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Analyse: Die "Webciety" braucht Regeln

Künftig findet der Mensch, was ihn interessiert, auf seinem Rechner. Dafür sorgen Nutzer-Profile. Der Datenschutz hinkt der Entwicklung hinterher. Von Frank-Thomas Wenzel

Frank-Thomas Wenzel ist Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau.
Frank-Thomas Wenzel ist Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Niklas Zennström arbeitet subversiv. Mit der Tauschbörse Kazaa hat der Schwede die Musikindustrie, mit Skype, dem Anbieter von Internet-Telefonie, die Telekombranche erschüttert. Sein neuestes Projekt heißt Joost, das Fernsehen übers Web transportieren will. Ob Joost oder seine US-Konkurrenten Sling und Hulu: Die Plattformen werden die Art und Weise, wie wir mit Medien umgehen, verändern. Es klingt wie Science-Fiction, doch die Technik dafür ist längst da: Fernsehen ohne Sender ist das Prinzip. Serien, sportliche Live-Übertragungen und Spielfilme werden über Server, die irgendwo auf der Welt stehen, zur Verfügung gestellt.

Wie soll der Nutzer in diesem Ozean von Informationen den Kopf oben halten? Ganz einfach. Das Prinzip wird sich umkehren. Wir suchen nicht mehr mit Suchmaschinen, sondern finden. Auf unserem Rechner. Das, was wir und unsere Freunde mögen, was uns interessiert, was wir für den Job und unsere Hobbys wissen müssen. Auch hierfür hat die Informationstechnik Lösungen entwickelt: Nutzerprofile. Sie sind der Kern von sogenannten sozialen Netzwerken wie Facebook, MySpace oder StudiVZ. Doch allenthalben warnen Datenschützer vor der naiven Preisgabe der sensiblen Daten. Die Gefahren des Missbrauchs sind wohlbekannt. Letztlich wird ein Grundrecht ausgehebelt: das der "informationellen Selbstbestimmung". Die Lektion, die wir lernen sollen, ist klar: Zurückhaltung bis zur Enthaltsamkeit beim Eingeben persönlicher Informationen soll Privatheit gewährleisten.

Allerdings stellt sich die Frage, wie lange die Nutzer das durchhalten. In Anbetracht der ungeheuren Mobilisierung von Bildern, Tönen und Texten im Netz kann die Teilhabe an der "Webciety", Topthema auch auf der Computermesse Cebit, auf Dauer nämlich nur funktionieren, wenn Nutzer Profile hinterlegen, um ein Ertrinken im Datenmeer zu verhindern. Hierfür muss die Politik aber Spielregeln entwickeln. Zugegeben: Die Aufgabe ist komplex. Es müssen ganz neue Schutz- und Kontrollmechanismen entwickelt werden.

Momentan läuft die Bundesregierung dem technischen Fortschritt mit meilenweitem Abstand hinterher. Das zeigt das geplante neue Datenschutzgesetz, das mit vielen Ausnahmeregelungen durchsetzt ist, die das Grundprinzip - Daten dürfen nur mit ausdrücklicher Einwilligung des Betroffenen weitergegeben werden - unterlaufen. Der gravierendste Mangel: Es ist eine Übergangszeit von drei Jahren geplant - in der IT-Branche eine Ewigkeit. Mindestens bis 2012 darf der Handel mit Daten relativ ungehemmt florieren.

Der Staat muss schneller und konsequenter handeln - das ist das mindeste. Drastische Strafen für Datenmissbrauch und ein massiver Ausbau der Datenschutzbehörden sind notwendig. Beides fehlt im geplanten Gesetz. Das zeigt, dass es nicht nur unter jugendlichen StudiVZ-Nutzern, sondern auch unter den Regierenden massive Defizite im Wissen um die IT-Gefahren gibt. Datenschützer beklagen , dass "eine breite Auseinandersetzung über den Schutzbedarf von Informationen nicht stattfindet". Auch dies muss dringend nachgeholt werden.

Niklas Zennström ist indes schon den nächsten Schritt gegangen: Joost ist seit kurzem mit dem sozialen Netzwerk Netlog verknüpft.

Autor:  FRANK-THOMAS WENZEL
Datum:  7 | 3 | 2009
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