kalaydo.de Anzeigen

Kay Oberbeck von Google: "Zensur transparent machen"

Kay Oberbeck, Sprecher von Google in Deutschland, erklärt im FR-Interview, warum das Unternehmen in China Konsequenzen aus der Netzzensur zieht, in anderen Ländern aber nicht.

Kay Oberbeck, Sprecher von Google in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Kay Oberbeck, Sprecher von Google in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Foto: Google

Herr Oberbeck, wann wird Google eigentlich seine türkische Seite umleiten oder abschalten? Die türkische Regierung sperrt Youtube schließlich auch aus politischen Gründen - weil immer mal wieder Videos hochgeladen wurden, in denen sich jemand über Atatürk lustig macht.

In der Türkei wird Youtube seit Mai 2008 gesperrt. Wir sind nach wie vor offen für den Dialog mit den Behörden und haben mehrfach unsere Enttäuschung über die Sperrung zum Ausdruck gebracht. Aber es wäre ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen, wenn man die Zensur in China mit der Zensur in der Türkei gleichsetzen wollte.

Und was unternehmen Sie gegen die Internetzensur in Weißrussland? Und in Australien?

Generell richten wir uns in allen Ländern, in denen wir vertreten sind und entsprechend Dienste anbieten, nach der jeweiligen Gesetzeslage. Dies beinhaltet, dass wir das Gespräch mit den zuständigen Stellen auch dann suchen, wenn wir aus uns nicht nachvollziehbaren Gründen geblockt oder zensiert werden sollen.

Bislang zieht Google nur in China Konsequenzen. Warum?

Als wir vor nunmehr vier Jahren den Schritt machten, eine Suchmaschine für chinesische Nutzer aus China heraus zu starten, taten wir das in der optimistischen Auffassung, dass die Vorteile durch einen besseren Zugang zu Informationen für chinesische Nutzer durch unsere Suchmaschine den Nachteil der von uns verlangten Selbst-Zensur überwiegen würden. Wir haben uns bereits damals vorbehalten, dieses Engagement unter der Betrachtung der jeweiligen Rahmenbedingungen überdenken zu können. Jetzt zeigt sich jedoch, dass sich die freie Meinungsäußerung und der freie Zugang zu Informationen verschlechtert haben. Im Dezember wurden wir zudem das Ziel eines Hackerangriffs beispiellosen Ausmaßes und völlig neuer Qualität. Da wurde versucht, Googlemail-Konten von Menschenrechtsaktivisten auszuspionieren. Dieser Angriff zusammen mit den Aktivitäten gegen eine freie Meinungsäußerung hat den Ausschlag gegeben, unsere Aktivitäten in China zu überdenken.

Google-Mitbegründer Sergey Brin hat in der New York Times die Ablehnung von Zensur zu einem Teil von Googles Identität erklärt. Sieht sich das Unternehmen als politischer Player im Kampf für die Meinungs- und Informationsfreiheit?

Nein, sicher nicht als politischer Player. Aber wir sind der festen Überzeugung, dass der freie Zugang zu Informationen den Menschen und der Gesellschaft insgesamt hilft und setzen uns deshalb vehement dafür ein. Man sieht derzeit weltweit einen Zuwachs an Zensur und an Bestrebungen, Inhalte aus dem Netz zu entfernen oder den Zugang sperren zu wollen. Nicht zuletzt deshalb haben wir im vergangenen Jahr eine internationale Veranstaltung in Berlin zu diesem Thema (www.breakingborders.net) - und in diesem Zusammenhang den Breaking Borders Award - ins Leben gerufen, der Menschen ehrt, die sich im Internet für Meinungs- und Informationsfreiheit einsetzen.

Setzt Google seine jetzt hinzugewonnene Glaubwürdigkeit aufs Spiel, wenn es nach der Konfrontation mit China nicht auch in anderen Ländern gegen Netzzensur vorgeht?

Wir sprechen ja zum Beispiel auch in der Türkei mit staatlichen Stellen. Und wenn - wie zuletzt in Italien - Google-Mitarbeiter verurteilt werden für etwas, mit dem sie nichts zu tun hatten, dann setzen wir uns natürlich auch juristisch zur Wehr. [Jugendliche hatten bei Google Video ein Filmchen hochgeladen, in dem zu sehen ist, wie sie einen autistischen Jungen misshandeln. Google hatte das Video nach einem Hinweis der Polizei innerhalb weniger Stunden von der Seite entfernt. Trotzdem wurden drei Mitarbeiter wegen Verstößen gegen den Datenschutz verurteilt. - Anm. der Red.]

Wie setzt sich Google für Informationsfreiheit in Deutschland ein? Die Debatten um Internetsperren, den Jugendmedienschutz oder die Netzneutralität zeigen, dass es auch hier besorgniserregende Entwicklungen gibt.

Kennen Sie die Seite chillingeffects.org? Da werden unter anderem unterschiedliche Suchergebnisse in Abhängigkeit der jeweiligen Landesgesetze offenbart. Google unterstützt die Tätigkeit von Chilling Effects, da hiermit transparent aufgezeigt, wo und was aufgrund staatlicher Regelungen zensiert wird. Sie sehen dort ebenso, was wir zum Beispiel aufgrund richterlicher Anordnungen aus unserem Index in Deutschland entfernen mussten. Den Holocaust zu leugnen etwa ist in Deutschland bekanntermaßen illegal, in den USA nicht. Deshalb sehen die Ergebnisse einer Google-Suche in Deutschland mitunter anders aus als die Ergebnisse der gleichen Suche in den USA. Wir versuchen, diese Art der Zensur, die auf den Gesetzen eines Landes beruht, öffentlich und transparent zu machen.

Und sonst?

Das Wissen über die Funktionsweise des Internet und darüber, was man damit machen kann, ist eine Frage der Medienkompetenz, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Wir setzen uns in diesem Bereich unter dem Dach der FSM (Freiwillige Selbstkontrolle Multimediadiensteanbieter eV) mit der Initiative "Ein Netz für Kinder" dafür ein, besonders kindgerechte Inhalte zu fördern. Im Rahmen dessen wurde auch die Suchmaschine für Kinder fragfinn.de entwickelt.

(Interview: Patrick Beuth)

Datum:  24 | 3 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR @ Social Media

 

Wir informieren Sie auch in den Sozialen Netzwerken - in Facebook, Twitter und Google+. Schauen Sie, was Ihre Facebook-Freunde auf FR-Online empfehlen - und verfolgen Sie unseren Twitter-Ticker:

 

Anzeige

 
Grimme Online-Award auf Twitter
 
Ressort

Nachrichten aus dem WWW und Tipps zum Computer-Kauf; Wissenswertes über
iPhone, iPad & Co


Fakten

Die Cebit 2012, das weltgrößte Treffen der IT-Branche, läuft von Dienstag, 6., bis Samstag, 10. März. Mehr als 4200 Unternehmen aus 70 Ländern stellen ihre Produkte und Neuentwicklungen in Hannover vor.

Das Leitthema der Messe lautet "Managing Trust" - die Kernfrage dabei ist, wie die Informationstechnik sicherer werden kann. Erwartet werden mehr als 340.000 Besucher.

Interaktive Karte
Die Karte Freiheit im Internet 2011 wurde von der NGO Freedom House erstellt - und von der FR als Google Map umgesetzt.

FR-online.de zeigt die Ergebnisse der Studie "Freedom on the Net 2011" in einer interaktiven Karte.

Anzeige

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

 

Die 5 beliebtesten Pausenspiele

FR @ Handy

Ob Büro, Biergarten oder Badesee: Die "Frankfurter Rundschau" ist auf dem Handy immer dabei - mit vielen Sport-Livetickern.

Textimport

Verfolgen Sie unsere Nachrichten in Ihrer Lieblingsdarstellung - via RSS-Feed. Für Ihren Windows-PC bieten wir sogar einen kostenlosen Newsreader an. Informationen im Digital-Bereich.

Meistgeklickt
Die Kandidaten für den
Foodwatch Goldener Windbeutel 
Eintracht Frankfurt zieht Bilanz 
Die Piratenpartei will das Urheberrecht reformieren.
Piraten zum Urheberrecht 
Facebook
Weblog

Hier wird das alte Frankfurt lebendig: Welche Ereignisse waren einst Stadtgespräch am Main? Zeitzeugenberichte und Hintergrundinformationen rund um die Frankfurter Stadtgeschichte.

Weblog

Ob mit Bahn oder Auto, Fahrrad oder zu Fuß - Pendler leiden jeden Morgen und Abend geduldig. Bisher. Nun reden sie. Im FR-Pendlerblog.

Weblog

Er ist Ihr Mann in der FR-Redaktion: Bei Bronski zählt Ihre Meinung. Diskutieren Sie online mit.