Wenn die Geschichte stimmt, dann ist erstmals ein Informant von Wikileaks enttarnt worden. Wenn.
Bradley Manning heißt der US-Soldat, der das geheime Video, das unter dem Titel Collateral Murder weltweit bekannt wurde, an die Whistleblower-Plattform geleitet haben soll. Es zeigt den Angriff eines US-Hubschraubers auf Zivilisten im Irak, bei dem mehrere Menschen, darunter auch zwei Reuters-Mitarbeiter, ums Leben kamen. Manning wurde als Aufklärer in der 10. Gebirgsjägerdivision im Irak eingesetzt und soll Zugang zu einer Vielzahl geheimer Dokumente gehabt haben. Nun steht er unter Arrest.
Das Wired-Magazin hat die Hintergründe zur Verhaftung als erstes veröffentlicht. Demnach hat Manning mit einem bekannten ehemaligen Hacker namens Adrian Lamo im Internet gechattet und dabei geprahlt, nicht nur das Video, sondern auch Hunderttausende weitere geheime Dokumente an Wikileaks übergeben zu haben, die "beinahe kriminelle politische Hintergrundgeschäfte" belegen sollen.
Lamo seinerseits habe Manning anschließend an die US-Armee und das FBI verraten, schreibt Wired-Journalist Kevin Poulsen, selbst ein ehemaliger und verurteilter Hacker - weil Manning die nationale Sicherheit gefährden würde. Und weil Lamo wegen seiner Hackertätigkeit in der Vergangenheit schon genug Ärger mit dem FBI gehabt habe.
"Adrian Lamo und Kevin Poulsen sind notorische Verbrecher"
Mannings Verhaftung wurde mittlerweile offiziell vom US-Militär bestätigt. Die genauen Gründe wurden nicht genannt, laut Reuters ist der Grund aber das Video aus dem Irak. Von weiteren geheimen Dokumenten ist dagegen keine Rede.
Die Reaktion von Wikileaks erfolgte über Twitter. Dort stellten die Aktivisten zunächst klar, dass sie keine Informationen über ihre Informanten haben und deshalb nicht wissen, ob Manning wirklich derjenige war, der ihnen das Irak-Video zugespielt hat. Den Besitz der anderen Dokumente könne man nicht bestätigen. Doch dann wurden sie regelrecht ausfällig: "Adrian Lamo und Kevin Poulsen sind notorische Verbrecher, Verräter und Manipulatoren. Journalisten sollten vorsichtig sein." Und etwas später eine Botschaft direkt an die beiden: "Für Journalisten wie euch ist ein besonderer Platz in der Hölle reserviert."
Daniel Schmitt, Sprecher von Wikileaks, sagte dieser Zeitung: "Lamo bezeichnet sich selbst als Journalist, und seine Entscheidung, Manning an die Behörden zu verraten, ist weder nachvollziehbar noch vereinbar mit irgendeinem journalistischen Kodex." Außerdem seien Lamo und Poulsen "gute Freunde, haben einen ähnlichen Hintergrund, sind beide überführte Verbrecher, die heute mit dem FBI zusammenarbeiten. Da muss man auch mal klare Wort finden."
Sollte der Wired-Artikel der Wahrheit entsprechen, hätte sich Manning selbst enttarnt - im Vertrauen, in Lamo einen integren Gesprächspartner gefunden zu haben. Trotzdem ist der Fall auch für Schmitt und Wikileaks problematisch, da sich die über die ganze Welt verteilte Organisation auf starke Gesetze zum Schutz von Presse und Informanten aus verschiedenen Ländern beruft: "Wenn Manning unsere Quelle war, dann genießt er über unsere Struktur gewisse Rechte. Genau deshalb sind wir so strukturiert. Wir wollen sicherstellen, dass er, sollte er unsere Quelle sein, von diesen Rechten Gebrauch machen kann und das auch unsere Rechte durch diese Untersuchung nicht verletzt werden. Unsere Anwälte prüfen das im Moment alles." Noch hält er die ganze Story aber für unglaubwürdig, schließlich gebe es noch keine offizielle Aussage von Manning. Ob der wirklich etwas zugegeben habe und ob der Chat mit Lamo wirklich stattgefunden hat, das könne derzeit niemand beweisen.
Viele Sympathisanten glauben, dass hinter dem Wired-Bericht dunkle Absichten stecken: Das Vertrauen von Informanten in Wikileaks solle durch die Verhaftung von Bradley Manning erschüttert werden, um die Organisation zu schwächen. Genau diese Taktik war nämlich im März publik geworden, als Wikileaks ein geheimes Dokument eines Spionageabwehrdienstes veröffentlichte, in dem die Offenlegung von Quellen und die Verfolgung von "Whistleblowern" empfohlen wurden.

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