlose Version der Software AntiVir.

G Data erreicht mit seiner Antiviren-Software in Tests hohe Trefferquoten. Das 1985 gegründete Bochumer Unternehmen gehört zu den Veteranen auf dem Markt und hat nach eigener Aussage rund 250 Mitarbeiter.

Bitdefender, eine seit 2001 erhältliche bulgarische Software, ist vergleichsweise neu in der Branche. Sie schneidet in den Tests der Fachzeitschriften bei der Erkennungsrate und der Aktualisierung regelmäßig sehr gut ab, ist aber auch relativ teuer. (pb/olk)

Die Reaktionen auf den Ausfall der Windows-Rechner sind ganz unterschiedlich - wie haben Sie das Problem erlebt? Schreiben Sie uns Ihre Erlebnisse als Kommentar unter diesem Artikel.

Das Virus allerdings war gar keines. Ein fehlerhaftes Update der McAfee-Software hielt die Systemdatei Svchost.exe für den Schädling W32/Wecorl.a - und machte kurzen Prozess mit dem gesamten Betriebssystem.

Twitter wurde in den folgenden Stunden zu einem Gradmesser für die weltweite Erregung. Selbst am späten Donnerstagnachmittag hagelte es noch Meldungen fast im Sekundentakt: Verzweiflung, Wut, aber auch Spott und Häme prasselten unter anderem aus den USA, Deutschland, den Niederlanden und Russland auf die Antivirenspezialisten von McAfee nieder.

Betroffen waren Computer mit dem Betriebssystem Windows XP und dem Service Pack 3 - der gängigsten Konfiguration - sowie der McAfee-Software für Unternehmen. Weil die Computer anschließend in der Reboot-Schleife steckten, mussten die Administratoren in den betroffenen Büros jeden Rechner von Hand reparieren.

Wie viele Rechner betroffen waren, lässt sich nicht seriös beziffern. Jedenfalls hatte der kleine Fehler gravierende Auswirkungen: In einigen US-Krankenhäusern mussten laut örtlichen Medien Operationen verschoben werden. Im US-Bundesstaat Kentucky waren Polizisten gezwungen, die Computer in ihren Streifenwagen vorübergehend abzuschalten.

Eine Notfallübung der Katastrophenschutzbehörden im Norden Iowas wurde zur echten Herausforderung, weil sich erst die Computer der Notrufzentrale und dann die von Polizei, Feuerwehr und anderen Einrichtungen abmeldeten - der gute alte Funkverkehr musste einspringen. Auch beim Chip-Hersteller Intel machten reihenweise Rechner schlapp. Und in Australien mussten einige Supermärkte schließen, weil die Kassen nicht mehr funktionieren.

Barry McPherson, bei McAfee verantwortlich für den Kundenservice, brauchte Stunden, um die Tragweite des Problems zu erkennen. In einem ersten Eintrag im Firmenblog behauptete er noch, der Fehler betreffe wohl nur ein halbes Prozent der Kunden. Wütende Kommentare folgten. In einem zweiten Text räumte McPherson dann ein, "zahlreichen" Nutzern Probleme bereitet zu haben. Eine echte Entschuldigung war das immer noch nicht.

Es ist nicht das erste Mal, dass McAfee ein solcher Fehler unterläuft. Bereits im Juli 2009 hatte ein Update der Antivirensoftware wichtige Windows-Systemdateien als gefährlich eingestuft und damit Tausende Rechner zu teuren Briefbeschwerern degradiert. Allerdings schafft es auch die Konkurrenz immer mal wieder, ihre Kunden mit solchen Fehlern zur Verzweiflung zu bringen: Bei Norman Data Defense und Bitdefender etwa gab es in den vergangenen Monaten ähnliche Vorfälle.

Im Geschäft mit den Virenscannern ist das Vertrauen der Kunden wichtig. Daher könnte die Panne für McAfees Image sogar schlimmer sein als fehlerhafte Bremsen für Toyota. Die Anleger aber blieben vorerst ruhig: Am Donnerstag verlor die Aktie des Unternehmens zu Handelsbeginn an der New Yorker Wall Street nur leicht an Wert.

Autor:  Patrick Beuth
Datum:  23 | 4 | 2010
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